Naturschutz Wald vor Wind

Windräder sind nicht besonders schön. Auch nicht, wenn sie im Wald stehen. Im Bayerischen Wald sollen gleich 14 gebaut werden.

(Foto: Imago)

Am Wagensonnriegel soll ein Windpark gebaut werden. Weit weg von den Orten, aber nah dran am Nationalpark Bayerischer Wald. Naturschützer sind entsetzt

Von Christian Sebald

Was war das für ein Proteststurm, als Ministerpräsident Horst Seehofer sein umstrittenes Abstandsgesetz durchsetzte, nach dem Windräder künftig zwei Kilometer von Ortschaften entfernt sein müssen. Das sei das Ende der Windkraft in Bayern, prophezeiten Umweltverbände und Landtagsopposition. Und nun das: Am Wagensonnriegel, in direkter Nachbarschaft zum Nationalpark Bayerischer Wald, sollen 14 Windrädern errichtet werden. Wer nun denkt, es ist offenbar doch nicht so schlimm bestellt um den Ausbau der Windkraft, der täuscht sich. Obwohl die Anlagen zwei Kilometer von den nächsten Siedlungen entfernt liegen, werden sie bekämpft - weniger von Anwohnern, dafür um so heftiger von örtlichen Naturschützern. Sie fürchten um den Nationalpark. Sollten die Windräder kommen, könnte das Schutzgebiet womöglich sein Europadiplom verlieren, sagt Eva Pongratz vom Verein der Nationalpark-Freunde. Das Europadiplom ist ein höchst renommiertes Gütesiegel des Europarats für besonders wertvolle Naturlandschaften.

Der Reihe nach: Der Wagensonnriegel ist ein 959 Meter hoher Gipfel in einem lang gezogenen Waldrücken zwischen den Bayerwald-Orten Kirchdorf im Wald, Spiegelau, Frauenau, Zwiesel, Regen und Rinchnach. Auf ihm stehen eine kleine Holzkapelle, die einst der Bayerwaldverein errichtet hat, ein Gipfelkreuz und einige Bänke zum Rasten. Der Waldrücken ist ein beliebtes Ziel bei Einheimischen wie Urlaubern - im Sommer zum Wandern, Radeln und Nordic Walken, im Winter zum Langlaufen. Hier kann man stundenlang unterwegs sein, ohne auf Ortschaften oder Straßen zu stoßen. Dafür kann man mit ein wenig Glück Schwarzstörche, Habichtskauze und andere sehr seltene Vögel beobachten. Auch Abendsegler und andere bedrohte Fledermausarten kommen hier vor. Und Luchse. Sie streifen vom nur wenige Kilometer entfernten Nationalpark herüber, einige haben hier Reviere gebildet.

Ausgerechnet am Wagensonnriegel haben nun die Kommunalpolitiker der Region die 1700 Hektar große "Vorrangfläche Windkraft 43" ausgewiesen. Der technokratische Begriff besagt, dass hier sämtliche Windräder konzentriert werden sollen, die in der Gegend aufgestellt werden. "Dafür wollen wir die Gebiete um unsere Ortschaften frei halten", sagt der Kirchdorfer Bürgermeister Alois Wildfeuer (Freie Wähler). Sogar den regulären Abstand von drei Kilometern, den eine solche Vorrangfläche zum Nationalpark eigentlich einhalten sollte, haben sie auf einen Kilometer verringert, damit die Windräder möglichst weit weg liegen von ihren Häusern. "Uns sind die Menschen wichtiger als die Natur", sagt Wildfeuer. "Wenn anderswo die Bevölkerung mit Windrädern zurechtkommt, werden das bei uns die Tiere können." Investoren sind bereits vorhanden. Die örtliche Energiegenossenschaft Freyung will vier Windräder aufstellen. Für die anderen zehn will sich SWM Bayernwind, eine Tochter der Stadtwerke München, die Flächen sichern.

Pongratz und andere Naturschützer im Bayerischen Wald sprechen von einem "verheerenden Signal weit über unsere Region hinaus". Der Wagensonnriegel sei nicht nur eine einmalige Erholungslandschaft. Das Gebiet sei schon vor Jahrzehnten unter Landschaftsschutz gestellt und seither als Naturpark entwickelt worden. Und für den Nationalpark sei der Wagensonnriegel eine "unverzichtbare Pufferzone" zur Kulturlandschaft. Sollte der Windpark tatsächlich gebaut werden, würde das nicht nur die streng geschützte Tierwelt dort empfindlich stören und schädigen. Es würde auch einen immensen Ansehensverlust für den Nationalpark bedeuten. Der Windpark wäre aber auch ein schlimmes Zeichen für die anderen 15 Nationalparks in Deutschland und deren Rand- und Pufferzonen, dass ihnen ein ähnliches Schicksal blühen könnte. Zumal der Nationalpark Bayerischer Wald ja der erste überhaupt in Deutschland war und deshalb immer noch Vorbildfunktion für alle weiteren habe. In ihrer Not haben Pongratz und die Nationalpark-Freunde bereits den Europarat alarmiert. Er soll prüfen, ob und, wenn ja , welche Auflagen er für den Windpark erlassen kann.

Beim Bund Naturschutz (BN) tut man sich mit dem offenen Protest nicht so einfach - zumindest an der Landesspitze. Schließlich hat sich die BN-Führung um Hubert Weiger immer sehr stark gemacht für den Ausbau der Windkraft in Bayern. "Natürlich ist die Ausweisung des Vorranggebietes am Wagensonnriegel nicht gut gelaufen", sagt der BN-Landesbeauftragte Richard Mergner auf Nachfrage. "Vor allem die Verringerung des Mindestabstands zum Nationalpark auf einen Kilometer ist ein Fehler." Zwar habe man dagegen protestiert, doch man habe sich nicht durchsetzen können. "Der Wagensonnriegel", so lautet Mergners dürres Fazit, "ist sicher nicht die beste Fläche für einen Windpark."