Misshandlungsvorwurf in Traunstein Polizeichef vor Gericht

Er soll einen 15-Jährigen auf der Wache mindestens zwei Mal mit dem Kopf gegen die Wand geschlagen haben, nun steht er vor Gericht: In Traunstein beginnt der Prozess gegen den Rosenheimer Ex-Polizeichef wegen Misshandlung eines Schülers.

Von Hans Holzhaider

Der Eingangsbereich des Polizeigebäudes in Rosenheim. Der ehemalige Chef steht ab Montag wegen der Misshandlung eines Schülers vor Gericht.

(Foto: dpa)

Vor dem Landgericht Traunstein beginnt am Montag der Prozess gegen den ehemaligen Leiter der Polizeiinspektion Rosenheim. Der 51-jährige Rudolf M. wird beschuldigt, im Sommer 2011 auf dem Rosenheimer Herbstfest einen 15-jährigen Schüler misshandelt zu haben. Nachdem eine Rosenheimer Zeitung über den Vorfall berichtet hatte, wurde M. vom Dienst suspendiert.

Außer in einer dienstlichen Stellungnahme, über deren Inhalt bisher öffentlich nichts bekannt wurde, hat sich der Polizeibeamte nicht zu dem Vorgang geäußert. In einem Brief an die Familie, berichtet deren Rechtsanwalt, habe sich M. jedoch vor einigen Tagen entschuldigt, den Vorgang aber als Unfall dargestellt, bei dem der Junge unglücklich gegen die Wand gefallen sei.

Als die mutmaßliche Körperverletzung bekannt wurde, stand die Rosenheimer Polizei schon wegen eines anderen Vorfalls in der Kritik. Die Staatsanwaltschaft hatte eine Familie aus dem Nachbarort Pfaffenhofen wegen Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte angeklagt. Es stellte sich aber heraus, dass die Angeklagten eigentlich die Opfer waren. Sie waren von mehreren Polizeibeamten aus nichtigem Anlass mit erheblicher Gewalt zu Boden gerungen, gefesselt und mutmaßlich auch geschlagen worden.

Das Verfahren gegen die vier Familienmitglieder wurde vom Amtsgericht Rosenheim später eingestellt, die Polizisten wurden nicht angeklagt. In dieser Situation erregte der Volksfest-Vorfall erhebliches Aufsehen, auch im Landtag. Innenminister Joachim Herrmann sah sich zur Aussage genötigt: "Wir wollen keine Rambos bei der bayerischen Polizei", und es werde "nichts unter den Tisch gekehrt".

Auf dem Rücken gefesselten Hände

Der Anklage zufolge war der Schüler an einer Schlägerei beteiligt. Zwei Beamte wollten ihn mit auf dem Rücken gefesselten Händen auf die Wiesenwache bringen. Der Polizeichef kam dazu und erklärte, er werde das selbst übernehmen. Schon auf dem Weg zur Wache habe Rudolf M. den Schüler mehrere Male mit dem Knie ins Gesäß getreten. Dieser habe sich über die Behandlung beschwert, daraufhin habe ihm der Beamte eine Ohrfeige gegeben und ihn weiter mit dem Knie gestoßen.

In der Wache - außerhalb der Volksfestzeit das Hinterzimmer einer Bäckerei - habe M. den Jugendlichen gepackt, hochgehoben und ihn mindestens zweimal mit dem Kopf gegen die Wand geschlagen. Der Junge erlitt eine Platzwunde an der Unterlippe, ein Schneidezahn brach ab. Er blutete stark. Er habe dann "verschiedene Beleidigungen" gegen den Beamten geäußert, woraufhin dieser ihm eine weitere Ohrfeige versetzt habe.

Der Rosenheimer Rechtsanwalt Werner Tröger, der den 15-Jährigen vertritt, berichtet, dessen Mutter sei teilweise Augenzeugin des Vorfalls gewesen. Sie sah, wie zwei Polizisten ihren Sohn mit gefesselten Händen in die Wache führten. Sie gab sich als die Mutter zu erkennen, wurde trotzdem nicht mit hineingelassen. Etwas später gelang es einer Freundin der Mutter, einen Fuß in die Tür zum Wachraum zu setzen. Durch den Türspalt, so der Anwalt, habe sie selbst beobachtet, wie ein Polizist ihren Sohn mit dem Kopf gegen die Wand schlug.

Nachdem der Junge entlassen worden war, habe sie sich erkundigt, wer dieser Beamte sei. Einer der Polizisten habe gesagt: "Da können wir nichts machen, das ist der Chef." Sie habe ihren Sohn ins Krankenhaus gebracht und sei danach auf die Polizeiinspektion gefahren, um Anzeige zu erstatten. Auch dort habe man ihr die Auskunft über den mutmaßlichen Täter verweigert. Ein Beamter habe ihr dann unter der Hand einen Zettel zugesteckt, auf dem der Name des Inspektionsleiters stand. Für den Prozess sind vier Verhandlungstage vorgesehen.