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Biologie:Warum weibliche Tiere meistens länger leben

Orang-Utan-Dame Bella

Die Orang-Utan-Dame Bella (Aufnahme von 2009) ist die älteste bekannte Vertreterin ihrer Spezies

(Foto: dpa)
  • Forscher haben 229 Tierarten untersucht und festgestellt: Bei fast allen leben die Weibchen länger als die Männchen.
  • Der Unterschied liegt offenbar vor allem an den Geschlechtschromosomen: Meist haben Weibchen zwei identische.
  • Eine Ausnahme sind Vögel und Schmetterlinge, wo die Männchen ein doppeltes Geschlechtschromosom haben - und länger leben.

Von Nadine Regel

Bella ist 58 Jahre alt, isst am liebsten süßen Brei und Bananenmark. Viel mehr kann der älteste Orang-Utan der Welt auch nicht mehr kauen. Freilich lebt Bella seit Langem unter künstlichen Bedingungen im Tierpark Hagenbeck in Hamburg, in Freiheit ist die Lebenserwartung von Orang-Utans um einiges geringer. Ihr hohes Alter könnte aber noch einen Grund haben: ihr weibliches Geschlecht. Individuen mit identischen Geschlechtschromosomen - das sind häufig die Weibchen - leben laut einer Studie im Fachmagazin Biology Letters im Schnitt um 18 Prozent länger als solche mit verschiedenen Chromosomen.

Dazu verglichen Biologen um Zoe Xirocostas von der University of New South Wales in Sydney die Lebensspanne von Männchen und Weibchen bei 229 Tierarten. Bei fast allen Spezies haben die Weibchen einen genetischen Vorteil, der ihnen zu einem längeren Leben verhilft. Für die Studie durchforsteten die Biologen wissenschaftliche Arbeiten, Bücher und Online-Datenbanken.

Die Unterschiede führen die Forscher vor allem auf die Geschlechtschromosomen zurück. Der Mensch hat 23 Chromosomenpaare in seinem Erbgut, der DNA. Das 23. Paar wird als Geschlechtschromosom bezeichnet. Bei Säugetieren, also auch beim Menschen, haben weibliche Individuen zwei identische X-Chromosomen, während männliche ein X- und ein kleineres Y-Chromosom aufweisen. Das X enthält viele wichtige Gene, das Y beschränkt sich auf die Übermittlung von Erbinformationen für die männliche Reproduktion. Enthält ein X-Chromosom defekte Gene, kann bei den Weibchen das andere Chromosom kompensieren. Individuen mit ungleichen Geschlechtschromosomen sind hingegen anfälliger für genetische Mutationen.

Bei Schmetterlingen und Vögeln haben die Männchen zwei gleiche Geschlechtschromosomen

Je nach Spezies wirkt sich das unterschiedlich auf die Lebenserwartung aus. Ein Extremfall ist die Deutsche Schabe (Blattella germanica). Weibliche Schaben werden bis zu 200 Tage alt und leben damit 75 Prozent länger als männliche. Auch bei Breitfuß-Beutelmäusen sind Männchen arg im Nachteil. Sie sterben nach der Paarung mit etwa elf Monaten, die Weibchen werden bis zu drei Jahre alt. Doch es gibt auch Tiere, bei denen Männchen übereinstimmende Geschlechtschromosomen haben und Weibchen verschiedene. Dazu zählen etwa Vögel oder Schmetterlinge. Hier haben die Männchen einen Vorteil an Lebenszeit - jedoch nur sieben Prozent. "Diese Besonderheit deutet darauf hin, dass auch andere Faktoren die Langlebigkeit beeinflussen", sagt Xirocostas.

Einer ist die sexuelle Selektion. Männchen versuchen mit viel Aufwand, für potenzielle Partnerinnen attraktiv zu sein. Das kostet jedoch Energie und zehrt an der Gesundheit. "Die sexuelle Selektion ermutigt Männchen dazu, größere Risiken einzugehen", sagt Xirocostas. Dazu zählt sie zum Beispiel Kämpfe mit Konkurrenten um die Gunst von Weibchen oder die Gründung und Verteidigung eines Territoriums. Männliche Vögel und Schmetterlinge haben demnach zwar einen chromosomenbedingten Vorteil. Dieser wird aber durch sexuelle Selektion abgeschwächt. Zudem hat das weibliche Hormon Östrogen wohl eine Schutzfunktion für die Chromosomenenden, was Weibchen einen zusätzlichen Bonus an Lebenszeit verschafft.

Auch beim Menschen gibt es Unterschiede in der Lebenserwartung. Frauen werden tendenziell älter als Männer - im weltweiten Schnitt viereinhalb Jahre. Das liegt nach bisherigen Erkenntnissen allerdings vor allem am Lebensstil: Frauen trinken weniger Alkohol, achten mehr auf ihre Ernährung, sind weniger risikofreudig und gehen häufiger zu Vorsorgeuntersuchungen.

© SZ vom 16.03.2020/hmw
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