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Waldsterben:Was die kahlen Kronen lehren

Waldschäden in Deutschland

Zerstörter Fichtenwald im Sommer 2019

(Foto: dpa)
  • Der Bund Deutscher Forstleute hat den Klimanotstand ausgerufen, weit mehr als 100 Millionen Altbäume seien abgestorben.
  • Mehr als 100 000 Hektar Wald sollen durch Stürme, Dürre und Schädlinge zerstört, worden sein.
  • Experten suchen nach Baumarten, die dem Klimawandel trotzen können.

Das Holzlager am Waldrand bei Eltmann quillt über. Die Hackschnitzelreste von kranken Bäumen, die keiner brauchen kann, weil man im Hochsommer nicht heizen muss, stapeln sich weit über das Schutzdach hinaus. Am anderen Straßenrand stehen vier Buchen und sehen aus, als seien sie vor Kummer über diesen Anblick verendet. "Die müssen raus, schon wegen der Wegsicherung", sagt Christian Bartsch. Eine Erschütterung, dann können die dürren Äste herunterfallen. Viel zu gefährlich. Bartsch ist seit 15 Jahren Förster hier in Unterfranken, auch wenn er wirkt, als wäre er vor dieser Zeit erst eingeschult worden. Was immer ihn jung gehalten hat, die Waldidylle kann es nicht gewesen sein. "Forsthaus Falkenau ist vorbei", sagt Bartsch. "Wir sind nur noch Katastrophenmanager."

Katastrophe - ohne dieses Wort kommt derzeit kaum jemand aus, der mit dem Wald zu tun hat. Und wenn man mit Bartsch durch den Buchenmischwald in Nordbayern geht, kann man das verstehen. Schon von Weitem sieht man in jedem Hang braune Flecken. Die von zwei trockenen Jahren geschwächten Fichten sind leichte Opfer für Heerscharen von Borkenkäfern. Aber das ist noch das kleinste Problem. Schließlich sind Fichten in den Tieflagen gar nicht heimisch, schon gar nicht in Monokultur. Sie wurden nur jahrhundertelang als schnell wachsender Wirtschaftsbaum gepflanzt. Seit Jahrzehnten sind Förster dabei, den Wald umzubauen, hin zu mehr Baumarten.

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Aber in diesem annus horribilis sterben nicht nur die Fichten hektarweise, sondern auch die Kiefern. Erstmals sind sogar großflächig die Buchen betroffen, eine jener heimischen Baumarten also, die den deutschen Wald fit für die Zukunft machen sollten. Und unter den Buchen sind es nicht nur die jungen, sondern auch die großen, alten Bäume, deren Kronen so wichtig für das Schattendach im Wald sind. Der Bund Deutscher Forstleute hat bereits den Klimanotstand ausgerufen, weit mehr als 100 Millionen Altbäume seien abgestorben. Mehr als 100 000 Hektar Wald sind durch Stürme, Dürre und Schädlinge zerstört, etwa die Fläche von Rügen.

Das ist nicht nur ein ökologisches, sondern auch ein wirtschaftliches und ein logistisches Problem. Nur rund ein Drittel des Waldes in Deutschland gehört Bund oder Ländern. Fast die Hälfte ist Privatbesitz, ein weiteres Fünftel gehört Kommunen, Universitäten und anderen Körperschaften. Viele dieser Eigentümer sind auf Einnahmen angewiesen oder können zumindest nicht dauerhaft draufzahlen.

Darauf aber läuft es hinaus, wenn man allein wegen der Pflicht, die Zugänge sicher zu halten, unzählige trockene Bäume aufwendig fällen muss. Der Wald ist auch ein wichtiges Erholungsgebiet, öffentliche Wege müssen betretbar bleiben, ohne dass Besucher von herabfallenden Ästen erschlagen werden. Hinzu kommen all jene Bäume, die von Schädlingen oder Pilzen befallen sind, weil sie sich im Trockenheits- oder Hitzestress nicht mehr wehren können. Binnen sechs Wochen muss eine Borkenkäfer-Fichte eigentlich den Wald verlassen haben, sonst schwärmt die nächste Generation aus. Aber in vielen Regionen kommen die Unternehmen nicht mehr hinterher, die das Holz transportieren und verarbeiten. Die Lager sind voll, die Sägewerke auch; und ohnehin ist der Holzpreis im Keller, weil aus ganz Europa riesige Mengen Schadholz kommen, das niemand haben will. Und dann muss man noch nachpflanzen, auch das kostet Geld.

Darum rufen jetzt alle nach Unterstützung, schließlich ist der Wald ökologisch wichtig und bindet viel vom Treibhausgas CO₂. Naturschützer, aber auch die fünf Landesforstminister der Union, fordern nun einen Masterplan und Hilfen von mehr als einer Milliarde Euro für den Waldumbau. Bundesagrarministerin Julia Klöckner (CDU) will im September einen nationalen Waldgipfel einberufen.

"Generationen von Förstern haben Fehler gemacht"

Mitten im Wald leuchten die noch halbwegs gesunden Bäume sattgrün in der Sonne. Alle paar Meter aber sieht man kahle Äste, eine junge Buche ist komplett vertrocknet. Während sein Hund im Boden wühlt, zeigt Förster Bartsch auf das Gestrüpp am Wegesrand: "Die Doldenblüter hier habe ich früher rausgeholt, damit man besser gehen kann", sagt er. "Heute lasse ich die stehen, für die Schlupfwespen." Denn die wiederum sind Feinde der Borkenkäfer, und der Feind von meinem Feind - genau. Forstwirtschaft ist ein ständiges Lernen und Ausprobieren, wobei die Folgen des eigenen Handelns im Zweifel erst die übernächste Generation ausbaden muss. "Generationen von Förstern haben Fehler gemacht, ich auch", sagt Bartsch. Seine Vorgänger haben einst Birken herausgehackt, um Fichten zu pflanzen, das weiß man längst besser. Inzwischen haben die meisten Förster umgedacht und arbeiten an mehr Vielfalt im Wald.

