Bayern Edmund Stoiber - der Zeus der CSU

Edmund Stoiber als Gast einer Talkshow.

(Foto: dpa)

In der Partei ist derzeit ein Wunder zu beobachten: Edmund Stoibers spektakuläre Auferstehung. Er hält die scharfen Reden, auf die die CSU offensichtlich wartet.

Kommentar von Heribert Prantl

Seit Wochen macht die CSU jeden Tag einen neuen Vorschlag zur Flüchtlingspolitik. Diese Produktionsfreude ist kein Zeichen von Stärke, sondern von Verunsicherung. Parteichef Horst Seehofer versucht, auf diese Weise einer verunsicherten Partei wieder Sicherheit zu geben; es gelingt ihm nicht.

In seiner Partei nennt man Seehofer das Zebra. Warum? Weil er, um die Flüchtlingspolitik der Kanzlerin zu kritisieren, schon so oft ultimative Linien und Striche gezogen hat; es folgte: erst einmal nichts; dann die nächste Fristsetzung. Dieses mahnende Spiel ist bei Seehofer Teil der politischen Unterhaltung geworden. Das genügt vielen in der CSU nicht mehr; sie wollen es nicht nur forscher, sondern ernsthafter und konsequenter.

Seehofer, ein politisches Zebra - sein Vorvorgänger, ein Lazarus

Deshalb ist in der CSU ein Wunder zu beobachten: eine Auferstehung, fast so spektakulär wie die des Lazarus. Der vor siebeneinhalb Jahren von Günther Beckstein und Erwin Huber aus den Ämtern getriebene Edmund Stoiber, damals Parteichef und Ministerpräsident, erlebt das große Comeback. Wo er auch parteiöffentlich auftritt, wird er umjubelt. Er hält, wie zuletzt beim 70. Geburtstag der Münchner CSU, die scharfen, die fundamentalen und fundamentalistischen Reden, auf die die CSU offensichtlich wartet; Stoiber proklamiert jetzt schon das sehr leidenschaftlich, was Seehofer vielleicht in vier Monaten sagt: Grenzen zu, Verfassung ändern - und bettet das ein in ein politisches Großgemälde, wie es die CSU so liebt, und wie es Seehofer nicht besonders gut malen kann.

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Im Hintergrund ist Stoiber wie ein Weberschiffchen, er saust hin und her zwischen allen, die in der CSU etwas zu sagen haben. Und im Vordergrund haut er immer öfter den politischen Lukas - und die Partei sagt Ah und Oh. Stoiber hat sich, als er abtreten musste und zum Trost Ehrenvorsitzender wurde, insgeheim gewünscht, dass aus ihm so etwas wird wie der Parteipräsident der CSU. Das hat er, seitdem die Flüchtlingskrise die Politik dominiert, geschafft. Mehr noch: Aus ihm wird gerade der Zeus der CSU.

Und in diesem Übervater steckt der alte Stoiber, wie er leibt und lebt; mit seinen 74 Jahren ist er wieder so, wie er mit 50 war: Damals war er ein umtriebiger, forderungsstarker CSU-Innenminister, der die anderen Parteien bei der großen Asyldebatte vor sich hergetrieben hat. An der damaligen Zuspitzung des innenpolitischen Klimas, daran, dass Deutschland leicht entflammbar wurde, hatte er einigen Anteil. Aber die politische Besessenheit, Nachhaltigkeit sagt man heute, die er ausstrahlt, fasziniert die Partei wieder; aus dem vor Jahren fast verlachten Mann ist wieder die starke Figur der CSU geworden.

Es gibt CSUler, die raunen, dass Stoiber angesichts der Lage darauf warte, wieder gerufen zu werden. Natürlich wird Stoiber, in allen Sprachen, die er beherrscht, "Nein" rufen; und dann im Selbstgespräch darauf hinweisen, dass er ja fit sei und dass de Gaulle, Reagan und Churchill in seinem, Stoibers, Alter ihre beste Zeit gehabt hätten. Stoiber lässt die aktiven CSU-Politiker alt aussehen. Er ist wieder die CSU.

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