Landwirte in Bayern Wie Bauern unter dem Hochwasser leiden

Überflutet: ein einsamer Bauernhof.

(Foto: dpa)

Erst fegte die Flut Zäune weg, dann spülte sie Baumstämme, Autoreifen, Kanister und zentnerweise Treibsand an. Nach einer ersten Schätzung standen oder stehen alleine in Bayern etwa 20.000 Hektar Ackerland und etwa 10.000 Hektar Wiesen und Weiden unter Wasser. Für unzählige Bauern ist die Lage existenzbedrohend - nicht zuletzt, weil Wiesen fünf Jahre brauchen, um sich zu erholen.

Von Christian Sebald

Das hat der Milchbauer Josef Buchner aus Siegsdorf im Landkreis Traunstein noch nicht erlebt. Als sich am Wochenende die sonst so sanfte Traun in einen reißenden Strom verwandelte, versank ein Drittel seines Weidelands im Hochwasser. Als erstes fegte die schlammig-braune Flut Zäune, Trinkfässer fürs Vieh und anderes hinweg. Dann trieb sie Baumstämme, Äste und Wurzelstöcke, Autoreifen, Kanister und jede Menge anderen Schrott auf die Wiesen.

Das Schlimmste aber ist der Treibsand. "Der setzt sich überall ab, wenn das Hochwasser abfließt, und zwar zentnerweise", sagt Buchner. "Das Gras, das kannst du vergessen." Nicht nur, dass die Bauern es nicht mehr mähen können, weil ihnen die Maschinen kaputtgehen würden. "Das Vieh rührt es nicht mehr an", sagt Buchner. "Es stinkt und ist völlig ungenießbar."

So wie Buchner leiden derzeit Tausende Landwirte in Bayern unter dem Hochwasser und dem Dauerregen davor. Nach einer ersten Schätzung von Agrarminister Helmut Brunner (CSU) standen oder stehen bayernweit etwa 20.000 Hektar Ackerland und etwa 10.000 Hektar Wiesen und Weiden unter Wasser. Das ist zwar nur ein Prozent der Agrarfläche insgesamt im Freistaat. Aber da sich die Überschwemmungen auf die Regionen an Donau und Inn sowie rund um den Chiemsee und das Berchtesgadener Land konzentrieren, sind sie für viele Bauern dort existenzbedrohend.

Die Ernteausfälle lassen sich noch nicht beziffern

Denn es ist nicht damit getan, dass das Hochwasser irgendwann von den Äckern und Weiden abgelaufen sein wird. Die Böden bleiben auf Wochen hinaus so versumpft und nass, dass die Bauern noch lange nicht zu den dringendsten Aufräumarbeiten auf ihr Land fahren können. Hinzu kommen hohe Schäden an Maschinen, Wirtschaftswegen und anderer Agrar-Infrastruktur. Letztere summieren sich allein im Berchtesgadener Land nach ersten Schätzungen auf sieben Millionen Euro. Die Ernteausfälle lassen sich noch nicht beziffern. Laut Experten könnten sie bis zu eine halbe Milliarde Euro betragen.

Zumal nicht nur das aktuelle Hochwasser den Bauern übel mitspielt. Schon das ganze Frühjahr war viel zu kalt und so verregnet, dass die Vegetation überall in Bayern gut vier Wochen hinterher ist. Nur das Wintergetreide und der Raps stehen derzeit vergleichsweise gut auf den Feldern. Bei den anderen Ackerpflanzen sieht es schlecht aus. Kartoffeln, Rüben, Mais, Soja, Erbsen und Ackerbohnen sind kaum gediehen.

In manchen Gegenden war das Wetter sogar so schlecht, dass die Bauern dort noch gar nicht dazu gekommen sind, Kartoffeln zu setzen und Mais auszusäen. Und selbst in Regionen, die das Hochwasser verschont hat, hat der viele Regen viele kleine Pflänzchen regelrecht ersäuft. Auch bei Spargel, Erdbeeren, Salaten, Gurken und Zwiebeln erwarten die Bauern Ausfälle. Ebenso beim Hopfen.

Klar, dass der Bauernverband schon vor Tagen erste Hilferufe ausgesandt hat. "Die betroffenen Betriebe und Familien müssen unterstützt werden", sagt Bauernpräsident Walter Heidl und fordert Soforthilfen. Die haben Ministerpräsident Horst Seehofer und Bundesagrarministerin Ilse Aigner (beide CSU) denn auch schon zugesagt. Auch Agrarminister Brunner erklärt: "Wir lassen die Bauern nicht alleine." Wie viel sie freilich aus den Hochwasser-Hilfsprogrammen abrufen können, ist noch unklar.

Der Traundorfer Milchbauer Buchner rechnet derweil hin und her, wie lange er mit dem wenigen neuen Silofutter für seine Kühe hinkommen könnte, das er in den paar schönen Frühlingstagen hat machen können. Eigentlich ist es ja für den nächsten Winter gedacht. Doch nun wird Buchner es schon in ein paar Tagen anpacken müssen. Wie es weitergeht, wenn es aufgebraucht ist, weiß er noch nicht. "Beim letzten Jahrhunderthochwasser 2002, da haben die überschwemmten Wiesen fast fünf Jahr gebraucht, bis sie sich erholt hatten", sagt der Bauer. "Das jetzige Hochwasser war viel schlimmer."