Katholische Kirche Georg Ratzinger war Teil des Gewaltsystems bei den Regensburger Domspatzen

  • Mindestens 500 Jungen haben bei den Regensburger Domspatzen körperliche Gewalt erlitten, 67 wurden Opfer sexueller Gewalt.
  • Das geht aus dem Abschlussbericht zum Missbrauchsskandal hervor.
  • Darin geht es auch um Georg Ratzinger, der 30 Jahre lang Chorleiter war. Der Bruder des ehemaligen Papstes Benedikt hat demnach "in vielen Fällen" Gewalt angewendet.
Von Andreas Glas, Regensburg

Ulrich Weber brauchte beide Hände, um den Abschlussbericht in die Kameras zu halten. Mehr als 400 Seiten lang ist der Bericht, ein dicker Packen, der die Dimensionen der Gewalt und des Missbrauchs bei den Regensburger Domspatzen gut sichtbar macht. Weber, vom Bistum mit der Klärung des Skandals beauftragt, sprach am Dienstag etwa 20 Minuten vor der Presse.

Aber um diesen Wahnsinn zu erfassen, braucht es mehr Zeit. "Die Lektüre wird für viele Menschen nicht einfach sein", heißt es in der fünften Zeile. Wer bis zum Ende durchhält, stellt fest: Diese Warnung ist brutal untertrieben.

Zwischen 1945 und 1992 haben also 500 Buben körperliche Gewalt erfahren, 67 wurden Opfer sexueller Gewalt, es gibt 49 Beschuldigte. Ziel des Berichts sei es, "die Opfer sprechen zu lassen", so steht es in der Einführung. Dutzende Opfer schildern ihre Erlebnisse im "Lager", im "Zuchthaus", in der "Hölle".

Mindestens 547 Gewaltopfer bei Regensburger Domspatzen

Das geht aus dem Abschlussbericht zum Missbrauchsskandal hervor. Viele Opfer schildern darin die Jahre bei dem weltberühmten Chor als "schlimmste Zeit ihres Lebens". mehr ...

So nennen frühere Domspatzen die Vorschulen in Etterzhausen und Pielenhofen, die Zentren der Hölle, man kann das sagen. Dort, wo die Kleinsten ins Internat gingen, war es am grausamsten. Im Bericht bekommen Männer, die damals Buben waren, eine Stimme, teils nach Jahrzehnten des Schweigens. Das ist beeindruckend und wichtig. Man muss die Lektüre aber aushalten können.

Das Martyrium in Etterzhausen begann frühmorgens im Waschraum: "Direktor M. stand an dem Hebel mit dem er das Wasser 'steuerte'. Je nach Belieben machte er es eiskalt oder extrem heiß. Er schrie und prügelte, wenn Kinder aus dem Wasserstrahl gingen." Danach hieß es Antreten zur Hygienekontrolle. "Der Letzte, der in die Reihe trat (...), bekam seine Packung Ohrfeigen ab als morgendlichen Muntermacher".

Nach der Messe ging es zum Frühstück, dann in die Schule, dann zum Mittagessen. Beim Essen herrschte Sprechverbot. Präfekten und Heimleiter seien auf einem Podest gesessen "und notierten jeden, der sich mit seinen Mitschülern sprechen traute". Abends "wurde von einer Liste vorgelesen, wer geschwätzt und hervorzutreten hatte. Man musste sich (...) niederknien und bekam mit dem 'spanischen Rohr' ein paar Schläge", so ein Schüler aus den Fünfzigern.

Manchmal setzte es die Strafe im Speisesaal: Nach einer Ohrfeige, erzählt ein Schüler, habe der Direktor ihm das Essen weggenommen, dann "musste ich, während die anderen aßen, mit den Tränen kämpfend" aus einem Buch "zur Unterhaltung der anderen vorlesen". Ein anderer sagt: "Mittendrin wurde immer einer aufgerufen und musste kurz den Inhalt des Vorgelesenen wiedergeben. Konnte er das nicht, musste er sich (...) an die Wand stellen (...) und durfte nicht weiteressen."

Wer nicht aß, "bekam die kochend heiße Suppe über die Hände gegossen". Wer sich erfolglos dazu zwang, um nicht bestraft zu werden, sei manchmal genötigt worden, das Erbrochene zu essen. "Der Direktor zwang ihm das Erbrochene wieder und wieder in den Kropf, fütterte ihn gewaltsam", erzählt ein Schüler aus den Sechzigerjahren über seinen Tischnachbarn.

Ratzinger nennt Aufarbeitung des Missbrauchsskandals "Irrsinn"

Ein ehemaliges Mitglied der Regensburger Domspatzen schildert dagegen schlimme Prügel-Szenen - und wie der Papst-Bruder darüber gelacht habe. Von Andreas Glas mehr ...

Der Bericht beschreibt geradezu Stasi-Methoden: Hygienekontrolle, Schrankkontrolle, Briefkontrolle, Bettenkontrolle. Ständig herrschte die Angst, etwas falsch zu machen - Fehler bedeuteten oft Prügel und Erniedrigung. Die Auswahl der Opfer sei "vielfach willkürlich" gewesen, die Strafen unverhältnismäßig. Selbst nachts herrschte Angst, weil Direktor und Präfekt über die Flure geschlichen seien, "stets auf der Lauer, einen Übeltäter zu finden".

Im Bericht erzählt ein früherer Schüler, dass er nachts "stundenlang barfuß und nur in Unterhose bekleidet im dunklen Waschsaal stehen musste - weil ich nach dem Lichtlöschen pinkeln gehen musste, was nicht erlaubt war. Andere wurden bestraft, weil sie ins Bett machten, da sie sich aufgrund von Bestrafung (...) nicht trauten die Toilette zu besuchen - wie paradox. Regeln, so gemacht, dass sie in jedem Fall eine Bestrafung zur Folge hatten."