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Wolf Singer:"Das Gehirn hat völlig falsche Vorstellungen"

Wolf Singer erklärt, warum das Gehirn sich oft täuscht, wie man seine Aufmerksamkeit trainieren kann und wie LSD das Bewusstsein verändert.

Kristin Rübesamen

London, ein Kongresshotel am Regent's Park. Draußen vor der Tür Pollenalarm und Dauerhupen, drinnen in der Lobby Musik, wo man geht und steht. Nur einer findet auf Anhieb eine ruhige Ecke: Wolf Singer, Deutschlands bekanntester Neurobiologe. Groß, schlank, elegant, weltmännisches Auftreten. Routiniert bestellt er "Tea for two". Was für eine Überraschung, als sich sein Gesicht auf einmal in ein frohes Grinsen auseinanderzieht. Haben Hirnforscher tatsächlich viel zu lachen?

Prof. Dr. Wolf Singer, 66, leitet das Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Frankfurt. Er gilt als einer der bekanntesten Hirnforscher Deutschlands.

(Foto: Foto: dpa)

Süddeutsche Zeitung: Herr Singer, wie fühlt es sich an, ein drei Pfund schweres, festes Gelee, das denken kann, in der Hand zu halten?

Wolf Singer: Als Mediziner bekommt man so ein Gehirn, außer vielleicht in der Pathologie, eigentlich nie unfixiert in die Hand. Wenn, dann ist es in der Regel vorher in Formalin eingelegt gewesen, dadurch wesentlich fester als in vivo.

SZ: Manche vergleichen es mit einem weichen Ei ...

Singer: Vielleicht machen die Leute sich eher einen Begriff, wenn sie daran denken, wie sich Lunge anfühlt oder Leber. Das kennt man ja, weil man es beim Metzger kaufen kann. Das Gehirn hat eine ähnliche Konsistenz wie die Leber. Wenn man es als lebendiges Organ betrachtet, auf dem Operationstisch, unter dem Operationsmikroskop, dann besticht es durch seine Sauberkeit. Es ist ganz hell, glänzt, man erkennt die feinen Gefäße über der Großhirnrinde, in der Vergrößerung sieht man auch die Blutkörperchen durchziehen. Insgesamt macht es einen außerordentlich aufgeräumten, blitzsauberen Eindruck.

SZ: Ihre Stimme klingt zärtlich. Man hält ein Gehirn also eher mit Ehrfurcht als mit Achselzucken in der Hand?

Singer: Auf jeden Fall mit Ehrfurcht.

SZ: Das männliche Gehirn ist wohl nicht zufällig etwas weicher als das weibliche?

Singer: Das ist Unsinn. Vielleicht haben die Hirnhäute eine leicht andere Konsistenz, aber männliche und weibliche Gehirne haben eine völlig gleiche Substanz und Struktur: unzählige Nervenzellen, die miteinander zu einem dichten Netzwerk verknüpft sind.

SZ: Wir Menschen hängen an der Vorstellung, dass wir einen freien Willen haben. Diesen Glauben hat uns die Hirnforschung genommen. Wie also treffen wir dann Entscheidungen?

Singer: Im Gehirn gibt es Bewertungszentren, die fortwährend Erfahrungen und Zukunftsszenarien zusammenrechnen und die Ergebnisse auf ihre Stimmigkeit hin überprüfen. Das muss nicht immer zu optimalen Lösungen führen. Diese Zentren können sich durchaus täuschen, sie sind kein allwissender Beobachter.

SZ: Und wie Sie in Ihrem Buch "Der Beobachter im Gehirn" erklären ...

Singer: Es gibt eben nicht den einen Ort im Gehirn, an dem alle Informationen zusammenlaufen, wo die Sinnessignale einheitlich interpretiert werden, wo Entscheidungen fallen, wo die Zukunft geplant wird, wo das Ich sich konstituiert. Das ist die Lehre, die wir aus den neurobiologischen Erkenntnissen der letzten Jahrzehnte gezogen haben. Das Gehirn macht sich faszinierenderweise völlig falsche Vorstellungen über seine Verfasstheit.

