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Waldsterben:"Generationen von Förstern haben Fehler gemacht"

Mitten im Wald leuchten die noch halbwegs gesunden Bäume sattgrün in der Sonne. Alle paar Meter aber sieht man kahle Äste, eine junge Buche ist komplett vertrocknet. Während sein Hund im Boden wühlt, zeigt Förster Bartsch auf das Gestrüpp am Wegesrand: "Die Doldenblüter hier habe ich früher rausgeholt, damit man besser gehen kann", sagt er. "Heute lasse ich die stehen, für die Schlupfwespen." Denn die wiederum sind Feinde der Borkenkäfer, und der Feind von meinem Feind - genau. Forstwirtschaft ist ein ständiges Lernen und Ausprobieren, wobei die Folgen des eigenen Handelns im Zweifel erst die übernächste Generation ausbaden muss. "Generationen von Förstern haben Fehler gemacht, ich auch", sagt Bartsch. Seine Vorgänger haben einst Birken herausgehackt, um Fichten zu pflanzen, das weiß man längst besser. Inzwischen haben die meisten Förster umgedacht und arbeiten an mehr Vielfalt im Wald.

Thema der Woche, Waldsterben

Illustration: Stefan Dimitrov

Nur, das schönste Umdenken hilft nicht mehr weiter, wenn der Klimawandel so schnell voranschreitet wie in den vergangenen Jahren. Zwar sind manche Regionen kaum betroffen, in Oberbayern etwa gibt es kaum Dürreprobleme, auch in Teilen Norddeutschlands hält sich der Wald wacker. Aber anderswo sind die Schäden extrem, selbst in sehr naturnahen, stabilen Wäldern wie dem Nationalpark Hainich in Thüringen.

Wie soll es jetzt weitergehen? Baumarten aus anderen Ländern pflanzen, die besser mit Hitze zurechtkommen, meinen manche Experten. Gerade für die Städte, wo viele heimische Bäume ebenfalls alarmierend schwächeln, untersuchen mehrere Forschungsanstalten derzeit, welche Exoten und Züchtungen sich besser eignen könnten: Purpur-Erlen, Blumen-Eschen oder Honigbäume haben sich zum Beispiel in einem Forschungsprojekt der Bayerischen Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau bewährt.

Doch ein Wald lässt sich schlecht verpflanzen, jeder Boden, jedes Klima ist anders. Wer weiß schon, wie sich solche Einwanderer auf das ökologische Gleichgewicht und die Arten im Wald auswirken? Aber wenn den bisher heimischen Bäumen ihre Heimat wegen der Erwärmung nun immer schneller immer fremder wird?

Hier landen die kranken und abgestorbenen Bäume: Förster Christian Bartsch vor einem zusätzlichen Lagerplatz.

(Foto: Marlene Weiß)

Wolfgang Beck, Waldökologie-Experte beim Thünen-Institut in Eberswalde, hält die Situation für problematisch, selbst wenn die regionalen Unterschiede groß sind. "An einigen Orten sterben Bäume fast flächig", sagt er. "Das kennen wir, zumindest bei der Buche, nicht aus der Vergangenheit." Er hält es aber für falsch, heimische Bäume wie die Buche jetzt gleich abzuschreiben, damit unterschätze man die Anpassungsfähigkeit der Natur. "Man sollte nicht pauschal von 'der Buche' reden", sagt er. "Im Süden und Osten Europas kommen Buchenwälder vor, die an jährliche Niederschlagsmengen zwischen 450 und 500 Millimeter angepasst sind." Das ist noch deutlich weniger als in Brandenburg üblicherweise fällt; im Vergleich zum regenverhätschelten Bayern oder dem Schwarzwald ist es das reinste Wüstenklima.

Und trotzdem geht es den Buchen gut, weil sie sich über viele Generationen genetisch angepasst haben. Am Thünen-Institut werden zur Zeit Bohrkerne von Buchen aus der Ukraine analysiert, die ebenfalls gut mit Trockenheit zurechtkommen, daran ist auch Beck beteiligt. Möglicherweise könnte man solche Buchen auch in Deutschland pflanzen.

In Unterfranken marschiert Hans Stark durch ein anderes Waldstück, er ist seit vielen Jahren Leiter des Forstamts der Universität Würzburg in Sailershausen. Auch dieser Wald gibt ein trauriges Bild ab, überall klaffen Löcher im Blätterdach, kahle Äste ragen ins Leere. Das macht es den verbleibenden Bäumen umso schwerer, weil der Schatten fehlt. Wird es zu heiß, verdunsten sie zu viel über die Blätter und können mit ihren nur mitteltiefen Wurzeln nicht genug Wasser aus dem trockenen Boden ziehen. Aber Stark lässt sich so schnell nicht aus der Ruhe bringen - allerdings ist die Uni Würzburg auch nicht auf Erträge aus ihrem Wald angewiesen, das macht die Sache einfacher für ihn. "Wir lassen schon viel als Totholz stehen", sagt Stark, "jetzt kommt halt noch mehr dazu. Käfer, andere Insekten und Pilze freuen sich." Manche absterbenden Bäume sind markiert, sie werden über Naturschutzprogramme gefördert und bleiben stehen, damit seltene Käfer sie nutzen können.

In einem abgezäunten Bereich wachsen Elsbeeren, ein Test, wie gut diese recht hitzeresistenten Bäume hier zurechtkommen, wenn sie nicht vom Wild abgefressen werden. "Der Wald wird ja nicht großflächig absterben", sagt Stark. "Man ist immer wieder überrascht, wie schnell die Natur sich selber hilft." Er unterstütze das nur, indem er ein paar andere Baumarten reinbringe. Nicht nur Elsbeeren, sondern auch Eichen, die zwar viel Licht brauchen und auch unter Krankheiten und Schädlingen leiden, aber dafür recht gut mit Trockenheit zurechtkommen. Oder heimische Weißtannen, für die derzeit auch die Arbeitsgemeinschaft naturnahe Waldwirtschaft wirbt. Alles unverbindliche Angebote an die Natur. Was sie gebrauchen kann, sucht sie sich dann schon selbst aus. Das Ergebnis werden erst die Nachfolger der heutigen Förster begutachten können. Der Wald der Zukunft wird ein anderer sein.

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