Autobahngegner 40 Jahre Widerstand gegen den Bau der A 94 waren umsonst

Die Autobahn soll 2019 fertiggestellt werden, die Zeit drängt also - doch aktuell ruhen die Arbeiten.

(Foto: Stephan Goerlich)
  • Der Verein "Die bessere Lösung" hat jahrelang auf die geologische Problematik des Isentals hingewiesen.
  • Die Bauarbeiten sind mittlerweile so weit fortgeschritten, dass der Verein sein Ziel als gescheitert betrachtet und sich aufgelöst hat.
  • Obwohl der Bau bis 2019 abgeschlossen sein soll, ruhen die Arbeiten seit Monaten.
Von Hans Kratzer

Schon viele Jahrzehnte lang zieht sich die Fertigstellung der Autobahn A 94 hin. Verglichen damit, erscheint sogar der von ausdauerndem Spott begleitete Bau des Berliner Flughafens als ein Schnellprojekt. Aktuell heißt es, die 151 Kilometer lange Autobahn werde im Herbst 2019 durchgehend befahrbar sein.

Der Zeitplan, um die 34 Kilometer lange Lücke im Isental zu schließen, ist eng getaktet. Umso erstaunlicher ist es, dass die Arbeiten an der 350 Meter langen Brücke über das Ornautal seit Monaten ruhen. Die Behörden schweigen, aber offensichtlich sind Risse aufgetreten, die neue statische Prüfungen erfordern. "Notfalls müssen wir halt alles wieder einreißen", sagte ein Bauarbeiter lapidar.

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All die Szenarien, auf die Gegner des Autobahnprojekts immer wieder hingewiesen hatten, sind beim Bau eingetreten. Hangrutsche, sandige Untergründe, die Unmengen von Beton erfordern, Wasserquellen, die das Setzen von Fundamenten erschweren. Das Isental ist alles andere als ein idealer Platz für eine Autobahn, die den Bau riesiger Brücken erfordert.

Auch der Verein "Die bessere Lösung" hat jahrelang Planer, Politiker und Gerichte auf die geologische Problematik des Isentals hingewiesen. Es war alles vergeblich. Am Donnerstag hat sich der fast 40 Jahre bestehende Verein aufgelöst. "Er hat keine Berechtigung mehr, die Bauarbeiten sind zu weit fortgeschritten. Die Trasse zu verhindern, ist uns nicht gelungen, damit ist unser Vereinszweck sinnlos geworden", sagte Joachim Wild, der zehn Jahre lang als Vorsitzender agierte, bei der Auflösungsversammlung. "Es ist fast a richtige Leich", fuhr er fort.

Deshalb gab es für die Mitglieder auch eine Art Leichenschmaus, indem der Verein einen Teil der Bewirtungskosten übernahm. Sie nahmen das gerne hin, ansonsten haben sie sich mit dem Lauf der Dinge mehr oder weniger abgefunden. Auch wenn manche die hehren Maßstäbe der Demokratie und der Rechtsprechung nach den Erfahrungen der jahrelangen Auseinandersetzungen nicht mehr so positiv beurteilen, wie es ein treuer Staatsbürger eigentlich tun sollte.

Die kleinen Flusstäler sind schwer gezeichnet

Die Folgen des Autobahnbaus waren bei der Fahrt zur Versammlung im Gasthaus Stierberg (Gemeinde Obertaufkirchen) unübersehbar. Die kleinen Flusstäler sind schwer gezeichnet. Sie haben sich in betonierte Mondlandschaften verwandelt, die von Monsterbrücken durchschnitten werden. Sie sind streckenweise zugeschwemmt mit Erde und Baumaterial und biologisch tot. Hier wurde das alte Bauernland radikal umformatiert. "Die Eingriffe in die Landschaft sind verheerender, als wir es uns in unseren schlimmsten Träumen vorgestellt hatten", sagten die Versammlungsteilnehmer unisono.

Wer von München auf dem längst fertiggestellten Abschnitt der A 94 in Richtung Passau fährt, muss nach gut 30 Kilometern abrupt vom Gaspedal steigen. An der Ausfahrt Pastetten blockieren Baumaschinen, Bagger und Riesentrucks die Weiterfahrt, weshalb die Autofahrer auf die Landstraßen ausweichen müssen. Spätestens hier erkennen sie die Dimension dieser Baustelle, die sich auf eine Länge von 34 Kilometern erstreckt. Die eine intakte Landschaft durchschneidende Schneise markiert eines der umstrittensten Projekte der deutschen Straßenbaugeschichte.

