Bayerischer IS-Kämpfer Ex-Kickbox-Weltmeister geht nach Syrien

  • Der im oberpfälzischen Neumarkt aufgewachsene ehemalige Kickbox-Weltmeister Valdet Gashi hat sich der Terrororganisation Islamischer Staat (IS) angeschlossen.
  • Seine Familie, frühere Freunde und Weggefährten aus Bayern sind fassungslos. Anscheinend deutete nichts auf die Radikalisierung Gashis hin.
  • "Zum Helfen und Aufklären" sei er nach Syrien aufgebrochen, erklärt Gashi in einem kürzlich per E-Mail geführten Interview mit dem Südkurier.
Von Jonas Schöll, Neumarkt

"Ich bin sehr traurig", sagt Valdet Gashis Vater mit leiser Stimme. Er atmet schwer in den Telefonhörer, als er auf die jüngste Reise seines Sohnes angesprochen wird. "Das ist das Schlimmste, was passieren konnte." Dass sein Sohn sich der Terrororganisation Islamischer Staat (IS) in Syrien angeschlossen hat, macht ihn fassungslos. "Es war seine eigene Entscheidung, er ist alt genug." Und mehr will der Vater am Telefon auch nicht sagen: "Hilft das den Menschen, die in Syrien sterben?", fragt er und legt den Hörer auf.

Vor wenigen Tagen hat der im oberpfälzischen Neumarkt aufgewachsene ehemalige Kickbox-Weltmeister Valdet Gashi seinem Leben in Deutschland den Rücken zugekehrt. Freunde, Eltern, die Frau und zwei Kinder ließ der 28 Jahre alte Deutsch-Albaner zurück - um sich fortan als Mitglied des IS in Syrien für den Aufbau des "Kalifats" einzusetzen. Seine Familie, frühere Freunde und Weggefährten aus Bayern sind fassungslos. Anscheinend deutete nichts auf die Radikalisierung Gashis hin.

"Zum Einsatz der Waffe bin ich aber, Gott sei Dank, nie gekommen"

"Zum Helfen und Aufklären" sei er nach Syrien aufgebrochen, erklärt Gashi in einem kürzlich per E-Mail geführten Interview mit dem Südkurier. "Zur Zeit kontrolliere ich am Euphrat entlang. Wir schauen nach Schmugglern, die illegale Ware her bringen, zum Beispiel Zigaretten, Alkohol oder Drogen. Dies ist hier komplett verboten", sagt Gashi. An Kampfhandlungen sei er nicht beteiligt, obwohl er bei seinen Patrouillen Waffen trage. "Zum Einsatz der Waffe bin ich aber, Gott sei Dank, nie gekommen", behauptet er. Doch er habe gesehen, wie einem Menschen zur Strafe der Kopf abgeschlagen wurde. "Der Abschreckungseffekt ist sehr groß und es kommt kaum zu anderen ähnlichen Fällen." Derzeit halte er sich im Gebiet zwischen Membij und Jarablus nahe der türkischen Grenze auf.

IS-Kämpfer aus Bayern Die Terror-Organisation Islamischer Staat (IS) zieht immer mehr radikale Islamisten aus Bayern an. "Das Phänomen ist in letzter Zeit angestiegen", sagt ein Sprecher des bayerischen Innenministeriums. Demnach sind bislang 60 Islamisten aus Bayern nach Syrien und in den Irak gereist oder werden verdächtigt, dies zu planen. Laut Verfassungsschutz liegt die Zahl deutscher Muslime, die in Syrien und im Irak kämpfen oder gekämpft haben, insgesamt bei etwa 650. Zu 90 Prozent handelt es sich bei den Betroffenen aus Bayern um Männer, wie der Ministeriumssprecher berichtet. Die Zahl der Minderjährigen bewegt sich den Angaben zufolge im niedrigen einstelligen Bereich. 90 Islamisten seien bislang aus Syrien oder dem Irak nach Bayern zurückgekehrt, davon lebten derzeit 17 Personen im Freistaat. Bbislang sei nur bei vier Menschen nachgewiesen, dass sie sich an bewaffneten Kämpfen in den Krisengebieten beteiligt haben, zwei davon befinden sich derzeit in Haft. Sechs Kämpfer aus Bayern sind bereits in Syrien und im Irak umgekommen - darunter etwa der 19-jährige David G. aus Kempten. Gefährder werden auch aus Bayern ausgewiesen, so wie im Herbst der türkischstämmige Erhan A. aus Kempten. Er war in seine Heimat Türkei abgeschoben worden, nachdem er in der Süddeutschen Zeitung die Enthauptungen westlicher Journalisten durch die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) gerechtfertigt hatte. Die Terrormiliz IS ging aus einem Ableger des Terrornetzwerks al-Qaida hervor, der nach dem Sturz des Langzeitherrschers Saddam Hussein 2003 im Irak gegen die US-Armee kämpfte. Die Gruppe wurde vom al-Qaida-Funktionär Abu Musab al-Sarkawi befehligt; er wurde 2006 bei einem US-Luftangriff getötet. 2013 ging die Gruppe auf Expansionskurs. Unter dem Anführer Abu Bakr al-Bagdadi und dem Namen "Islamischer Staat im Irak und in Syrien" (ISIS) mischte sie sich in den syrischen Bürgerkrieg ein. Sie wurde stärker und lieferte sich Machtkämpfe mit anderen radikalislamischen Gruppen, darunter auch al-Qaida. SZ

