Kloster Ettal: Neue Missbrauchsvorwürfe In innigem Kleinkrieg verbunden

Zunder im innerkirchlichen Streit: Neue Missbrauchsvorwürfe befeuern den Konflikt zwischen Ettal und Bistum München.

Von Monika Maier-Albang und Annette Ramelsberger

Und wieder erschüttert ein Skandal oder auch nur ein vermeintlicher die katholische Kirche. Ein Erzieher aus dem Kloster Ettal soll vor 25 Jahren ein Kind in einem anderen Kloster sexuell belästigt haben. Der Vorwurf: Als das Münchner Erzbistum vergangenes Jahr davon erfuhr, soll es drei Monate lang gezögert haben, das Kloster und die Staatsanwaltschaft zu informieren - obwohl der Verdächtige mit Kindern arbeitete.

Die Zeitung Die Welt berichtete unter der Überschrift "Kardinal Marx vertuschte Missbrauchsfall" davon und befeuert so den schwelenden Konflikt zwischen dem Erzbistum München und dem Benediktinerkloster Ettal. Das Kloster erklärt, man habe darauf vertraut, sofort informiert zu werden. "Es hat uns überrascht, dass die Vorwürfe schon drei Monate bekannt waren und wir erst im Juli in Kenntnis gesetzt wurden. Der Erzieher war bei uns ja noch tätig", sagt Michael Müller, der Sprecher des Klosters. Man hört den Vorwurf der Heimlichtuerei mitschwingen.

Das Erzbistum dagegen erklärt, das Opfer habe darauf bestanden, dass seine Hinweise absolut vertraulich behandelt und nicht weitergegeben würden. Daran habe man sich gehalten. Die Anwältin Marion Westphal, die für das Bistum die Akten auf Missbrauchsfälle durchforstet hat, stützt die Haltung der Diözese. Der damalige Missbrauchsbeauftragte, Siegfried Kneißl, habe korrekt gehandelt. "Ich sehe sowas von überhaupt keinem Fehlverhalten. Er hat mit dem Opfer gerungen, damit er die Informationen weitergeben darf", sagte Westphal der SZ. Der Mann sei traumatisiert. "Er hat Kneißl angefleht in den Mails, niemandem etwas davon zu sagen." Daran habe sich der Missbrauchsbeauftragte gehalten.

Später dann habe sich Erzbischof Reinhard Marx mit dem Opfer unter vier Augen getroffen. Fünf Tage später, sagt die Anwältin, habe der Mann die Zustimmung gegeben, die Staatsanwaltschaft zu informieren. Das sei noch am selben Tag geschehen, am Tag darauf sei auch das betroffene Kloster benachrichtigt worden. Die Diözese wehrt sich gegen den Vorwurf der Vertuschung und kündigte rechtliche Schritte gegen die Welt an. Der Verein der "Ettaler Misshandlungs- und Missbrauchsopfer" vermutet hinter der Berichterstattung eine "simple Retourkutsche aus Ettal".

Das Kloster selbst betont, es habe umgehend reagiert. Der verdächtige Erzieher arbeitet dort bereits sei 18 Jahren. Kloster-Sprecher Müller sagt heute: "Wir wären gerne gleich informiert worden." Man habe den Erzieher noch am selben Tag mit den Vorwürfen konfrontiert und ihn sofort vom Dienst freigestellt. Das sei er noch immer.

Jede Seite hat, für sich allein betrachtet, gute Argumente. Die eine, weil sie dem Wunsch des Opfers nachkam und Vertraulichkeit wahrte. Die andere, weil sie die Kinder keinem Risiko durch einen womöglich pädophilen Erzieher aussetzen wollte. Es hätte eine Lösung gegeben - aber nur, wenn Ettal und München vertrauensvoll miteinander umgehen würden. Dann hätte man unter der Hand sagen können: "Schaut euch den Erzieher mal an, wir haben noch nichts Belastbares, aber da könnte was kommen."

Aber vertrauensvoll war das Verhältnis zwischen München und Ettal da schon nicht mehr. Denn Marx hatte den Ettaler Abt, Barnabas Bögle, und den Schulleiter im Februar 2010 zum Rücktritt gedrängt - was vom Kloster als brachialer Angriff auf seine Autonomie betrachtet wurde. Seither sind sich München und Ettal in einem innigen Kleinkrieg verbunden. Und das Kloster fühlt sich zumindest seit der Wiedereinsetzung von Abt Barnabas durch den Vatikan moralisch im Recht. Der neueste Vorwurf ist Zunder in der innerkirchlichen Schlacht.