Finanzen Bayern kann sich seine Schwimmbäder nicht mehr leisten

Das Karwendelbad in Mittenwald drei Tage vor der Schließung: Die Badegäste lassen sich dort manchmal an einer Hand abzählen.

(Foto: Matthias Ferdinand Doering)
  • Seit 2005 mussten 44 Schwimmbäder in Bayern schließen. Meist waren finanzielle Gründe maßgeblich.
  • Viele Schwimmbäder im Freistaat wurden in den Siebzigerjahren errichtet und sind mittlerweile marode.
  • Die Kosten für eine Sanierung überfordern viele Städte und Gemeinden.
Von Johann Osel

Der ältere Herr sagt von sich: "Wasser ist mein Element." Und man trifft ihn genau in seinem Element, im Außenbereich des Hallenbads Mittenwald, beim Strömungskanal, wo vor dunkelgrünen Fliesen das Wasser im Kreis sprudelt. Mindestens einmal pro Woche komme er hierher, sagt der Mann, er habe früher Leistungsschwimmer ausgebildet. So sieht er immer noch aus. Dass der Mittenwalder an diesem späten Vormittag ganz alleine im Becken ist, stört ihn nicht. Dass er nächste Woche vor verschlossenen Türen stehen wird, stört ihn schon. Am Sonntag macht das Karwendelbad für immer dicht. Weil es zu teuer wird für Mittenwald, weil zu wenig Besucher kommen, weil die Halle baufällig ist. Kurzum: Weil sich die 7500-Einwohner-Gemeinde in Oberbayern, der Touristenort am Fuße der Alpen, kein Bad mehr leisten kann.

Bei dem Satz denkt man eigentlich an eine dieser abgewirtschafteten Ruhrpott-Kommunen, wo die Kassen leer, die Landschaft scheußlich und Arbeitsplätze nicht existent sind, wo noch auf der Amtskette des Bürgermeisters der Kuckuck klebt. Man vermutet aus Kostengründen geschlossene Bäder kaum in Bayern, das um seine Wirtschaftskraft von der Restrepublik beneidet wird, wo soeben eine Arbeitslosigkeit von gut drei Prozent vermeldet wurde, wo der Ministerpräsident in Reden "starke Gemeinden" als "Lebenselixier des modernen und bürgernahen Bayern" preist. Wo es so schön ist wie in Mittenwald. Das Karwendel wacht über das beschauliche Treiben der Gemeinde, die Sonne strahlt bei kühl-klarer Luft, die Spaziergänger brauchen eine Sonnenbrille zum Anorak. Doch Mittenwald wird an diesem Sonntag Nummer 44 in einer bitteren Liste. Das 44. Schwimmbad im Freistaat, das seit dem Jahr 2005 schließt.

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Als "Armutszeugnis" wertet der SPD-Fraktionschef im Landtag, Markus Rinderspacher, diese Zahl. Er hat im Landtag eine Anfrage an die Regierung gestellt, um sich eben nach Bayerns Bädern zu erkundigen. Antwort, ohne Mittenwald: 43 geschlossene Bäder innerhalb gut eines Jahrzehnts, vor allem Hallenbäder. Meist waren finanzielle Gründe maßgeblich, selten gab es Ersatz. Tutzing steht auf der Liste und Bayerisch Eisenstein, Gößweinstein in Oberfranken oder Amorbach in Unterfranken. Laut der Antwort des Innenministeriums sind zudem 30 Prozent der öffentlichen Schwimmbäder sanierungsbedürftig. Bei 65 ist die Schließung eine Frage der Zeit.

Ein paar hundert Meter sind es vom Bad zum Rathaus, Bürgermeister Adolf Hornsteiner findet Zeit für ein Gespräch, bevor er los muss zum Seniorennachmittag. "Es gibt schönere Aufgaben für einen Bürgermeister, als das Schwimmbad nach 44 Jahren zu schließen", sagt der CSU-Politiker. Er verstehe die Emotionen, müsse aber auf Fakten pochen: Die Betriebskosten, 650 000 Euro im Jahr, seien zu keiner Zeit gedeckt gewesen. Mittenwald gehe es nicht so gut, man verliere Einwohner und Gästebetten, ständig gebe es neue Aufgaben. Neulich sei ein Mülllaster in den Asphalt der Straße eingebrochen, wieder Kosten. "Wir können uns das Bad nicht mehr leisten. Seit Jahren nicht." Er müsse, so Hornsteiner, "die Pflichtaufgaben abarbeiten", dann könne er überlegen, "was aus dem Strauß freiwilliger Aufgaben" möglich sei. Ob ein Bad dazugehöre, sei fraglich: Laut Hornsteiner zählt Mittenwald 30 000 Badegäste im Jahr, plus 14 000 in der Sauna. Umfragen unter den Touristen hätten ergeben, dass 95 Prozent von ihnen das Bad nicht besuchen. "Ist das dann wirklich existenziell wichtig?"

Der Architektur des Rathauses ist es zu verdanken, dass der Bürgermeister nicht ständig auf das große, gelbe Banner am Nachbarhaus blicken muss. "Schwimmbad für Mittenwald - Ja" steht darauf. Widerstand gibt es, auch wenn der Beschluss des Gemeinderats zur Schließung schon mehr als ein Jahr her ist. Seit ein paar Tagen liegen Unterschriftenlisten einer Bürgerinitiative aus, in der Apotheke, an der Badekasse natürlich. Die Initiative fordert einen umgehenden Neubau, unabhängig vom im Ort berüchtigten Hotelprojekt. Lange dachte man ja, dass ein Investor einen Komplex inklusive Bad baut, ohnehin fehlen Mittenwald gehobene Beherbergungen. Es wurde nichts, ein Trauerspiel.