Wenig deutete darauf hin, dass sich der junge Mann aus Neumarkt einmal freiwillig einer der brutalsten Terrormilizen der Welt anschließen könnte. Als Gashi sechs Jahre alt war, floh er mit seiner Familie als Flüchtlingskind nach Neumarkt in der Oberpfalz. 13 Jahre lebte er hier, allem Anschein nach ein normales Leben. Er engagierte sich in Sportvereinen und im Theater. Seine große Leidenschaft galt dem Kickboxen. Dann zog er nach Singen in Baden-Württemberg. Im Laufe der Jahre wurde aus dem talentierten Sportler ein Kämpfer, Welt- und Europameister.

"Er war ein extrem umgänglicher, fröhlicher und freundlicher Mensch"

Ehemalige Weggefährten aus der alten Heimat beschreiben Gashi als freundlichen, weltoffenen und hilfsbereiten jungen Menschen. "Er war ein charmantes Kerlchen", sagt einer seiner damals besten Freunde aus Neumarkt. "Er war ein kleiner lokaler Prinz, der jeden auf der Straße kennt und grüßt." Nie habe er sich verkrochen oder Probleme gehabt, Menschen kennenzulernen. "Er war ein extrem umgänglicher, fröhlicher und freundlicher Mensch." Umso schwieriger fällt es den früheren Freunden, die plötzliche Veränderung Gashis zu verstehen. "Ich kann das nicht begreifen. Das ist momentan nicht zu verarbeiten", berichtet ein enger Jugendfreund. Mit Religion habe er während seiner Zeit in Neumarkt nichts am Hut gehabt. "Jemand muss ihm diese Idee in den Kopf gepflanzt haben."

Im sozialen Netzwerk Facebook gibt Gashi private Einblicke von sich. Dort postet er Fotos, die ihn mit seinen zwei kleinen Töchtern als liebvollen Familienvater zeigen. Darunter steht auf Englisch: "Selbst wenn du in mein Herz schauen könntest, wüsstest du immer noch nicht, wie ich fühle." Viele Bilder zeigen auch Kampfszenen im Ring aus vergangenen Tagen als Kickboxer. Stolz präsentiert er auf einer Aufnahme seinen muskulösen Körper, auf einer anderen hängt er sich mehrere Siegergürtel auf die Schultern und um die Arme.

Hauptschulabschluss, keine Berufsausbildung, arbeitslos

"Ich kann das nicht fassen. Wir waren alle geschockt", sagt Gashis ehemaliger Kickbox-Trainer. "Es gab bei ihm überhaupt keine Anzeichen von Radikalisierung oder religiöser Verblendung." Seinen ehemaligen Schützling beschreibt der Trainer als einen "starken und zähen Kämpfer". Seine Schwächen habe der 28-Jährige eher außerhalb des Ringes offenbart: Hauptschulabschluss, keine Berufsausbildung, arbeitslos und keine Perspektiven. "Er hat in seinem Leben noch nie für eine längere Zeit richtig gearbeitet." Gashis Wandlung zeigt sich in der Chronik seiner Facebook-Seite. Seit geraumer Zeit präsentiert er sich dort mit Vollbart und islamistischer Propaganda. So zitiert er beispielsweise einen Kalifen: "Ich fürchte den Tag, an dem die Ungläubigen stolz auf ihre Lüge sind und die Muslime sich für ihren Glauben schämen."

Wegen seiner Ansichten muss er sich viele böse Kommentare gefallenlassen: "Dass du zu dem stehst, was du tust, hast du bereits mehrfach hier geschrieben . . . nur macht das nichts besser. Vergewaltiger und Kindermörder bleiben Vergewaltiger und Kindermörder, auch wenn sie dazu stehen", schreibt ein Nutzer.

Gemeinsame Sache mit dem IS

In einem anderen Kommentar heißt es: "Egal wo du bist, die Menschen werden sich daran erinnern, dass du, der ehemalige zweifache Weltmeister warst, der mit den Vergewaltigern und Kindermördern des IS gemeinsame Sache machte."

Darauf reagiert Gashi gelassen: "An alle, die schlecht über mich reden und mich beleidigen. Wenn ihr mich wirklich kennt, würdet ihr wissen, dass ich nichts dummes mache", postete er vor einigen Tagen an seine Pinnwand.

Ob er wieder nach Deutschland zurückkommt, weiß Gashi nicht. "Das entscheidet sich in den nächsten Monaten oder vielleicht sogar Jahren. Ich werde hier bleiben, solange ich helfen kann und solange alles so läuft, wie ich es für richtig halte", schrieb er im Südkurier.