Holocaust-Überlebender Max Mannheimer Erinnerungen des letzten Zeugen

Zeuge des Holocaust: Max Mannheimer hat ihn überlebt.

(Foto: dpa)

Zigtausenden Jugendlichen hat er seine Geschichte erzählt: der Holocaust-Überlebende Max Mannheimer. In seinem neuen Buch "Drei Leben" lässt er die Leser in den Abgrund tiefster Erniedrigung blicken. Mannheimer schont sich nicht, weil er erinnern will.

Von Helmut Zeller

In Taus, einer tschechischen Kleinstadt nahe der deutschen Grenze, sieht der 26-jährige Max Mannheimer keinen anderen Ausweg mehr und bricht seinen Schwur. Auch wenn es ihm wie ein Verrat an den Toten und sich selbst vorkommt. Am 13. September 1946 gebar ihm seine Frau Fritzi, eine sudetendeutsche Antifaschistin, ein Kind. "Wir waren überglücklich und nannten sie nach meiner in Auschwitz ermordeten Frau: Eva."

Sechs Wochen später bringt Mannheimer das Kind und Fritzi, die nach Deutschland will, bis nach Taus. Er wird die Grenze auf keinen Fall überschreiten. Eltern, Schwester, zwei Brüder - die Nazis haben fast die ganze Familie ermordet. Sein Bruder Edgar, mit dem er durch Theresienstadt, Auschwitz, Warschau und Dachau gegangen ist, wartet in der Heimatstadt Neutitschein auf ihn. Aber als Mannheimer im Hotelzimmer zum ersten Mal das Baby wickelt, wird ihm klar, dass er seine Familie nicht im Stich lassen kann. "Auch wenn es bedeutete, ins Land der Täter zurückzukehren."

So begann das dritte der "Drei Leben" des Max Mannheimer - so der Titel der mit Marie-Luise von der Leyen aufgeschriebenen Erinnerungen. Wie im "Späten Tagebuch" (1985) nimmt Mannheimer den Leser auf eine Reise in die Finsternis mit - und erzählt darüber hinaus an seinem Schicksal entlang die Geschichte der Juden in Deutschland nach der Shoah.

Faul, gewitzt, schlagfertig

Aber der Reihe nach: Am 6. Februar 1920 wird Max in Neutitschein geboren, ein eher fauler, aber gewitzter Schüler, der sich durch seine Schlagfertigkeit sogar vom strengen Lehrer Funker eine Eins holt. Darf ein Eisenwarenhändler entgegen der Gewerbevorschriften mit Wein handeln? "Das darf er, wenn es sich um den eisenhaltigen Pepsinwein gegen Blutarmut handelt", antwortet Max. Autos, Fußball, er spielt als Linksaußen in der Lokalelf, sind seine Leidenschaft - und Mädchen.

Der 14-Jährige nimmt lange Umwege in Kauf, um Wilma, später dann Hertha die Schultasche nach Hause zu tragen. Aber erst Sala. Schwarze Haare, rote Bäckchen, fein geschnittenes Gesicht. Zwei Küsse gibt ihm das bildhübsche Mädchen in einer Sommernacht des Jahres 1936, auf jede Wange einen. "Ich habe ein Leben lang an sie gedacht."

Der Jugendclub "Makkabi", die Synagoge, seine Bar-Mizwa - Mannheimer und seine Co-Autorin entfalten ein Panorama jüdischen Lebens in Ost- und Mitteleuropa, einer Kultur, die durch den Massenmord an den Juden für immer verloren ist. Das erste Leben endet mit dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht in das Sudetenland am 10. Oktober 1938. Neutitschein, das ihn Jahrzehnte später zum Ehrenbürger machen wird, steht in einem Meer von Hakenkreuzfahnen. Ausgrenzung, Verfolgung und Lager - ein "Leben als Nummer".

Ein Blick in den Abgrund tiefster Erniedrigung

Noch mehr Gesichter, Worte, Gesten, Blicke als für sein erstes Buch holt Mannheimer aus dem Gedächtnis hervor. Der Leser blickt in den Abgrund tiefster Erniedrigung, die Menschen durch Menschen zugefügt wurde. Mannheimer schont sich nicht, weil er erinnern will - als Mahnung vor Rassismus und Antisemitismus. Viele Jahre werden nach seiner Befreiung am 30. April 1945 bei Tutzing noch vergehen, bis er Bekanntheit und politisches Gewicht als Zeitzeuge und Vizepräsident des Internationalen Dachau-Komitees erlangt hat.

34.600 Google-Eintragungen, Filme ("Der Weiße Rabe"), Bücher, Aufsätze, TV-Interviews, Presseartikel, Ausstellungen seiner Gemälde und unzählige Preise - nach der Veröffentlichung des "Späten Tagebuchs", das in viele Sprachen, 2010 sogar ins Chinesische, übersetzt wurde. Das Buch, geschrieben im atemlosen Rhythmus eines Gehetzten, zählt zu den beeindruckendsten der Holocaust-Literatur.