626 Unterschriften volljähriger Mittenwalder sind nötig für ein Bürgerbegehren. Dass das zustande kommt, bezweifelt keiner. In einen Ort dieser Größe gehört ein Bad, so der Tenor. Die Debatte verläuft wie beim Wirtshaus. Wenn das schließt, ist in kleinen Gemeinden stets die Rede davon, dass das Dorf stirbt. Eine Umfrage, nicht repräsentativ, zeigt des Volkes Groll. Ein Mann merkt an: "Es gibt Touristen, die sagen: Ohne Schwimmbad fahr' ich gleich zu den Österreichern und gebe da mein Geld aus." Die Gemeinde habe versagt, "wenn ich 20 Jahre nichts reinstecke ins Bad, braucht man sich nicht wundern". Eine Seniorin diskutiert das Thema mit Freundinnen. "Alte Leute haben keine Autos, ich hab' meins auch abgegeben. Wir können aber nicht einfach woanders hinfahren." Manche Bürger, deren Köpfe beim Argumentieren über die Notwendigkeit des Bades rot anlaufen, geben zu, dass sie seit Jahren nicht mehr zum Schwimmen waren.

Seit zwei Tagen liegt die Liste der Bürgerbewegung an der Badekasse. Sechs Unterschriften sind darauf. Kein Ansturm in den letzten Tagen, Nostalgie-Planschen? Die Kassendame lächelt müde bei der Frage. Der ältere Herr, dessen Element Wasser ist, sagt, er stehe ganz oben auf der Liste. "Was machen die Touristen, wenn sie nicht in die Berge können?" Man dürfe als Urlaubsort nie "das Angebot runterfahren", findet der Badegast. Er planscht aber eben allein im Außenbecken, ein Wasserfall sprudelt ins Nichts, niemand da, der den Chlorgeruch einatmet. Das Sportbecken - menschenleer. Nur in der Kinderecke spielen zwei Mütter mit Kindern, bei dem fröhlichen Quieken traut sich der Reporter nicht zu stören. Ein Mann sitzt in "Rita's Bistro". Am Nachmittag kämen "noch welche", heißt es an der Kasse.

Dabei sieht die Anlage gar nicht so marode aus, da ist manches in die Jahrzehnte gekommen, klar. Aber die Plastikliegen sind blitzsauber. Gemütlich. "Ein Gast sieht den wahren Zustand nicht", sagt der Bürgermeister. Das Dach brauche eine Generalsanierung, die Bausubstanz fast hinüber, Technik und Wärmeversorgung seien auf dem Stand der Siebziger. Früher war Hornsteiner Werksleiter und für das Bad zuständig. Ein Baugutachten hatte damals prognostiziert: womöglich noch fünf Jahre, höchstens zehn, dann ist Schluss.

Das Problem in Bayerns Bädern ist eben das Alter. Viele sind in den Siebzigern entstanden, das Wirtschaftswunder war damals in den Gemeinden angekommen, der Sports- und Schwimmgeist von Olympia 1972 wehte durchs Land, die Regierung flankierte das mit Subventionen. Irgendwann endet bei jedem Gebäude, wie Experten sagen, der Lebenszyklus. "Man versucht halt, die Bäder so lange über Wasser zu halten, wie es geht. Und irgendwann geht's nicht mehr", meint Uwe Brandl. Der Präsident des Bayerischen Gemeindetags weiß um das Bädersterben und um das große Bröckeln vielerorts. Natürlich sei jedes Bad "ein Beitrag zur Lebensqualität", aber Bürgermeister müssten nun mal die gesamte Infrastruktur finanzieren, mit Prioritäten.

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Wenn ein Bad schließt, gibt es Unmut. Wenn eine Kita zu klein ist und Plätze fehlen, gibt es juristische Klagen. Das Bad in seiner Gemeinde Abensberg in Niederbayern hätte Brandl auch gern saniert; er braucht aber eine Kita mit drei Gruppen. Rinderspacher forderte von der Landesregierung, mit einem Fonds von 30 Millionen Euro gegenzusteuern. Die Freien Wähler wollen Ähnliches. Beide Fraktionen verweisen auf Probleme beim Schwimmunterricht. Laut Deutscher Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) kann jeder dritte Jugendliche nicht schwimmen. Die Regierung nannte in ihrer Antwort die Förderrichtlinien, etwa für Bäder an Schulen. Danach muss eine Kommune mindestens 40 Sportklassen haben. Mittenwalds Mittelschule hat ein paar Dutzend Schüler. Ein Sprecher der DLRG sagte mal: "Ich bitte jeden politisch Verantwortlichen bei der Entscheidung pro oder contra Schwimmbad nicht nur ans Geld zu denken."

"Ich muss ans Geld denken", sagt Bürgermeister Hornsteiner, der als Bub das Schwimmen im See gelernt hatte. Er wartet, wie die Bürger entscheiden, und ob er dann ein riesiges Problem bekommt - unter zehn Millionen Euro ist ein Neubau nicht zu machen; er hofft noch auf einen Hotel-Investor. Hornsteiner wirkt ratlos. Für ihn ist klar: "Wir sind nicht die ersten in Bayern, die ihr Bad zumachen müssen, und wir sind nicht die letzten." Sicher ist, dass Mittenwald als nächstes dran ist, an diesem Sonntag ist Schluss. Demnächst soll es eine Abschiedsparty geben im Bad, mit Musik und Getränken. Eigentlich plante man eine große Beach-Party, wollte das leere Becken mit Sand aufschütten. Das tut man doch nicht - die vielen Kubikmeter Sand würden Tausende Euro kosten. Das kann sich die Gemeinde nicht leisten.