SZ: Diese Erkenntnis kam nicht bei jedem gut an: Sie haben damit einen ziemlichen Wirbel verursacht und sich einen Rüffel von Jürgen Habermas geholt.

Singer: Das war auf einem Philosophenkongress in Essen, auf dem ich abends erzählt habe, wie wir Neurobiologen glauben, dass das Gehirn funktioniert. Das hat vor allem die Journalisten beunruhigt, die das dann später polemisch als Angriff auf das Selbstverständnis der Menschen und die Würde des Abendlandes wiedergegeben haben. Viele wollen halt die Welt anders sehen. Sie wollen die Unabhängigkeit des Geistigen, der Entscheidung und des Willens. Und das Gehirn als materielles Substrat soll dann lediglich ausführen, was der Wille vorgibt.

SZ: Nicht nur wir Journalisten verzichten ungern auf unseren freien Willen ...

Singer: Den gibt es aber nun mal aus der Sicht der Neurobiologen nicht, so wie wir uns das wünschen. Bei uns muss der neuronale, materielle Prozess vorgängig sein. Dazu gehört der Zustand des Körpers, ob der Zuckerspiegel hoch oder niedrig ist, gehören Argumente, die in neuronale Aktivität übersetzt werden müssen, um zu wirken. Dazu gehört auch alles, was im Gedächtnis abgespeichert ist, wie die moralisch-ethischen Inhalte, die sich als gutes oder schlechtes Gewissen manifestieren.

SZ: Erst nehmen Sie uns den Willen, dann soll der Zuckerspiegel entscheiden, wie wir handeln: Wir halten uns doch zugute, gerade durch unser Bewusstsein ein Sonderfall der Evolution zu sein.

Singer: Der Wille wird nicht in Frage gestellt, und wir sind in vielen Aspekten etwas Besonderes, sonst hätten wir der biologischen nicht die kulturelle Evolution hinzugefügt. Ein Teil dessen, was unsere Entscheidungen beeinflusst, wird vom Bewusstsein erfasst, und wir können begründen, warum wir dieses oder jenes getan haben. Sehr oft liegen viele der Gründe, die uns zu einer bestimmten Entscheidung bringen, jedoch im Unbewussten. Wenn wir gefragt werden, geben wir stets Gründe an, aber die müssen nicht die eigentlichen sein ...

SZ: ... und hinterher sitzt man dann da mit einem neuen Camping-Anhänger.

Singer: Zum Beispiel. Wir haben eben diesen Begründungszwang. Wir wollen, dass nichts ohne Ursache geschieht. Manchmal, wenn wir die eigentliche nicht erkennen, erfinden wir eine.

Bewusstseinswandel durch Meditation

SZ: Mal angenommen, jemand möchte ein besserer Mensch werden: Muss er dazu mehr von seinem Unterbewusstsein verstehen, also unbewusste Prozesse bewusst machen?

Singer: Die Kapazität des Bewusstseins ist begrenzt. Sie können nicht auf beliebig viele Dinge Ihre Aufmerksamkeit lenken, und die Aufmerksamkeit brauchen Sie, um etwas ins Bewusstsein zu heben.

SZ: Meditation ist längst als Aufmerksamkeitstraining anerkannt. Sie haben selber mal an einem Schweigeseminar im Schwarzwald teilgenommen, oder?

Singer: Ja, ich bin in ein Sesshin, eine sehr strenge Zen-Praxis, geraten: also acht Stunden am Tag vor der weißen Wand sitzen. Kein Blickkontakt mit den anderen, kein Wortwechsel, vierzehn Tage lang: ein hartes Regime. Sie müssen mit der Situation fertigwerden, total isoliert zu sein. Und zwar lange. Erst nach ein paar Tagen begreifen Sie, was passiert. Man muss sich sehr stark konzentrieren, ist also weit weg davon, zu dösen oder einzuschlafen, und es geht einem vieles durch den Kopf.

SZ: Angeblich denken viele nur an Sex ...

Singer: Woran sie denken, darauf kommt es gar nicht an. Es geht vielmehr darum, alles kommen und gehen zu lassen, sodass sich ein Zustand von Gelassenheit einstellt.

SZ: Buddhisten nennen das "kühle Langeweile" oder "Erleuchtung".

