Konzert Wie Bob Dylan in Nürnberg gegen Krieg ansang

Ohne Glitzeranzug gegen die "Masters of War": Bob Dylan 1978 in Nürnberg.

(Foto: imago/ZUMA Press)

1978 gab er ein denkwürdiges Konzert an einem denkwürdigen Ort. Nun tritt der Sänger erneut in der Stadt auf.

Von Dirk Wagner

"Wer vorgestern noch Aufstand rief, ist heute zwei Tage älter", beschreibt Thomas Brasch in einem Gedicht die Konzertbesucher, die Bob Dylan 1978 in Berlin auspfiffen und sogar mit Wasserbeuteln bewarfen. Weil der Star, der zum ersten Mal in Deutschland tourte, nicht den Protestsänger mimte, sondern ein Jahr nach Elvis Presleys Tod in dessen Las-Vegas-Glitzer-Outfit die Bühne betrat. Und weil er sein Frühwerk von einer Bigband begleitet im Reggae-Gewand servierte.

Bob Dylan sei zur "reichen Popdiva" verkommen, die im luxuriösen Eisenbahnwaggon mit goldenen Türgriffen die Republik bereise, schimpfte damals eine deutsche Tageszeitung. Dann spielte Dylan am 1. Juli 1978 vor mehr als 70 000 Zuschauern auf dem Zeppelinfeld in Nürnberg. Seine Bühne stand genau gegenüber der, auf der einst Adolf Hitler gefeiert wurde. So dass das Publikum Hitler nun den Rücken kehren musste, wenn es Dylan sehen wollte, wie der damalige Veranstalter Fritz Rau die Szene beschrieb.

"Ich weiß, wo und warum ich diesen Song heute spiele", hatte Dylan seinen Song "Masters Of War" dort kommentiert. Ohne Glitzeranzug trat er auf, weil dies nicht der Ort für eine Las-Vegas-Show sei. Nicht für einen Juden, der ein Jahrzehnt zuvor in "With God On Our Side" darüber sang, dass jetzt, wo die Deutschen trotz ihrer Ermordung von sechs Millionen Menschen wieder mit den USA befreundet seien, Gott womöglich auch wieder auf deren Seite stünde.

Peter Harasim, heute Veranstalter in Nürnberg, pilgerte auch damals zum Zeppelinfeld. "Bob Dylan hat uns Beat-Kids eine Sprache, eine Intelligenz und eine Arroganz gegeben. Ich danke ihm ewig dafür", sagt er und erinnert sich daran, wie gegen Ende des ersten Nürnberger Konzerts auch Eric Clapton mit Dylan auf der Bühne stand. Zuvor hatte Clapton dort das Vorprogramm gespielt. Harasim genoss das Konzert. Zumal er auch das damals aktuelle Dylan-Album "Street Legal" schätzte. Nach dem Nürnberger Gig konvertierte Dylan noch auf derselben Tournee zum Christentum. In der Folge schockierten drei oft unterschätzte Studioalben mit christlichen Bezügen die scheinbar ewig schockbereiten Dylan-Fans.

Heute irritiert die zu Dylanologen gereiften Fans so schnell nichts mehr. Wenn Dylan etwa auf seiner bislang 30 Jahre dauernden Never Ending Tour jüngst in der Salzburg-Arena auf alle Standards verzichtet, die heutzutage eine Veranstaltung dieser Größe begleitet, bewundert der Anhänger Ihre Bobness für seine konsequente Rückbesinnung auf die Musik. Ohne Videoleinwand zelebriert Dylan die und ohne eine Lightshow, die die technischen Möglichkeiten eines Radiohall-Konzerts im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts überbieten würde.

Statt zu murren, freut sich der Fan, wenn er einen Song wie "Blowin' in The Wind" trotz seiner musikalischen Wandlung erkennt. Und er genießt, wie Dylans rau knarzende Stimme auch Klassiker des amerikanischen Songbooks interpretiert, die gemeinhin der wohl sanftesten Stimme der Popgeschichte, nämlich Frank Sinatra, zugeschrieben werden. Kein Grußwort, keine Namensnennung der mitwirkenden Musiker unterbricht das auf die Musik reduzierte Konzert, in dessen Mittelpunkt eben nicht der Star steht, sondern seine Songs. Und die sprechen für sich, mag der Sänger denken, der hinter dem Klavier am Rand seiner Band steht und nur ab und zu in die Bühnenmitte tritt.

Bob Dylan; Sonntag, 22. April, 20 Uhr, Frankenhalle Nürnberg

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