Ausbeutung Die geprellten Bauarbeiter aus Niederbayern

Großbaustelle: Die Geflügelschlachterei in Bogen ist im Februar bis auf die Grundmauern niedergebrannt.

(Foto: Wolfgang Wittl)
  • Mindestens 25 Männer aus Rumänien haben auf der Baustelle auf dem ehemaligen Gelände der abgebrannten Wiesnhof-Schlachterei bei Straubing gearbeitet.
  • Weil sie ihren Lohn nicht ausbezahlt bekamen, kündigten sie.
  • Verschiedene Subunternehmen schieben sich gegenseitig die Verantwortung zu.
Von Andreas Glas

Es ist Mitte August, Adrian Cirjan steht vor einem Bauzaun, er hält die Hand gegen die Sonne und schaut nach oben. "Das war meiner", sagt er und deutet auf einen 50 Meter hohen Kran. Er klingt ein bisschen stolz, aber vor allem klingt er besorgt. Es herrscht Ruhe auf der Baustelle in Bogen bei Straubing, die Arbeit steht still. Adrian Cirjan und seine Kollegen haben hingeschmissen, sie hatten die Schnauze voll, haben die Schubkarren stehen und das Werkzeug fallen lassen, sind gegangen. Weil sie wochenlang gearbeitet, aber keinen Cent dafür bekommen haben. "Alles Mafia", sagt Adrian Cirjan, 26.

Sieben Wochen später wartet Cirjan immer noch auf sein Geld - und nicht nur er. Cirjan ist einer von mindestens 25 rumänischen Männern, die nach Bogen gekommen waren, um die im Februar niedergebrannte Geflügelschlachterei der Firma Wiesenhof wieder aufzubauen. Im Juni haben sie angefangen zu arbeiten, seit Juni warten sie auf ihre Bezahlung.

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Nach Aussagen der Männer geht es um mehr als 100 000 Euro, die ihnen das Bauunternehmen Xaver Bachner GmbH schuldig ist. Doch in der Pflicht fühlt sich die Straubinger Firma offenbar genauso wenig wie ihr Mutterkonzern, die Münchner Züblin AG. Auf Nachfrage der Süddeutschen Zeitung hatte eine Züblin-Sprecherin Mitte August zwar versprochen, "unbürokratische finanzielle Soforthilfe" zu leisten - doch bekommen haben die Bauarbeiter seitdem nur einen Bruchteil ihres Geldes.

Adrian Cirjan ist inzwischen weitergezogen, gemeinsam mit seinem Vater Florian. Die beiden arbeiten jetzt auf einer Baustelle in München. Doch für das Geld, das ihnen in Bogen versprochen wurde, wollen die beiden Männer weiter kämpfen - anders als viele ihrer Kollegen, die bereits frustriert zurückgefahren sind in ihre rumänische Heimat. Sie haben getan, worauf viele Bauunternehmen spekulieren. Je länger die Unternehmen ihre Arbeiter warten lassen, desto größer die Chance, dass die Arbeiter irgendwann aufhören zu kämpfen - und die Baufirmen ihr Geld behalten können.

Im Fall der Wiesenhof-Baustelle hatte die Firma Züblin die Verantwortung zunächst auf das rumänische Subunternehmen Lustona Bau geschoben, mit dem die 25 Bauarbeiter ihre Arbeitsverträge abgeschlossen hatten. Deren Konten seien eingefroren, die Firma sei pleite, deswegen fließe kein Geld, ließ Züblin mitteilen.

Die Arbeiter kennen die Sprache und ihre Rechte nicht

Eine billige Ausrede, findet Bettina Wagner vom Berliner Beratungsbüro für entsandte Beschäftigte des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB). Für die Nettolöhne, sagt sie, hafte der Generalunternehmer - und damit nicht die rumänische Lustona Bau, sondern die Firma Bachner. Wagner hat das reklamiert, sie setzt sich für die Arbeiter ein, die ohne Unterstützung des Beratungsbüros hilflos wären, weil sie weder die deutsche Sprache noch ihre Rechte in Deutschland kennen. Für Baufirmen sind das ideale Voraussetzungen, um Arbeiter aus dem Ausland auszubeuten.

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Und die Firmen haben keine Skrupel, ihre Chance zu nutzen. Allein das Berliner Beratungsbüro für entsandte Beschäftigte hat sich im vergangenen Jahr um knapp 2000 Wanderarbeiter aus Osteuropa gekümmert, die um ihren Lohn geprellt wurden. "Das Problem war, dass wir keine Kopien von den Arbeitsverträgen bekommen haben", sagt Florian Cirjan, 60, ein bulliger Mann mit kantigem Schädel, früher war er Boxer. Auch das gehört zur Strategie vieler Firmen, die im Ausland Personal anheuern. Ohne Arbeitsvertrag konnten Cirjan und seine Kollegen nicht beweisen, dass sie tatsächlich auf der Wiesenhof-Baustelle in Bogen gearbeitet haben.

Die Firma will wesentlich weniger zahlen - wenn überhaupt

Das DGB-Beratungsbüro hat sich die Verträge inzwischen mühsam aus Rumänien besorgt. Darin waren den Arbeitern pro Stunde 14,20 Euro versprochen worden. Exakt so hoch ist der seit Anfang des Jahres geltende Branchenmindestlohn für Fachwerker. Doch diesen Lohn scheint die Straubinger Firma Bachner inzwischen nicht mehr zahlen zu wollen. Für den Monat Juli hat Bachner für die 25 Männer noch ausstehende Nettolöhne von rund 25 000 Euro errechnet - das ist deutlich weniger als die Bauarbeiter angegeben hatten. Und trotzdem: Bettina Wagner vom DGB-Beratungsbüro wäre schon froh, wenn die Firma wenigstens diesen Betrag endlich zahlen würde.

Adrian Cirjan könnte das Geld jedenfalls gut gebrauchen. Er hat vor, im November zu heiraten, das Restaurant ist schon gebucht. Er ist nach Deutschland gekommen, um das Fest zahlen zu können, um seiner Freundin ein Kleid kaufen zu können und einen Ring. Kommt kein Geld aus Straubing, wird er die Feier absagen und länger als geplant auf der neuen Baustelle in München bleiben müssen. Wenigstens hat Adrian Cirjan dort eine Gewissheit: dass ihn die Baufirma nicht nur schuften lässt, sondern auch bezahlt.

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