Singer: Das Eins-Sein mit dem Universum habe ich nicht erfahren, so weit bin ich nicht gekommen. Was ich bemerkt habe, ist, dass sich meine visuelle Wahrnehmung verändert hat. Das mag jetzt etwas exotisch klingen, aber es gibt das sogenannte Ameisenhaufen-Phänomen: Wer so einen großen Ameisenhaufen betrachtet, und im Schwarzwald gibt's viele, der kann entweder seine Aufmerksamkeit auf die Ameisen selber richten, dann sieht er diese kleinen Krabbler mit den Beinchen und allen Details; oder aber, er öffnet die Aperture der Aufmerksamkeit und sieht nurmehr die großen Bewegungsströme auf diesem Ameisenhaufen, dafür nicht mehr die Details.

SZ: Womit erklären Sie sich das?

Singer: Das liegt daran, dass man für Bewegungsanalyse im Gehirn völlig andere Systeme verwendet als für die Formenidentifikation, die Detailauflösung. Normalerweise schaltet man zwischen den beiden Systemen hin und her, je nachdem, was man gerade braucht. Nach drei bis vier Tagen Meditation dachte ich: Donnerwetter, ich kann ja beides gleichzeitig sehen, die Ströme und die Tierchen. Die Mönche haben mir später bestätigt, dass diese Veränderung der Aufmerksamkeit einer der ersten Effekte ist, der sich nach intensiver Meditation einstellt.

SZ: Meditation dient auch der Wahrheitsfindung, wie Sie herausgefunden haben ...

Singer: Ja, zusammen mit meinem Freund Matthieu Ricard, dem Molekularbiologen und buddhistischen Mönch. Ich habe mit ihm zusammen ein Buch über Meditation und Hirnforschung geschrieben.

SZ: Darin sprechen Sie auch von "Demut"; eine ungewohnte Kategorie für einen Naturwissenschaftler. Es geht also bei Meditation nicht nur um Nabelschau.

Singer: Der Matthieu würde sagen, die Befreiung des eigenen Bewusstseins von Kontaminationen wie Neid, Missgunst, Hass, also Teufelskreisen, in denen man sich andauernd verfängt, schafft einen viel realistischeren, weniger ichbezogenen Blick auf die Welt.

SZ: Kann man dann auch toleranter sein?

Singer: Mehr noch: Dann kann ich leichter helfen, kann mich leichter einlassen auf andere.

SZ: Es gibt also einen Zusammenhang zwischen der Schärfung der Wahrnehmung und der Fähigkeit zur Empathie: Wenn wir lernen, uns selber zu beobachten, sehen wir auch eher, wenn es anderen schlecht geht?

Singer: Es gibt erste Untersuchungen, die das zu bestätigen scheinen. Wenn sich Menschen über kontemplative Verfahren wie Meditation sehr intensiv mit ihren Emotionen auseinandersetzen, sie differenzieren lernen, dann werden sie auch besser im Entschlüsseln der emotionalen Gestimmtheit des Gegenüber, können besser aus Gesichtern lesen, sauberer zwischen Emotionen unterscheiden. Bei einem aggressiven Menschen wird dann vielleicht zusätzlich erkennbar: Der hat eigentlich Angst und seine Aggressivität ist nur die Folge. Man kann dann wahrscheinlich differenzierter, nachsichtiger und verständnisvoller gegenüber diesem Menschen sein.

SZ: Weil ich mich im Anderen wiedererkenne?

Singer: Genau.

Wolf Singer auf LSD

SZ: Warum stellt sich bei dem einen Mitleid, beim nächsten Teilnahmslosigkeit ein, wenn in der Zeitung zum Beispiel ein Boot auf hoher See abgebildet ist, an das sich Flüchtlinge klammern?

Singer: Da sind die Neurobiologen noch nicht weit vorgedrungen. Es gibt Strukturen im Gehirn, die für das Verarbeiten von Reizen und das Umsetzen dieser Reize auf die emotionale Ebene zuständig sind. Aber Menschen sind in ihrer Wahrnehmung geprägt von ihren jeweiligen Kulturkreisen, einem Wissen, von dem sie meist nicht wissen, dass sie es haben und es deshalb selten hinterfragen. Soziale Realitäten, von Menschen in die Welt gebracht, prägen unsere Wahrnehmungen und Wertungen. Gerechtigkeit, Würde, die Geschlechterrollen - all das wird, je nach Sozialisierung und Erfahrung, völlig unterschiedlich gesehen.

