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Warum Brainstorming nicht funktioniert:80 Prozent glauben an das Brainstorming

Osborns wichtigste Regel war: "Keine Kritik!" Negatives Feedback verhindere, dass sich die scheue Blüte der Kreativität entfalte, formulierte er blumig. Jeder in der Gruppe solle ohne Angst vor Spott selbst den größten Unsinn sagen dürfen, Hauptsache, die Kreativität werde entfesselt.

Brainstorming setzte sich durch, die Kreativtechnik fand Anhänger und Anwender - bis heute. "Etwa 80 Prozent der Menschen glauben daran, dass sie in Gruppen mehr und auch kreativere Ideen produzieren, als wenn sie alleine arbeiten", schreiben Psychologen um Stroebe und Bernard Nijstad von der Universität Groningen in einer Übersichtsarbeit im Fachblatt Advances of Experimental Social Psychology.

Dabei geht der erste akademische Schuss gegen das Brainstorming auf das Jahr 1958 zurück. Psychologen der Universität Yale ließen damals 48 Probanden in Vierergruppen verschiedene Aufgaben nach den Regeln des Brainstormings lösen. Die Kontrollgruppe bestand aus ebenso vielen Teilnehmern - mit dem Unterschied, dass sich alle 48 Probanden alleine und ohne Kommunikation mit anderen Teilnehmern der Lösung der gestellten Aufgaben widmen mussten. Das Ergebnis der Studie war eine Ohrfeige für Osborn und seine Kreativtechnik. Die Einzelkämpfer präsentierten etwa doppelt so viele Ideen wie die Brainstormer - und eine unabhängige Jury bewertete diese Ideen im Schnitt auch noch als praktikabler und besser. "Gruppen sind häufig nicht in der Lage, die wirklich guten Ideen zu erkennen", sagt Stroebe.

Hemmungen als Hemmschuh?

Diesem ersten Schuss folgten weitere Salven. So wertete der britische Sozialpsychologe Brian Mullen zusammen mit Kollegen 1991 für eine Metaanalyse 20 Studien zum Brainstorming aus. Dabei ergab sich ein eindeutiges Bild: Nominale Gruppen - das sind Gruppen, in denen die Teilnehmer jeweils für sich arbeiten müssen - produzierten durchwegs mehr Ideen und vor allem mehr gute Einfälle als Gruppen, die nach den Prinzipien von Alex Osborn vorgingen. Außerdem zeigte sich, dass dieser Qualitäts- und Quantitätsverlust mit der Zahl der Mitglieder einer Gruppe zunimmt. Seitdem ist die Fülle der relevanten Studien über das Brainstorming weiter gewachsen - und das Ergebnis ist das gleiche geblieben. Brainstorming bringt nichts. Punkt.

Nur: warum? Anfangs vermuteten viele Wissenschaftler, dass Trittbrettfahrer in den Gruppen - Teilnehmer, die selbst nichts beitragen - der destruktive Faktor sein könnten. Im Verdacht stand auch, dass manche Gruppenmitglieder gehemmt seien, weil sich andere Diskutanten zu sehr in den Vordergrund drängten. Doch zum Erstaunen vieler Psychologen entpuppten sich diese Faktoren als wenig relevant. Der entscheidende Grund für die vergleichsweise schlechten Ergebnisse der Brainstorming-Gruppen klingt banaler: Die Gruppenmitglieder blockieren sich gegenseitig. "Diese Blockierung ist eine Folge der Konvention, dass in Gruppen zu jedem Zeitpunkt jeweils nur ein Mitglied das Wort ergreifen kann", schreiben Stroebe und Nijstad in einem Beitrag für das Fachblatt Psychologische Rundschau.