Missbrauchsskandal Ein Bistum will Buße tun

Die Kirche arbeitet die Vergangenheit der Regensburger Domspatzen bis zum Jahr 1992 nun schonungslos auf. Hier ein Konzert aus dem Jahr 2009.

(Foto: Tobias Gerber/laif)
  • Im Missbrauchsskandal um die Regensburger Domspatzen bittet Bischof Rudolf Voderholzer die Opfer um Vergebung.
  • Je nach Schwere der körperlichen und sexuellen Übergriffe will die Kirche jedem Betroffenen zwischen 5000 und 20 000 Euro zahlen.
Von Andreas Glas, Regensburg

Nach Jahren der Eiszeit kommen sich die katholische Kirche und die Opfer des Missbrauchsskandals bei den Regensburger Domspatzen näher. "Wir haben etwas erreicht, von dem wir jahrelang geträumt haben", sagte der frühere Domspatz Alexander Probst am Mittwoch bei einer Pressekonferenz des Aufarbeitungsgremiums aus Kirchen- und Opfervertretern.

Seit Februar hatte das Gremium über Konsequenzen der jahrzehntelangen Übergriffe verhandelt, nun kündigte Regensburgs Bischof Rudolf Voderholzer an, die Opfer bis Ende 2017 finanziell zu entschädigen. Je nach Schwere der körperlichen und sexuellen Übergriffe erhält jeder Betroffene zwischen 5000 und 20 000 Euro. "Es ist ein Zeichen, dass wir es ernst meinen", sagte Voderholzer.

Als weiteren gemeinsamen Schritt verkündete das Gremium, eine unabhängige Opferberatungsstelle beim Münchner Informationszentrum für Männer (MIM) einzurichten. Diese Anlaufstelle war eine zentrale Forderung der Opfervertreter, damit Betroffene sich künftig nicht mehr direkt an die Kirche oder den von der Kirche eingesetzten Aufklärer wenden müssen.

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Die Beratungsstelle ist vor allem für jene Opfer gedacht, die sich bisher noch nicht getraut haben, sich zu melden. Sie bekommen dort auch Hilfe beim Antrag auf finanzielle Entschädigung. Zudem hat das Gremium zwei Studien in Auftrag gegeben. Eine sozialwissenschaftliche Studie soll Mechanismen erforschen, die Missbrauch im Allgemeinen begünstigen. Dazu soll eine historische Studie die internen Strukturen bei den Domspatzen analysieren. Die Ergebnisse der Studien sollen dem Bistum helfen, Übergriffe künftig zu verhindern und Fehler im Umgang mit dem Skandal zu erkennen.

"Es schmerzt mich. Mir tut jeder einzelne Fall in der Seele weh", sagte Bischof Voderholzer am Mittwoch. "Ich kann es nicht ungeschehen machen und die Betroffenen nur um Vergebung bitten." Er zeigte sich zufrieden mit den Verhandlungen zwischen Kirche und Opfervertretern. Nun seien "die Weichen gestellt" für eine vollständige Aufarbeitung der körperlichen und sexuellen Übergriffe, sagte Voderholzer. Er betonte allerdings, dass es nur den Opfern und nicht dem Bistum zustehe, "einen Schlussstrich zu ziehen".

Vertreter der Opfer zeigten sich erleichtert über die Bemühungen

Zur Rolle seines Vorgängers Gerhard Ludwig Müller wollte sich Bischof Voderholzer aber auch diesmal nicht äußern. Auf Nachfrage sagte er lediglich: "Wir sind alle in einem Lernprozess. Wir lernen jeden Tag dazu." Im Gegensatz zu Voderholzer hatte sich Müller nie um Aussöhnung bemüht, nachdem vor sechs Jahren die ersten Missbrauchsfälle bekannt geworden waren.

Bis zum Ende seiner Amtszeit im Jahr 2012 hatte Müller stets von "Einzelfällen" gesprochen und sein Bistum als Opfer einer Medienkampagne dargestellt. Auch Nachfolger Voderholzer musste sich lange Zeit vorwerfen lassen, die Täter von damals auch heute noch in Schutz zu nehmen. Man habe nicht das Recht von Tätern zu sprechen, weil niemand rechtskräftig verurteilt worden sei, hieß es noch zu Jahresbeginn aus dem Bistum. Zumindest mit Blick auf die Opfer im Domspatzen-Skandal hat sich der Ton unter Rudolf Voderholzer geändert. Das Bistum wolle die Betroffenen "befreien von dem, was geschehen ist" und dafür sorgen, dass sie sich "nicht noch selber rechtfertigen müssen".

Das Aufarbeitungsgremium hatte sich Anfang des Jahres auf Initiative des Regensburger Rechtsanwalts Ulrich Weber gegründet. Der Anwalt war vom Bistum beauftragt worden, die Vorfälle bei den Domspatzen als unabhängiger Ermittler aufzuklären. Im vergangenen Januar hatte Webers Zwischenbericht für Entsetzen gesorgt. Darin war die Rede von mehr als 230 Sängerknaben, die zwischen 1953 und 1992 von Priestern, Lehrern und Erziehern körperlich misshandelt worden waren. Dazu kamen mindestens 60 Fälle sexuellen Missbrauchs.

Die neuen Zahlen nährten damals erneut Zweifel am Aufklärungswillen des Regensburger Bistums. Schließlich hatte Anwalt Weber in nur acht Monaten Recherche mehr als doppelt so viele Opfer ermitteln können wie die internen Aufklärer des Bistums zuvor in fünf Jahren. Am Mittwoch nun sprachen auch die Vertreter der Opfer versöhnlich über das Bistum Regensburg. "Unser Forderungskatalog ist erfüllt", sagte Alexander Probst, "die Befriedung ist zum Greifen nahe."

Der heute 56-Jährige besuchte zwischen 1967 und 1974 zunächst die Vorschule des Domspatzen-Gymnasiums, danach war er Internatsschüler. In dieser Zeit war er mehrfach verprügelt und sexuell missbraucht worden. Auch Opfervertreter Peter Schmitt sprach von einem "Aufbruch" und zeigte sich erleichtert darüber, "dass es nach vielen, vielen Jahren eine Lösung gibt für die vielen Leute, die darauf gewartet haben". Zum Abschluss seiner Arbeit bemüht sich das Gremium nun noch um ein klärendes Gespräch mit Gerhard Ludwig Müller, mittlerweile Glaubenspräfekt in Rom.

Unterdessen hat Ermittler Ulrich Weber die Zahl der Betroffenen nach oben korrigiert. Seit Januar dieses Jahres haben sich weitere 129 Betroffene bei ihm gemeldet. Die Gesamtopferzahl steigt damit auf 422; die Dunkelziffer liegt nach Webers Schätzungen bei 600 bis 700 Opfern.

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