Fahrradkurse Hilfe für Erwachsene, die spät in Tritt kommen

Bernhard Dorfmann und Schülerin. Dorfmann bietet in Wien Fahrradkurse für Erwachsene an. Fünf Stunden kosten 200 Euro.

(Foto: Steve Przybilla)

Nicht Radfahren zu können, ist vielen Erwachsenen peinlich. Um auf dieses Stück Lebensqualität nicht weiter verzichten zu müssen, nehmen immer mehr Menschen an speziellen Kursen teil.

Reportage von Steve Przybilla

Dieser verfluchte Lenker! Mal driftet er nach links, dann wieder nach rechts. Ihn wirklich gerade zu halten, ist alles andere als einfach. "Versuch's erst gar nicht", ruft Bernhard Dorfmann seiner Schülerin zu. "Du lernst nicht von mir. Du lernst vom Fahrrad." Er redet von der Balance. Kein Radfahrer lenkt die ganze Zeit stur geradeaus. Wer auf dem Sattel sitzt, korrigiert sich immer wieder selbst, ganz intuitiv, ohne es zu merken. Aber auch nur dann, wenn man es als Kind so gelernt hat.

Die Schülerinnen und Schüler, denen Dorfmann das Radfahren beibringt, sind schon etwas älter. Der 44-jährige Wiener, der hauptberuflich als Fahrradkurier arbeitet, hat 2012 die "City Cycling School" gegründet. Er richtet sich an Erwachsene, die nicht länger Ausreden erfinden wollen, wenn ihre Freunde eine Radtour planen. Erwachsene, denen ein Stück Alltag, wenn nicht sogar Lebensqualität fehlt. Dass es diese Zielgruppe durchaus gibt, beweist die Nachfrage nach Dorfmanns Kursen. Offen sprechen will aber kaum jemand darüber: Dass Erwachsene nicht radeln können, ist ein Tabu.

Sonntagsradler nerven

Die Beschwerden routinierter Biker im Straßenverkehr werden lauter. Zu Unrecht. Das Problem ist: Radler sind genauso egoistisch und rechthaberisch wie Autofahrer. Kommentar von Thomas Harloff mehr ...

Erste Übungen auf dem Tretroller

Marion Dworak ist eine von ihnen. Die 41-jährige Wienerin weiß selbst nicht genau, warum sie bis heute nicht Fahrrad fahren kann. "Es gab immer Fahrräder in meiner Familie", erzählt sie, "aber ich verliere sehr schnell die Geduld. Vielleicht haben meine Eltern nicht stark genug eingefordert, dass ich übe." Immerhin hat sie sich überwunden, die erste Stunde in Dorfmanns Kurs zu besuchen. Da sitzen die Schüler noch nicht auf dem Fahrrad. Ein Tretroller mit dicken Reifen soll die ersten Fahrversuche erleichtern. "Er verfügt über dieselben physikalischen Eigenschaften wie ein Fahrrad", sagt Dorfmann, "aber ohne Sattel geht es am Anfang viel leichter."

Während an der Donau mehrere Mountainbiker freihändig vorbeirauschen, fährt Dworak einer Kreidelinie nach. Es folgen Slalom-, Aufstiegs-, Tret- und Lenkübungen, bei denen die Frau allmählich ihr Gleichgewicht findet. "Alles ist genau aufeinander aufgebaut", versichert Dorfmann, der sich in Hamburg zum Fahrradlehrer hat ausbilden lassen.

Noch keine schlimmen Stürze

Das Konzept ("Moveo ergo sum") basiert auf dem Lernen in kleinen Schritten, damit niemand überfordert wird und dadurch die Motivation verliert. Schlimme Stürze seien im Kurs folglich noch nicht passiert, versichert der Fahrradlehrer. Es komme höchstens mal vor, dass er zu Pflaster und Wundspray greifen müsse.

Wie viele Erwachsene tatsächlich nicht radeln können, darüber gehen die Meinungen (und Zahlen) auseinander. "97 Prozent der Bevölkerung können Rad fahren", heißt es in der Studie "Fahrradfahren in Deutschland" (2016), die der Radhersteller Rose Bikes in Auftrag gegeben hat. Bei einer Bevölkerung von 80 Millionen wären das etwa 2,4 Millionen Menschen, wobei man Kleinkinder und Greise natürlich abziehen müsste. Der Fahrradclub ADFC geht für Deutschland von 100 000 bis 200 000 Personen aus.