Verhaltensbiologie:Hau ab!

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Krötenwanderung

Fressen oder gefressen werden - für Frösche und Kröten wie diese gibt es eigentlich nur zwei Möglichkeiten im Leben.

(Foto: Patrick Pleul/dpa)

Warum Winkerfrösche ihre Hinterbeine in die Luft werfen - und welche Rolle Testosteron dabei spielt.

Von Tina Baier

Für die meisten Frösche gibt es nur zwei Kategorien im Leben: Fressen oder gefressen werden. Entsprechend eingeschränkt nehmen sie ihre Umgebung wahr. Objekte, die sich ihnen parallel zur Körperachse nähern - ein auf dem Boden kriechender Wurm zum Beispiel - sind Futter. Objekte, die senkrecht von oben oder unten auf sie zukommen, sind keine Würmer. Also aller Wahrscheinlichkeit nach Feinde, vor denen es weg zu hüpfen gilt.

Der Fluchtreflex von Fröschen und übrigens auch von Kröten angesichts von Objekten, die von oben oder von unten kommen, lässt sich auch künstlich durch Attrappen auslösen. Biologen sprechen deshalb vom "Antiwurm-Stimulus". Eine Studie, die gerade im Wissenschaftsjournal Proceedings of the Royal Society B erschienen ist, lässt jetzt allerdings vermuten, dass das Froschleben vielleicht doch nicht so einfach ist.

Demnach nutzen Winkerfrösche der Art Staurois parvus die Urangst ihrer Artgenossen schamlos aus und lösen deren Fluchtreflexe aus, um Konkurrenten um paarungsbereite Weibchen zu vertreiben. Nach Ansicht der Wissenschaftler um den Biologen Nigel Anderson von der amerikanischen Brown University in Providence, wäre das eine gute Erklärung für das merkwürdige Verhalten von Winkerfröschen, das den Amphibien auch ihren Namen gegeben hat. Die Tiere kicken ihre Hinterbeine hoch in die Luft, strecken sie mit gespreizten Zehen komplett aus und ziehen sie dann wieder zurück. Sie winken sozusagen mit den Beinen.

Anderson und seine Kollegen vermuten, dass die Amphibien mit ihrem ausgestreckten Bein einen Feind imitieren, der von oben angreift und so ihre männliche Konkurrenz zu Tode erschrecken. Angetrieben vom Antiwurm-Reflex stellen die Konkurrenten die drittwichtigste Sache im Leben eines Frosches - die Fortpflanzung - hinten an und bringen sich erst einmal in Sicherheit.

Grundsätzlich ist das Winken der Winkerfrösche, von denen es sechs verschiedene Arten gibt, wahrscheinlich entstanden, weil die Tiere in einer lauten Umgebung leben, in der die unter Fröschen sonst übliche Art der Kommunikation (Quaken) nicht funktioniert. Der Kleine Winkerfrosch (Staurois parvus) zum Beispiel, das Forschungsobjekt von Nigel Anderson, lebt an rauschenden Bächen im tropischen Regenwald von Borneo. Die Tiere, die erst seit kurzem als eigene Art anerkannt sind, sitzen oft auf Felsen mitten im Wasser, bevorzugt in der Nähe von Stromschnellen. Gequake würde in dieser Umgebung vom Rauschen des Wassers übertönt. Die Bein-Kommunikation ist dagegen für alle weithin sichtbar - zumal die Häute zwischen den gespreizten Zehen der Tiere weiß gefärbt sind und sich deshalb gut von den schwarzen Felsen abheben.

Die These, wonach das Winken männliche Konkurrenz abschrecken soll, stützen die Biologen mit ihrer Beobachtung, dass das männliche Sexualhormon Testosteron dieses Verhalten verstärkt. Kleine Winkerfrösche im Tiergarten von Wien, denen sie für ihre Untersuchung Testosteron verabreicht hatten, winkten nämlich heftiger und warfen ihr Bein höher in die Luft, als Frösche aus der Kontrollgruppe, denen sie lediglich eine Kochsalzlösung injiziert hatten.

Für eher unwahrscheinlich halten die Forscher dagegen, dass die Männchen mit ihrem Gewinke Weibchen anlocken wollen. Dagegen spreche, dass manche Männchen während der Paarung weiterwinken. Und auch, dass weibliche Frösche nicht weiter auf die akrobatischen Übungen der Männchen achten: Sie paaren sich in der Regel mit demjenigen, der ihnen am nächsten ist.

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