Verkehr in Schwaben Augsburg plant Zone für Gratis-Nahverkehr

Der Nahverkehr in Augsburg soll in einer Zone kostenlos werden - bundesweit einzigartig. Doch die Motivation dahinter ist umstritten.

(Foto: imago stock&people)
  • Die Stadtwerke Augsburg wollen rund um den Königsplatz eine sogenannte City-Zone für den Gratis-Nahverkehr einführen.
  • Die Stadt verkauft das bundesweit einmalige Projekt als Maßnahme zur "Luftreinhaltung", es könnte aber auch als Nachbesserung einer stark kritisierten Tarifreform interpretiert werden.
  • Durch die kürzliche durchgeführte Reform haben Fahrgäste in Augsburg den Eindruck bekommen, zu Abos und Monatskarten gezwungen zu werden.
Von Christian Rost, Augsburg

Wer in der Augsburger Innenstadt unterwegs ist, kann vom kommenden Jahr an kostenlos Bus und Trambahn nutzen. Die Stadtwerke Augsburg wollen rund um den Königsplatz eine sogenannte City-Zone für den Gratis-Nahverkehr einführen. Die Stadt verkauft dieses bundesweit einmalige Projekt als Maßnahme zur "Luftreinhaltung", wie die zweite Bürgermeisterin, Eva Weber (CSU), betont. Allerdings befinden sich in diesem Bereich gerade einmal acht Haltestellen, die Entfernungen sind auch gut zu Fuß zurückzulegen. Und noch etwas fällt auf: Das Angebot kommt in einer Zeit, in der sich nach wie vor viele Nutzer des öffentlichen Personennahverkehrs noch immer über eine Tarifreform ärgern.

Die Augsburger Verkehrs- und Tarifverbund GmbH, kurz AVV, ist der Verkehrsverbund der Region Augsburg. Beteiligt daran sind die Stadt und umliegende Landkreise. Die jüngste Reform der AVV sollte die Tarife einfacher und übersichtlicher machen. Tatsächlich wurde damit zumindest in der Stadt Augsburg die Nutzung von Bus und Tram teurer. Ein Kurzstreckenticket gilt nur noch für insgesamt fünf Stationen. Von der sechsten Haltstelle an kostet es doppelt so viel.

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Weil Zonen zusammengelegt wurden, verdoppelte sich auch der Preis für Fahrten mit der Streifenkarte. Es gab überdies Beschwerden von Fahrgästen, weil keine Wochenkarten mehr angeboten werden. Die Kunden mussten den Eindruck bekommen, dass die Stadtwerke, die für den ÖPNV in der Stadt Augsburg zuständig sind, sie zu Abos und Monatskarten zwingen wollen.

Just in dieser aufgeheizten Atmosphäre präsentierten nun Stadt und Stadtwerke ein neues Mobilitätskonzept im Stadtrat. Mit der Kostenlos-Zone, die Mitte oder Ende 2019 kommen soll, wird sich der Geltungsbereich für ein Kurzstreckenticket bei Fahrten in die Innenstadt wieder um mindestens eine Haltestelle verlängern. Das sieht ganz nach Nachbesserung der misslungenen Tarifreform aus, bestätigen will das bei der Stadt und den Stadtwerken aber niemand. Im Gegenteil: Laut Eva Weber ist es ausschließlich eine Maßnahme zur Luftreinhaltung. Sie verwies darauf, dass an einer Straße in der Altstadt, an der Karlstraße, regelmäßig der Grenzwert für Stickoxid überschritten werde.

Das Mobilitätskonzept sieht vor, dass mit dem Gratisangebot der Parksuchverkehr in der City eingedämmt wird. Die Verkehrsplaner setzen darauf, dass Autofahrer ihre Fahrzeuge am Rand der Zone abstellen und dann kostenlos mit den Öffentlichen weiterfahren. Die jeweiligen Haltestellen sollen gesondert gekennzeichnet werden. Die Stadtwerke rechnen infolge des Angebots mit Mindereinnahmen von 500 000 Euro, die sie zum Teil durch Fördermittel von Bund und Land wieder hereinholen wollen. Die Überlegungen gingen ursprünglich sogar so weit, in Augsburg einen komplett kostenlosen ÖPNV anzubieten.

Die Stadt hatte sich schon beim Bundesverkehrsministerium als Modellstadt für solch ein Projekt beworben, aber einen Korb bekommen. Nun sollen mehrere Einzelmaßnahmen den Verkehr in der City eindämmen und für eine bessere Luft sorgen. Neben der Gratis-Zone sieht die Augsburger Agenda für Mobilität vor: die Umstellung des Lieferverkehrs auf Lastenräder, eine vereinfachte Parkplatzsuche über Handy-Apps und Parkleitsystem, den Ausbau der Fahrrad-Infrastruktur oder auch die Einrichtung zentraler Paketsammel- und -verteilpunkte. Eva Weber sagt, "die Mobilität von morgen soll unser Leben einfach und sicher machen, bequem, ökonomisch und nachhaltig sein und für jeden funktionieren."

Ein Fahrgastverband ist vom Gratis-Nahverkehr angetan

Im Stadtrat gab es quer durch die Reihen viel Lob für das Konzept, es wurden aber auch Kritikpunkte laut. So etwa die Frage, ob sich Vielfahrer mit einem Ticket-Abonnement nicht benachteiligt fühlen, wenn Autofahrer in der Stadt kostenlos auf Bus und Tram umsteigen können, sie selbst aber weiter zahlen müssen.

Beim Fahrgastverband Pro Bahn ist man durchaus angetan von den Plänen. Zwar werde manch einer künftig mit dem Auto in die Stadt fahren und dann auf die Öffentlichen umsteigen, so Klaus Böhme, der Beauftragte des Verbandes für den Augsburger Verkehrsverbund. Auch er werde künftig so verkehren, weil es kein Seniorenticket mehr gebe. Er sei aber dennoch "ganz begeistert von der Idee", dass die Stadt kostenlose Fahrten mit Bus und Tram anbieten wolle. Unterm Strich sei "viel gewonnen" mit dieser Maßnahme, "das wird die Innenstadt entlasten", ist Böhme überzeugt.

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