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Wetterchaos:Der Winter in unseren Köpfen

Das Gefühl, einen Wintereinbruch unbekannter Stärke zu erleben, lässt sich psychologisch, aber nicht meteorologisch erklären. Ein Jahrhundert-Ereignis ist dieser Winter nicht, sagen Forscher.

Christopher Schrader

Das Tiefdruckgebiet Petra dürfte vielen Deutschen herzlich unsympathisch geworden sein. Aber das hätte das Wetterphänomen nicht daran gehindert, in Gera 55 Zentimeter Schnee abzuladen, den Verkehr auf den Autobahnen um Köln, Dortmund und Münster lahmzulegen, Bahnfahrer und Flugpassagiere festzusetzen. Manch ein Wetterdienst hat das Wort "Starkschnee" benutzt, das ansonsten in der Meteorologie wenig gebräuchlich ist.

Aber verglichen mit dem Wetter von Jahrzehnten ist der frühe, starke Schneefall kein singuläres Geschehen.

(Foto: AP)

Die Wetterkundler können ganz ruhig erklären, wie Petra Deutschland überfallen konnte. Das Land liegt zurzeit unter einer Luftströmung, die direkt von Norden kommt und bis in große Höhen kalt und feucht ist. Diese stieß bald auf Barrieren in Gestalt der Mittelgebirge wie Harz oder Erzgebirge, wo sie ihre Fracht ablud. Und Petras Kaltfront, die schlängelte sich nach Süden, und an manchen Stellen haben sich die Niederschläge darum verstärkt. Gera war ein Extrembeispiel, im knapp vierzig Kilometer entfernt gelegenen Windischleuba fielen nur zwölf Zentimeter Schnee, so Dorothea Paetzold, Meteorologin beim Deutschen Wetterdienst DWD.

Besonders ungewöhnlich sei das nicht, sagen die Klimabeobachter beim DWD, die den Wetterverlauf in langen Zeitreihen erfassen. Gewiss, von den normalen 17 Schneetagen eines Winters hat der diesjährige schon 16 verbraucht, und in Süddeutschland ist örtlich in zwei Wochen anderthalbmal so viel Schnee gefallen wie gewöhnlich im ganzen Monat. Aber verglichen mit dem Wetter von Jahrzehnten ist der frühe, starke Schneefall kein singuläres Geschehen. "Das war sicherlich kein Jahrhundert-Ereignis", sagt DWD-Sprecher Uwe Kirsche.

Das Gefühl, einen Wintereinbruch unbekannter Stärke zu erleben, lässt sich daher eher psychologisch als meteorologisch erklären. Das ungestützte Gedächtnis der meisten Menschen reicht eben nicht so weit zurück wie die Aufzeichnungen der Wetterkundler. Wenn man also den Dezember 2010 nur mit den vergangenen zehn Jahren vergleicht, die man ungefähr im Kopf hat, dann erscheint er nahezu beispiellos.

In früheren Jahren lag im Atlantik vor Island aber auch das übliche Tiefdruckgebiet, das relativ milde Luft aus West nach Mitteleuropa lenkte. Diese Jahr blockiert dort ein Hoch den Luftfluss, stattdessen kommt die Strömung aus Norden. Im Januar 2009 übrigens war es ein Kältehoch über Skandinavien namens Bob, das die Kälte brachte - aber mit Ostwind. So etwas passiert, sagen die Wetterkundler. Ihren Gleichmut teilen nur wenige.

Im Winter ist es für viele Bürger, Städte und Autobahnmeistereien besonders misslich, dass ihnen die Experten nicht genau vorhersagen können, wo und wann Schnee und Eis in den Verkehr einbrechen. So wusste der DWD am Freitag nicht, ob es am Sonntag zuerst in Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz oder Baden-Württemberg schneit. Oder ob es gefrierenden Regen gibt. Oder ob die Wolken weiterziehen. "Auch das kommt vor, dass unsere Computermodelle sich uneins sind", sagt Dorothea Paetzold. "Aber bei Regen fällt das nicht so stark auf wie bei Schnee und Eis."

Mit dem Blick auf die Schneemassen in Deutschland erscheint es vielen Menschen geradezu widersinnig, über den Klimawandel nachzudenken. Aber ungeachtet der Kälte in Europa könnte 2010 im globalen Mittel ein besonders warmes Jahr werden. In den bisher präsentierten Zahlen für den November jedenfalls liegt es weit vorn. Und für die Zeit von Januar bis Oktober waren sich die wichtigen Wetterdienste in Großbritannien und den USA einig, dass 2010 auf Platz eins in der Statistik lag.

© SZ vom 20.12.2010/jab

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