Ermittlungen wegen Wahlmanipulation Der Duft des Spargels

Rund um Geiselhöring liegen Spargelfelder. Dort arbeiten Hunderte Erntehelfer aus Rumänien und Polen, die auch bei der Kommunalwahl gewählt haben.

(Foto: Wolfgang Wittl)

Derselbe Stift, ähnliche Ziffern auf den Stimmzetteln und eine Wahlbeteiligung von 96,5 Prozent unter ausländischen Erntehelfern: In der niederbayerischen Stadt Geiselhöring ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen möglicher Wahlmanipulation. Profitiert haben soll eine Spargelbäuerin von der CSU.

Von Wolfgang Wittl

Der Tag, an dem Bernhard Krempls politische Welt zusammenbrach, war streng genommen ein früher Abend. Sechs Jahre lenkt Krempl, 61, die Geschicke von Geiselhöring, einer Kleinstadt zwischen Regensburg und Straubing. Sechs Jahre dachte er, seine Arbeit als Bürgermeister treffe bei den 7000 Einwohnern auf Zustimmung. Doch am 16. März musste er feststellen, dass er sich wohl getäuscht hatte: Krempl wurde abgewählt.

Wie betäubt sei er gewesen, berichtet der Bürgermeister. Trotzdem setzte er sich noch in derselben Nacht an den Computer, um den Dingen auf den Grund zu gehen. Auch er hatte vorher ja von diesen Gerüchten gehört, auf die er nicht viel gegeben habe: von Erntehelfern aus Osteuropa, welche die Wahl entscheiden könnten, von Wahlbetrug und manipulierten Stimmen.

Krempl studierte also die Ergebnisse, danach wusste er, dass er etwas unternehmen würde. Zwei Tage später teilte er dem Landratsamt mit, dass er die Wahl gemeinsam mit den Stadtratskandidaten seiner Freien Wähler anfechten werde. Weshalb inzwischen nicht nur die Kommunalaufsicht prüft, sondern auch Staatsanwaltschaft, Kriminalpolizei und Landeskriminalamt Ermittlungen aufgenommen haben - und durch die beschauliche Stadt sich ein Graben des Argwohns zieht.

Grafologen untersuchen die Zahlen auf den Wahlzetteln

303 Stimmen fehlten Krempl zur Wiederwahl, fast den ganzen Abend lag er vorne. Da werde nicht mehr viel anbrennen, hatte er sich noch gedacht. "Doch dann kam der Dreier-Briefbezirk", in dem die CSU außergewöhnlich gut abschnitt. Genauer gesagt ein ausgewählter Teil der CSU: die Großbäuerin eines Spargel- und Beerenbetriebs, deren Nachbar, eine Mitarbeiterin, ein Cousin der Familie sowie der Freund der Tochter. Und CSU-Bürgermeisterkandidat Herbert Lichtinger zog plötzlich sogar an Krempl vorbei.

Wenn Birgit Fischer-Rentel, die Leiterin der Kommunalaufsicht im Landratsamt Straubing-Bogen, über diesen Fall spricht, fragt sie den Gesprächspartner zuerst, ob er Zeit habe. Denn die Sache ist komplex: Von den 482 überwiegend polnischen und rumänischen Erntehelfern, die in Geiselhöring gemeldet sind, haben 465 ihre Stimme abgegeben - 460 bei der Briefwahl, fünf an der Urne.

Neben den übereinstimmenden Kreuzchen hätten sich auf mindestens 433 Stimmzetteln weitere Auffälligkeiten finden lassen: die Verwendungen desselben Stiftes oder erstaunlich ähnlich geschriebene Ziffern. Grafologen des LKA stellen daher bereits Schriftvergleiche an, die Staatsanwaltschaft Regensburg ermittelt wegen Wahlfälschung.

Er wolle niemanden verdächtigen, sagt Bürgermeister Bernhard Krempl (Freie Wähler), doch ins Grübeln kam er schon.

(Foto: Wolfgang Wittl)

Eine weitere Gemeinsamkeit: Sämtliche 482 Erntehelfer sollen in Immobilien von Karl Baumann wohnen, der mit seiner Frau Rosemarie - der erfolgreichen CSU-Kandidatin - besagten Spargel-Großbetrieb führt. Ob die Erntehelfer zu dieser frühen Zeit überhaupt im Lande waren, ist eine der Fragen, die zu klären sind. Überrascht war man bei der Stadt auch, dass im Dezember, gut drei Monate vor der Wahl, 98 Erntehelfer angemeldet wurden.

Ging es um 98 zusätzliche Stimmen? Zwei Monate beträgt die Frist, nach der EU-Bürger im Ausland unter bestimmten Voraussetzungen wählen dürfen. Er wolle keine falschen Verdächtigungen aufstellen, sagt Bürgermeister Krempl. Dennoch hat er die Staatsanwaltschaft um Prüfung jener 98 Unterschriften gebeten. Diese dürften nun mit den Unterschriften auf den Wahlzetteln abgeglichen werden. Sollten sie nicht identisch sein, wäre dies ein Problem.