Abfuhr aus Dachau Wie die Tafeln mit Flüchtlingen umgehen

Immer mehr Menschen sind auf die Versorgung mit kostenlosen Lebensmitteln angewiesen, die beispielsweise von Supermärkten gespendet werden.

(Foto: Deniz Calagan/dpa)
  • Nachdem die Dachauer Tafel verkündet hat, kein Essen an Flüchtlinge auszugeben, kommt Kritik von allen Seiten.
  • An anderen Standorten der Tafel hält man die Sätze der Dachauer Kollegen für "Quatsch" und einen "Skandal".
  • In mehreren bayerischen Städten essen mehreren Flüchtlinge bei der Organisation - ohne größere Probleme und ohne Neiddebatten.
  • Die Problematik dürfe man dennoch nicht unterschätzen, sagt der Flüchtlingsrat. Aber im Hunger seien alle gleich.

Bisher haben die Mitarbeiter der Dachauer Tafel mit ihrem Einsatz für Bedürftige nur Lob geerntet. Damit ist Schluss, seitdem eine bereits 2013 getroffene Entscheidung die Runde macht: An Asylbewerber werden bei der Dachau Tafel keine Lebensmittel abgegeben.

Die vom Bayerischen Roten Kreuz (BRK) getragene Einrichtung erlebt nun einen Sturm der Entrüstung. Verantwortliche würden mit Beschimpfungen konfrontiert. "Zwei Jahre hat sich keiner aufgeregt", sagt der CSU-Landtagsabgeordnete Bernhard Seidenath. Als Vorsitzender des BRK-Kreisverbandes Dachau habe er den Beschluss voll mitgetragen - anwesend dabei das Tafel-Team, die BRK-Kreisgeschäftsführung und er selbst.

Asylbewerber Dachauer Tafel will Flüchtlingen kein Essen geben

Flüchtlinge sollten mit ihrem Geld umzugehen lernen, sagt die Hilfsorganisation. Bundesverbands-Vorsitzender Jochen Brühl schreitet ein: So gehe es nicht.

Der Beschluss aber sorgt nun auch beim Bundesverband Deutsche Tafel für massive Kritik: "Die Ausgrenzung bestimmter Gruppen ist mit der Tafel-Idee schlichtweg nicht vereinbar und ein Verstoß gegen die Grundsätze des Bundesverbandes", sagt der Verbandsvorsitzende Jochen Brühl. Selbst aus den Reihen der CSU kommt Kritik. Josef Mederer, Bezirkstagspräsident von Oberbayern, spricht von einem Widerspruch zwischen der Praxis der Dachauer Tafel und den Grundsätzen des Roten Kreuzes. SPD- und Grünen-Politiker indes fordern Seidenath auf, diese Entscheidung zu revidieren oder sogar als Kreisvorsitzender des BRK zurückzutreten.

Bei Bayerns Tafeln kommen solche Sätze gar nicht gut an

Seidenath verteidigt sich damit, seinerzeit sei im BRK-Kreisverband die Auffassung vertreten worden: Die Asylbewerber bekommen nun ja Geld anstelle von Sachleistungen. Folglich müssten sie jetzt lernen, damit umzugehen. Kürzlich erklärte er erneut: "Asylbewerber sollen lernen, ihr Geld richtig einzuteilen." Dieser Effekt werde aber "konterkariert, wenn sie für einen Euro bei der Tafel so viele Lebensmittel bekommen, wie sie wollen."

Aus der Münchner BRK-Zentrale erhielt Seidenath Rückendeckung. Landesgeschäftsführer Leonhard Stärk betonte, er könne die in Dachau vorgebrachten Argumente nachvollziehen. Die Bedürfnisse der Flüchtlinge würden durch das Asylbewerberleistungsgesetz abgedeckt. Damit seien sie versorgt, so lange ihre Verfahren laufen. Lasse man sie zusätzlich noch zur Tafel gehen, würden sie gegenüber "Einheimischen" bevorzugt. Allerdings bekommen Asylbewerber ohnehin nicht mehr Geld als Hartz-IV-Empfänger - von Bevorzugung also keine Spur.

Bei Bayerns Tafeln kommt die BRK-Linie gar nicht gut an. "Ein Skandal", sagt etwa Reinhard Spitaler, der Vorstand der Tafel in Regensburg. Jeden Tag, so sagt Spitaler, kämen etwa 200 Menschen zu ihm, ein Drittel davon Asylbewerber. Alexander Wagner aus dem oberfränkischen Arzberg sagte mit Blick auf die Dachauer Kollegen nur: "So ein Quatsch!" Auch bei ihm sind die Hälfte der 120 Tafel-Kunden inzwischen Flüchtlinge. Manchmal würden Lebensmittel knapp. "Dann bekommen halt alle etwas weniger", sagt Wagner.

In Coburg dachte man über einen Stopp nach - "aber es reicht noch für alle"

Anders in Coburg: Dort, so sagt Vorstandsmitglied Verena Hochherz, hätten sie vor ein paar Monaten auch mal überlegt, einen Ausgabe-Stopp für Asylbewerber zu verhängen. "Aber es reicht noch für alle", sagt sie. Allerdings auch deswegen, weil inzwischen weniger deutsche Kunden kämen. Jede Woche würden etwa 160 Menschen versorgt, drei Viertel davon seien Asylbewerber.

Die Tafel in Erlangen versorgt gar 3000 Menschen pro Woche. "Niemand wird hier ausgeschlossen", sagt Sabine Hornung von der Diakonie in Erlangen. Inzwischen aber liefere die Tafel Lebensmittel in die Unterkünfte, biete eigene Ausgabetermine für Asylbewerber an. So werde das Ganze entzerrt, eventuelle Neiddebatten unter deutschen und ausländischen Kunden entstünden erst gar nicht.