Türkei: Hohe Spritpreise Alles süper

"Selbstbetrug? Ja und!?": Die Türken zahlen die höchsten Benzinpreise Europas - und dennoch lieben sie ihre Autos über alles.

Eine Reportage von Kai Strittmatter, Istanbul

Morgens an der Tankstelle im Stadtteil Yeniköy. An der Kasse steht schon einer, ein bulliger Kurzgeschorener mit Tränensäcken unter den Augen. Der Versuch, ins Gespräch zu kommen: "Das Benzin ist aber teuer geworden."

Der Kurzgeschorene starrt herüber, schnauft, blickt den Kassierer an, schnauft noch einmal, und entscheidet dann, mit dem Daumen auf uns deutend: "Ein Idiot ist er nicht."

Lange Pause, dann setzt er nach: "Das ist jetzt aber keine Neuigkeit."

"Ja, aber mittlerweile..."

Er: "Hör mal zu: Sollen wir uns jetzt zu Hause einsperren, bloß damit die Herrschaften ihre Steuern nicht eintreiben?"

"Aber", vorsichtige Geste Richtung Preisschild: "Wer kann sich denn das noch leisten?"

Ein mitleidiger Blick über die Tränensäcke hinweg: "Kennst du dieses Land? Dann würdest du wissen, dass die Türken weiterfahren. Die Türken müssen fahren. Sonst ersticken sie. Oder lassen ihre Wut woanders raus."

Auf dem Schild steht: 4 Lira 22. Für den Liter Super. Das ist viel. Sehr viel. Das ist mehr als überall anders in Europa. Die Deutschen jammern über Literpreise von 1,57 Euro?

Da werden Istanbuler wehmütig: 1,57 Euro, Kinder, wisst ihr noch? Die mehr als vier Lira, die heute auf dem Preisschild stehen, sind umgerechnet 1 Euro 90. Die Türken zahlen seit Jahren die höchsten Benzinpreise in Europa (manche sagen: in der Welt, aber das ist umstritten).

Bus-Passagiere sind suspekt

"Unglaublich. Sie stecken die Benzinpumpen nicht mehr ins Auto, sondern in unseren Arsch", schreibt ein Nutzer im "Sauren Wörterbuch", einer populären Internet-Enzyklopädie. Dabei ist das eigentlich Verrückte etwas ganz anderes: Den Türken ist es egal, wie viel der Sprit kostet - sie fahren einfach weiter.

Der Benzinpreis von fast zwei Euro ist ja nur die eine Sache. Die andere: Der durchschnittliche Istanbuler verdient im Monat gerade mal 850 Euro. Und doch sind heute in der Türkei doppelt so viele Autos angemeldet wie vor zehn Jahren: 15 Millionen. Im Dezember, als die Benzinpreise schon wieder kletterten, wurden 51000 neue Pkw angemeldet, das waren 2,3 Prozent mehr als im Vormonat. Istanbul versinkt mittlerweile im Verkehr.

Neun von zehn Pendlern fahren mit dem Auto zur Arbeit. "Du wirst im Büro schräg angeschaut, wenn du mit dem Bus kommst", erzählt eine Freundin: "Kannst du dir kein Auto leisten?" Es ist eine Sache des Prestiges. "Die Leute würden eher auf ihr Essen verzichten als auf ihre Mobilität", sagt der 42-jährige Geschäftsmann Necdet Altan, der seine Toyota-Limousine gerade volltanken lässt.