Thema der Woche, Waldsterben

Illustration: Stefan Dimitrov

Nur, das schönste Umdenken hilft nicht mehr weiter, wenn der Klimawandel so schnell voranschreitet wie in den vergangenen Jahren. Zwar sind manche Regionen kaum betroffen, in Oberbayern etwa gibt es kaum Dürreprobleme, auch in Teilen Norddeutschlands hält sich der Wald wacker. Aber anderswo sind die Schäden extrem, selbst in sehr naturnahen, stabilen Wäldern wie dem Nationalpark Hainich in Thüringen.

Wie soll es jetzt weitergehen? Baumarten aus anderen Ländern pflanzen, die besser mit Hitze zurechtkommen, meinen manche Experten. Gerade für die Städte, wo viele heimische Bäume ebenfalls alarmierend schwächeln, untersuchen mehrere Forschungsanstalten derzeit, welche Exoten und Züchtungen sich besser eignen könnten: Purpur-Erlen, Blumen-Eschen oder Honigbäume haben sich zum Beispiel in einem Forschungsprojekt der Bayerischen Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau bewährt.

Doch ein Wald lässt sich schlecht verpflanzen, jeder Boden, jedes Klima ist anders. Wer weiß schon, wie sich solche Einwanderer auf das ökologische Gleichgewicht und die Arten im Wald auswirken? Aber wenn den bisher heimischen Bäumen ihre Heimat wegen der Erwärmung nun immer schneller immer fremder wird?

Hier landen die kranken und abgestorbenen Bäume: Förster Christian Bartsch vor einem zusätzlichen Lagerplatz.

(Foto: Marlene Weiß)

Wolfgang Beck, Waldökologie-Experte beim Thünen-Institut in Eberswalde, hält die Situation für problematisch, selbst wenn die regionalen Unterschiede groß sind. "An einigen Orten sterben Bäume fast flächig", sagt er. "Das kennen wir, zumindest bei der Buche, nicht aus der Vergangenheit." Er hält es aber für falsch, heimische Bäume wie die Buche jetzt gleich abzuschreiben, damit unterschätze man die Anpassungsfähigkeit der Natur. "Man sollte nicht pauschal von 'der Buche' reden", sagt er. "Im Süden und Osten Europas kommen Buchenwälder vor, die an jährliche Niederschlagsmengen zwischen 450 und 500 Millimeter angepasst sind." Das ist noch deutlich weniger als in Brandenburg üblicherweise fällt; im Vergleich zum regenverhätschelten Bayern oder dem Schwarzwald ist es das reinste Wüstenklima.

Und trotzdem geht es den Buchen gut, weil sie sich über viele Generationen genetisch angepasst haben. Am Thünen-Institut werden zur Zeit Bohrkerne von Buchen aus der Ukraine analysiert, die ebenfalls gut mit Trockenheit zurechtkommen, daran ist auch Beck beteiligt. Möglicherweise könnte man solche Buchen auch in Deutschland pflanzen.

In Unterfranken marschiert Hans Stark durch ein anderes Waldstück, er ist seit vielen Jahren Leiter des Forstamts der Universität Würzburg in Sailershausen. Auch dieser Wald gibt ein trauriges Bild ab, überall klaffen Löcher im Blätterdach, kahle Äste ragen ins Leere. Das macht es den verbleibenden Bäumen umso schwerer, weil der Schatten fehlt. Wird es zu heiß, verdunsten sie zu viel über die Blätter und können mit ihren nur mitteltiefen Wurzeln nicht genug Wasser aus dem trockenen Boden ziehen. Aber Stark lässt sich so schnell nicht aus der Ruhe bringen - allerdings ist die Uni Würzburg auch nicht auf Erträge aus ihrem Wald angewiesen, das macht die Sache einfacher für ihn. "Wir lassen schon viel als Totholz stehen", sagt Stark, "jetzt kommt halt noch mehr dazu. Käfer, andere Insekten und Pilze freuen sich." Manche absterbenden Bäume sind markiert, sie werden über Naturschutzprogramme gefördert und bleiben stehen, damit seltene Käfer sie nutzen können.

In einem abgezäunten Bereich wachsen Elsbeeren, ein Test, wie gut diese recht hitzeresistenten Bäume hier zurechtkommen, wenn sie nicht vom Wild abgefressen werden. "Der Wald wird ja nicht großflächig absterben", sagt Stark. "Man ist immer wieder überrascht, wie schnell die Natur sich selber hilft." Er unterstütze das nur, indem er ein paar andere Baumarten reinbringe. Nicht nur Elsbeeren, sondern auch Eichen, die zwar viel Licht brauchen und auch unter Krankheiten und Schädlingen leiden, aber dafür recht gut mit Trockenheit zurechtkommen. Oder heimische Weißtannen, für die derzeit auch die Arbeitsgemeinschaft naturnahe Waldwirtschaft wirbt. Alles unverbindliche Angebote an die Natur. Was sie gebrauchen kann, sucht sie sich dann schon selbst aus. Das Ergebnis werden erst die Nachfolger der heutigen Förster begutachten können. Der Wald der Zukunft wird ein anderer sein.

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