SZ: Und wenn jemand noch keine Erfahrung gemacht hat mit den Gefahren auf hoher See ...

Singer: ... dann wird er vielleicht das oben beschriebene Bild als Schifferlfahren, als etwas ganz Angenehmes bei schönem Wetter und blauem Meer sehen, und die exotischen Menschen auf dem Schiff werden ihn ebenfalls nicht gleich in Sorge versetzen. Es sei denn, er weiß, dass solche Boote die Tendenz haben, unterzugehen.

SZ: Anderes Beispiel. Wenn in der Zeitung steht: "In Eritrea wird das Wasser ernsthaft knapp."

Singer: Dann haben wir trotzdem immense Schwierigkeiten, gegenüber den Eritreern Fürsorge zu empfinden; sie sind weit weg, und wir kennen sie nicht persönlich. Wenn wir dagegen eine emotionale Bindung haben zu jemandem, der in Not ist, dann werden wir was unternehmen. Weil wir uns sonst selber schlecht fühlen.

SZ: Lässt sich diese Fürsorglichkeit trainieren? Haben Sie nicht mal gesagt, wir müssten versuchen, moralische Werte jenseits der Religion in uns zu verankern?

Singer: Ohne Metaphysik geht das nicht. Aus wissenschaftlichen Ergebnissen lassen sich keine moralischen Werte ableiten. Ein Wissenschaftler kann zwar ausrechnen, dass die Erwärmung dazu führen wird, dass die Eisbären aussterben. Aber die Bewertung des Lebens von Eisbären ist nicht Sache der Wissenschaft. Jemand müsste die moralische Vorgabe machen, dass es wichtig ist, emphatisch zu sein. Und nicht zynisch sagen: Die Evolution, die uns hervorbrachte, hat doch fortwährend Opfer gefordert. Dann können wir Wissenschaftler vielleicht ein Rezept formulieren, wie wir diese Empathie erlangen könnten.

SZ: In welcher Situation fühlen Sie sich ganz und gar nicht als Homo sapiens?

Singer: Beim Tiefschnee-Wedeln.

SZ: Und was war mit Ihrem LSD-Selbstversuch in den Siebzigern am Max-Planck-Institut in München, von dem man sich in Mediziner-Kreisen immer noch erzählt?

Singer: Da habe ich die Autos gaaaanz langsam um den Friedensengel fahren sehen, und das Wasser im Wasserfall an der Museumsinsel tropfte wie Honig herunter. Das überzeugte mich davon, dass meine Zeit nicht die der anderen Menschen war. Das machte mich sehr einsam. Ich fand mich ungeheuer kreativ in dieser Nacht, habe gemalt und gedichtet. Aber am nächsten Tag stellte ich fest, dass alles banal war. Es war fast ein schizophrener Zustand.

SZ: Sind Sie heute noch so experimentierfreudig?

Singer: Neugierig schon, aber mit Drogen wäre ich heute extrem vorsichtig.

Prof. Dr. Wolf Singer, 66, leitet das Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Frankfurt. Er gilt als einer der bekanntesten Hirnforscher Deutschlands und ist Mitglied der päpstlichen Akademie der Wissenschaften. Seine Themen reichen vom Verhältnis von Natur- und Geisteswissenschaften, über die Unverzichtbarkeit der Tierversuche, den Nutzen der Hirnforschung für die Geschichtswissenschaft, für die Erziehung und für die Wertschätzung der Kunst, bis hin zu Vorschlägen zur Stadtentwicklung. Die größte Herausforderung seiner boomenden Disziplin sieht Singer darin, die Erklärungslücke zwischen neurobiologischen Erkenntnissen und menschlichem Verhalten zu schließen. Wolf Singer ist Vater von erwachsenen Zwillingstöchtern.

© SZ vom 18.07.2009/gal
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