Staat und Bürgerinitiativen haben über den Verlauf der A 94 vier Jahrzehnte lang gestritten, vor allem über den Abschnitt, der durch das Isental führt. Erst die obersten Verwaltungsgerichte brachen den Widerstand der Bürger und ermöglichten den Weiterbau. Viele Menschen wurden dadurch ihrer Heimat und ihrer Hoffnungen beraubt. Der Widerstand gegen die Autobahn hatte sich von Anfang an in mehreren Bürgerinitiativen und in dem Verein "Die bessere Lösung" gebündelt, was die Gegenwehr vor den Gerichten überhaupt erst möglich machte.

Einzelne Bürger wären wegen der immensen Kosten dazu gar nicht in der Lage gewesen. Fast eine Million Euro haben die Autobahngegner für Anwälte und Gutachten ausgegeben. Die am 8. März 1979 gegründete Bürgeraktion "Die bessere Lösung" war wohl die älteste ihrer Art in Bayern. Die Planungen für die A 94 reichen aber viel weiter zurück. Wie Wild ausführte, geht aus den Akten der Autobahndirektion Südbayern hervor, dass schon seit 1938 eine Autobahn München-Passau projektiert wurde. Lange Zeit war nur die gut 15 Kilometer weiter südlich verlaufende Trasse über Haag in Planung, die sich mit dem Verlauf der B 12 deckte.

"Wann genau die Trasse durch das Isental ins Gespräch kam, konnte ich noch nicht herausbringen", sagte Wild, die Unterlagen liegen noch bei den Behörden. Presseberichte legen aber nahe, dass dies um das Jahr 1970 herum geschehen sein muss. Als die Trassenplanung 1977 akut wurde, formierte sich sofort Widerstand.

Was Wunder, hat doch der Mensch die Aura des von Altertümern aller Art gesprenkelten Isentals viele Jahrhunderte lang nicht angetastet. "Welch ein Anblick, die Schönheit des Ganzen, über jede Jahreszeit erhaben." So urteilte schon 1816 der Reiseschriftsteller Joseph von Obernberg über diese Kulisse, die noch dazu seltenen Tieren und Pflanzen Platz lässt.

Das Ziel, diese Schönheit zu bewahren, formulierte eine Schutzgemeinschaft erstmals am 20. September 1979: "Unser Anliegen ist es, den Bau der Autobahn A 94 durch den Isengau zu verhindern." Der frühere Vereinsvorsitzende Peter Breth hatte damals diese Forderung als erster unterschrieben. Am Donnerstag versäumte er es nicht, Christsozialen, Sozialdemokraten und Grünen gleichermaßen die Schuld an der Zerstörung des Isentals zuzuweisen: "Die haben doch, als sie an der Regierung waren, keinen Finger gekrümmt."

Als Mitglied Nr. 173 verzeichnete die Bürgeraktion Roy Black

In den Anfangsjahren verzeichnete die Bürgeraktion als Mitglied Nr. 173 den Schlagersänger Roy Black, der an der Isen in der Nähe von Heldenstein eine Anglerhütte besaß. Dort ist er am 9. Oktober 1991 auch gestorben. Dort, wo einst die Fischerhütte stand, erinnert eine kleine, aber auf Privatgrund befindliche Gedenkstätte an ihn. "Die schönste Zeit in Deinem Leben hat Dir dieser Platz gegeben", steht dort auf einer Tafel geschrieben. Die Hütte musste der Autobahn weichen.

Wie sich auf der Versammlung deutlich zeigte, nagt an vielen Vereinsmitgliedern heute noch das ihrer Meinung nach unwürdige Vorgehen des damaligen Vorsitzenden des 8. Senats des Bayerischen Verwaltungsgerichtshofs, Erwin Allesch. Er habe alle Einwände der Autobahngegner kalt lächelnd abprallen lassen, klagten sie. "Wir hatten von vornherein keine Chance." Jene Stimmen, die dem Richter Parteilichkeit und Rechtsbeugung vorwerfen, werden wohl noch lange Zeit nachhallen.

"Wir haben verloren, was hat's gebracht? Wir haben uns 40 Jahre lang abgekämpft", sagte Heiner Müller-Ermann von der Aktionsgemeinschaft gegen die A 94, die gemeinsam mit dem Verein "Die bessere Lösung" für den Erhalt des Isentals gekämpft hat. "Obwohl wir in allen Punkten recht hatten, haben wir wie gegen eine Wand geredet. Es war trotzdem richtig, alles probiert zu haben." Dieser Bilanz stimmten alle Mitglieder zu, bevor sie den Verein auflösten und entlang der Isentaler Mammutbaustellen nach Hause fuhren.

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