Nationalsozialismus Wie der braune Mob in Franken tobte

Unter Diakonissen: Im Oktober 1934 wurde der sogenannte "Frankenführer" Julius Streicher (Mitte unten) im Diakonissenmutterhaus Hensoltshöhe empfangen.

(Foto: Stadtarchiv Gunzenhausen/oh)

Bereits viereinhalb Jahre vor der Reichspogromnacht kam es in Gunzenhausen zu einer Hetzjagd. Ein Buch legt nun offen, was lange totgeschwiegen wurde.

Von Olaf Przybilla, Gunzenhausen

Der ehemalige Bürgermeister von Neustadt an der Aisch, Wolfgang Mück, hat kürzlich erzählt, wie das war mit dem nationalsozialistischen Erbe im ländlich-protestantischen Westmittelfranken. Wie zwar alle wussten, dass der Landstrich deutlich früher den Nazis anheimgefallen ist als die meisten anderen in der Weimarer Republik.

Dass dies aber noch Jahrzehnte danach kaum einer hören, geschweige denn aufgeschrieben sehen wollte. Mück hat trotzdem eine Monografie über die sehr frühe Nazi-Hochburg Neustadt, seine Heimatstadt, geschrieben, auch wenn es an Warnungen nicht mangelte. Es scheint so zu sein, als breche da gerade etwas auf im westlichen Mittelfranken, 70 Jahre nach dem Nürnberger Urteil gegen die NS-Hauptkriegsverbrecher.

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Die Geschichte des Autors Thomas Medicus, 63, ähnelt in nicht unwesentlichen Teilen der von Mück. Auch Medicus ist in Westmittelfranken geboren, in Gunzenhausen, auch er hat das eisige Schweigen über die Vergangenheit erlebt, auch er ist später nach Berlin umgezogen und legt jetzt ein Buch vor, das dokumentiert, wie früh der braune Mob in der Kleinstadt wütete, unter Mithilfe protestantischer Würdenträger.

Bei der letzten freien Reichstagswahl 1933 kamen die Nazis in Gunzenhausen auf 67,1 Prozent, 23 Prozentpunkte mehr als im Reichsdurchschnitt. Schon im April 1933 wurde unter reger Anteilnahme der Stadtbevölkerung das sogenannte Hitlerdenkmal eingeweiht, das erste seiner Art in Deutschland. Und bereits im März 1934 - viereinhalb Jahre also vor der Reichspogromnacht - kam es in Gunzenhausen zu einem Exzess offenbar angestauter antisemitischer Ressentiments.

Der sogenannte Blutpalmsonntag gilt in dieser Phase des NS-Regimes als einzigartig drastische Hetzjagd. Nach unterschiedlichen Schätzungen nahmen zwischen 700 und 1500 Personen daran teil, bis in die Abendstunden zog der Mob marodierend durch Gassen, drang in Häuser ein, zerstörte Möbel, misshandelte Bewohner. Zwei Menschen kamen dabei ums Leben: Der 30-jährige Sozialdemokrat Jakob Rosenfelder wurde erhängt in einem Schuppen gefunden, der 65-jährige Max Rosenau erstach sich aus Angst vor eindringenden Hetzjägern. Der Prozess gegen den Mob geriet zur Farce: Die Mehrheit der SA-Männer wurde wegen Landfriedensbruchs zu niedrigen Gefängnisstrafen verurteilt.

Fotodokumente zeigen die Vergangenheit

Medicus lebte bis zum Abitur in seiner Heimatstadt, 1972 verließ er sie. Vom Blutpalmsonntag hatte er bis zu der Zeit kein Wort gehört. Darauf gestoßen ist Medicus erst 20 Jahre später, beim Lesen eines Buches von W. G. Sebald. Medicus war zu der Zeit Redakteur beim Tagesspiegel in Berlin. "Als ich die Passage las, in der es um die NS-Umtriebe in Gunzenhausen geht, dachte ich, mich trifft der Schlag", erzählt er. Das war immerhin seine Stadt, in der er aufgewachsen ist. Und trotzdem hatte er nie davon gehört. "So was springt einen an wie ein bissiger Hund", sagt Medicus.

Auch im Zentralschulhaus von Gunzenhausen hingen Hitler- und Streicherporträts.

(Foto: Stadtarchiv Gunzenhausen/oh)

Als ihm ein Archivar vor drei Jahren die Sammlung eines Foto-Studios aus Gunzenhausen auf den Tisch legte, folgte der zweite Schock. Und der Beschluss, mehr wissen zu wollen. Das Atelier Biella hatte die NS-Machtetablierung in Gunzenhausen akribisch dokumentiert, auf 2500 Fotos sind "Volksgenossen" in Parteiuniform ebenso abgebildet wie Zwangsarbeiter und Menschen, die Biella in einer "Judenkartei" archivierte. Medicus kennt alle Schauplätze auf den Fotos, einschließlich des Gebäudes, in dem er zur Schule gegangen ist. Dieses NS-Panorama hätte ihn fast in einen Zustand des Taumelns versetzt, sagt er.

Nach dem Krieg begann die Zeit des Schweigens

Vor allem die Bilder von der "Hensoltshöhe". Das oberhalb der Stadt an einem bewaldeten Höhenzug liegende Erholungshaus hatte sich diakonischen Tätigkeiten verschrieben, im Zeichen des Pietismus. Unter der Leitung des Hausvaters, des Pfarrers Ernst Keupp, ging das Heim aber auch früh schon ein Bündnis mit den lokalen NSDAP-Führern ein. Das Gruppenbild aus dem Atelier Biella mit dem "Frankenführer" Julius Streicher stehe geradezu exemplarisch für den Abschluss der lokalen NS-Machtübernahme, sagt Medicus: "Als Zeugnis einer protestantisch-pietistischen-völkischen Allianz", die das geistige Klima in der Kleinstadt fortan prägte und dominierte.

Entstanden ist es bereits im Oktober 1934, Streicher wurde von Spalier stehenden Diakonissinnen triumphal begrüßt. Nach dem Krieg musste sich Keupp, der Hauspfarrer des Heims, vor einem Spruchkammergericht verantworten, er starb während des Verfahrens. In Gunzenhausen begann die Zeit des Schweigens.

Thomas Medicus (Hg.), Verhängnisvoller Wandel. Ansichten aus der Provinz 1933-1949. Mit Beiträgen von acht weiteren Autoren. Hamburg 2016.

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