Vor dem Start zur ISS:21:57 Uhr heißt es: Zündung

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Nur ob er - wie Gagarin - auf dem Weg zur Startrampe an den Hinterreifen seines Busses pinkeln wird, ist offen. Das Ritual gilt heute nicht mehr als verpflichtend; die meisten Kosmonauten sind froh, wenn sie ihren druckdichten Raumanzug nicht noch einmal öffnen müssen. Außerdem trinken Raumfahrer vor dem Start nicht mehr allzu viel, so dass eine obligatorische Pinkelpause länger dauern könnte.

Und Zeit zum Vertrödeln haben Gerst, Surajew und Wiseman nicht. Der Ablauf vor dem Start ist streng getaktet. Sechs Stunden vor Zündung der Triebwerke wird das Trio in Richtung Startrampe fahren - vorbei an Kühen und Kamelen, über eine mit Bodenwellen gespickte Straße. Vier Stunden und 20 Minuten vor dem Start werden die Männer damit beginnen, sich in ihre weiß-blauen Sokol-Raumanzüge zu quetschen. Zweieinhalb Stunden vor dem Abheben klettern sie - nicht ohne den obligatorischen Klaps auf den Popo - die Treppen zu ihrem Raketenlift empor. 40 Minuten später wird die Luke geschlossen.

Es folgen langwierige Checks der Bordsysteme. Die Crew wird derweil von Musik bei Laune gehalten, die sie selbst auswählen durfte. Gerst hat sich unter anderem Reinhard Meys "Über den Wolken" und "Major Tom" von Peter Schilling gewünscht.

Um 21:57 Uhr deutscher Zeit heißt es dann: Zündung. Verläuft alles wie geplant, wird die mehr als 300 Tonnen schwere Rakete mit einer Leistung von 26 Millionen PS Gerst und Kollegen in weniger als neun Minuten in eine Umlaufbahn um die Erde katapultieren. Sechs Stunden später soll die Sojus bereits die ISS erreichen.

Für Gerst ist es der Anfang einer langen Reise - und gleichzeitig das Ende eines anderen, noch längeren Abenteuers: Im September 2009 setzte er sich gegen 8407 andere Bewerber durch und ergatterte einen der begehrten Plätze im Europäischen Astronautenkorps. Seitdem hat er trainiert, zunächst 18 Monate lang während der Grundausbildung, dann ab September 2011 für die anstehende Mission.

Auf 3000 Stunden Training allein im europäischen Astronautenzentrum in Köln ist Gerst dabei gekommen, wie er in seinem Blog vorrechnet. Noch einmal die gleiche Summe kam in den Trainingsstationen der anderen ISS-Partner zusammen - in Japan, Kanada, den USA und in Russland.

"BlueDot" hat der 38-Jährige seine Mission getauft - angelehnt an ein legendäres Foto der Raumsonde Voyager 1: Aufgenommen aus 6,4 Milliarden Kilometern Entfernung, zeigt es unseren Planeten als dunklen, bläulich schimmernden Punkt. "Die bemannte Raumfahrt ermöglicht uns, die Erde aus einer anderen Perspektive zu sehen", sagt Gerst. "Sie zeigt uns eine felsige Kugel mit einer erschreckend dünnen Atmosphäre, die einmal im Jahr um die Sonne kreist. Dieser kleine blaue Punkt ist unser Raumschiff, und wir können uns aussuchen, ob wir nur als Passagier mitfliegen oder als Teil der Mannschaft."

Die Recherchereise nach Baikonur wurde ermöglicht durch eine Einladung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt sowie der Europäischen Raumfahrtagentur ESA, die sich an den Reisekosten beteiligt haben.

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