Süddeutsche Zeitung

Türkei: Hohe Spritpreise:Alles süper

Lesezeit: 3 min

"Selbstbetrug? Ja und!?": Die Türken zahlen die höchsten Benzinpreise Europas - und dennoch lieben sie ihre Autos über alles.

Kai Strittmatter, Istanbul

Morgens an der Tankstelle im Stadtteil Yeniköy. An der Kasse steht schon einer, ein bulliger Kurzgeschorener mit Tränensäcken unter den Augen. Der Versuch, ins Gespräch zu kommen: "Das Benzin ist aber teuer geworden."

Der Kurzgeschorene starrt herüber, schnauft, blickt den Kassierer an, schnauft noch einmal, und entscheidet dann, mit dem Daumen auf uns deutend: "Ein Idiot ist er nicht."

Lange Pause, dann setzt er nach: "Das ist jetzt aber keine Neuigkeit."

"Ja, aber mittlerweile..."

Er: "Hör mal zu: Sollen wir uns jetzt zu Hause einsperren, bloß damit die Herrschaften ihre Steuern nicht eintreiben?"

"Aber", vorsichtige Geste Richtung Preisschild: "Wer kann sich denn das noch leisten?"

Ein mitleidiger Blick über die Tränensäcke hinweg: "Kennst du dieses Land? Dann würdest du wissen, dass die Türken weiterfahren. Die Türken müssen fahren. Sonst ersticken sie. Oder lassen ihre Wut woanders raus."

Auf dem Schild steht: 4 Lira 22. Für den Liter Super. Das ist viel. Sehr viel. Das ist mehr als überall anders in Europa. Die Deutschen jammern über Literpreise von 1,57 Euro?

Da werden Istanbuler wehmütig: 1,57 Euro, Kinder, wisst ihr noch? Die mehr als vier Lira, die heute auf dem Preisschild stehen, sind umgerechnet 1 Euro 90. Die Türken zahlen seit Jahren die höchsten Benzinpreise in Europa (manche sagen: in der Welt, aber das ist umstritten).

Bus-Passagiere sind suspekt

"Unglaublich. Sie stecken die Benzinpumpen nicht mehr ins Auto, sondern in unseren Arsch", schreibt ein Nutzer im "Sauren Wörterbuch", einer populären Internet-Enzyklopädie. Dabei ist das eigentlich Verrückte etwas ganz anderes: Den Türken ist es egal, wie viel der Sprit kostet - sie fahren einfach weiter.

Der Benzinpreis von fast zwei Euro ist ja nur die eine Sache. Die andere: Der durchschnittliche Istanbuler verdient im Monat gerade mal 850 Euro. Und doch sind heute in der Türkei doppelt so viele Autos angemeldet wie vor zehn Jahren: 15 Millionen. Im Dezember, als die Benzinpreise schon wieder kletterten, wurden 51000 neue Pkw angemeldet, das waren 2,3 Prozent mehr als im Vormonat. Istanbul versinkt mittlerweile im Verkehr.

Neun von zehn Pendlern fahren mit dem Auto zur Arbeit. "Du wirst im Büro schräg angeschaut, wenn du mit dem Bus kommst", erzählt eine Freundin: "Kannst du dir kein Auto leisten?" Es ist eine Sache des Prestiges. "Die Leute würden eher auf ihr Essen verzichten als auf ihre Mobilität", sagt der 42-jährige Geschäftsmann Necdet Altan, der seine Toyota-Limousine gerade volltanken lässt.

Ahmet, der schnauzbärtige Tankwart, mischt sich ein: "Dieses Volk liebt es, umherzustreifen. Dazu brauchst du ein Auto. Du musst frei sein, unabhängig von Bus und Dolmus." Die Dolmuse, das sind die privaten Minibusse, die auf Zuruf halten und die in Istanbul die Lücken füllen im dünnen Netz der öffentlichen Verkehrsmittel. Im europäischen Teil der 15-Millionen-Stadt gibt es gerade mal zwei U-Bahn-Linien.

Fahrradfahren?

"Bist du verrückt? Viel zu gefährlich!", ruft Tankwart Ahmet. Er hat recht. In fünf Jahren Istanbul haben wir genau einen Fahrradfahrer kennengelernt: einen Deutschen. Zu Fuß gehen? Noch gefährlicher: Es gibt praktisch keine Gehsteige. Den Platz brauchen die Autos.

Aber es geht nicht bloß ums Prestige. "Der Türke braucht einfach sein Pferd unterm Hintern", sagt ein Freund, selber Türke. Die Nomadengene seien also Schuld. Wenn er ihn dann einmal hat, seinen Gaul, lässt er ihn nicht mehr aus den Augen: Die Istanbuler lassen sich an Sonnentagen auf Bosporus-Parkplätzen den Tee im Auto servieren, sie fahren beim Wochenendpicknick ihren Wagen mitten hinein in den Belgradwald, wo sie ihn zwischen Eichen und Kiefern anleinen, und einmal haben wir einen Taxifahrer erlebt, der sich vom eilig herbeigewunkenen Barbier die Nasenhaare durchs geöffnete Autofenster hindurch rasieren ließ. Das ist mehr als nur Liebe, das sind Blutsbande.

Schattenwirtschaft und Steuerflucht

Warum der Kraftstoff so teuer ist? Das ist schnell erklärt: Von jeder Lira fürs Benzin kassiert der Staat fast 70 Prozent. "Räuber", schimpft Geschäftsmann Necdet Altan. Aber wäre man nicht gerade selbst Autofahrer, man könnte die Regierung sogar verstehen: Sie handelt aus Notwehr.

Kaum ein Türke meldet sein Geschäft oder seinen Job ordnungsgemäß an, Schattenwirtschaft und Steuerflucht sind gewaltig. Deshalb sind hier die Steuern auf Benzin, Alkohol, Tabak oder Handygespräche höher als anderswo - für den Staat ist das die bequemste Möglichkeit, an Geld zu kommen.

Letzter Dialog mit Ahmet, dem Tankwart. Halten sich die Leute beim Tanken denn nun zurück?

"Ja", sagt er: "Die meisten, die früher für 70 Lira getankt haben, drücken mir jetzt bloß noch einen Fünfziger in die Hand."

"Aber damit kommen sie doch nicht weit."

"Klar. Dafür tanken sie dann ja auch öfter."

"Aber das ist doch Selbstbetrug."

Ahmet grinst: "Ja? Und?"

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Quelle:
SZ vom 09.03.2011
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