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Vor dem Start zur ISS:Mit Pathos gegen die Krise der Raumfahrt

Russian Soyuz TMA-13M preparation for launch

Siegerposen und Umarmungen wenige Stunden vor dem Start: Die Raumfahrer Alexander Gerst, Maxim Surajew und Reid Wiseman (von links) wollen am Abend zur ISS fliegen.

(Foto: dpa)

Start aus internationalen Verwerfungen heraus: Während der Deutsche Alexander Gerst sich auf seinen Flug zur ISS vorbereitet, schwelt die Krise um die ungewisse Zukunft der Raumfahrt. Die Weltraumfahrer reagieren mit demonstrativen Freundschaftsbeweisen - und seltsamen Ritualen.

Von Alexander Stirn, Baikonur

Seite an Seite wehen die russische und die amerikanische Fahne über der Startrampe Nummer eins in Baikonur - als könnte die beiden Staaten nichts trennen. Dicht an dicht kleben beide Flaggen auf der mächtigen Sojus-Rakete, mit der am Mittwochabend der deutsche Astronaut Alexander Gerst zur Internationalen Raumstation ISS aufbrechen soll. Entspannt und gut gelaunt geben sich Gersts Kollegen, der russische Kommandant Maxim Surajew und der amerikanische Weltraumneuling Reid Wiseman, am Tag vor dem Start.

Verstimmungen zwischen Russland und den USA? Gar eine Krise in der bemannten Raumfahrt? Im Kosmodrom von Baikonur, tief in der kasachischen Steppe, ist davon nichts zu spüren. Hier gehen die Dinge ihren gewohnten Gang - wie seit mehr als 50 Jahren.

"Es sagt einiges, wenn Menschen aus drei Kontinenten in eine Rakete steigen und als Freunde zusammen ins Weltall fliegen - und nicht als Nationalitäten", sagt Gerst bei der traditionellen Crew-Pressekonferenz unter dem Jubel seiner Freunde und Kollegen. "Wir werden dort Experimente durchführen, die nicht vor Grenzen haltmachen und von denen alle Menschen auf der Erde profitieren können. Mehr braucht man dazu nicht zu sagen."

Einen Tag vor dem Start, der heute Abend für 21:57 Uhr deutscher Zeit geplant ist, werden bei der Pressekonferenz lieber Orden verteilt und Sieger eines Kindermalwettbewerbs ausgezeichnet als kritische Fragen beantwortet. "Schaut her, die halbe Welt ist in unserer Crew vertreten", sagt Kommandant Surajew mit viel Pathos in der Stimme. "Ist das nicht herrlich? Ist das nicht wunderbar?" Und US-Astronaut Wiseman findet auf die Frage nach den russisch-amerikanischen Beziehungen eine noch einfachere Antwort: Er steht auf und umarmt seine beiden Kollegen.

Dabei gäbe es allen Grund zur Sorge: Wenige Tage vor Gersts Start hat die russische Raumfahrtagentur Roskosmos verkündet, dass sie ein eigenes, nationales Programm für die bemannte Raumfahrt aufstellen will. Es soll im Jahr 2020 beginnen. Dann wird sich Russland, geht es nach dem Willen des stellvertretenden Premierministers Dmitrij Rogosin, aus dem ISS-Programm verabschieden. Künftige Partner im neuen Programm könnten Europa und China sein. Von den USA ist keine Rede. Die Europäer haben ihrerseits Probleme, genügend Geld für ihren Anteil an der ISS bis zum Jahr 2020 zusammenzubekommen.

"Das Dümmste, was passieren könnte"

Im Weltraumbahnhof Baikonur wird so etwas lieber ausgeblendet - zumindest von offizieller Seite. Allenfalls Veteranen äußern sich deutlicher und mit hörbarem Missmut zu den aktuellen Entwicklungen. "Wir haben hier drei Männer aus drei verschiedenen Staaten mit einem einzigen Ziel - sie wollen gemeinsam in den Weltraum fliegen", sagt Sigmund Jähn, der 1978 von Baikonur aus für die DDR als erster Deutscher ins All geflogen ist, bei einem Abendessen mit Journalisten. "Das aufs Spiel zu setzen, wäre das Dümmste, was passieren könnte - allein schon aus Gründen der Völkerverständigung."

Die Tage vor dem Start in Baikonur sind von Routine geprägt. Alles soll möglichst so ablaufen wie im April 1961, als Juri Gagarin von der kasachischen Steppe als erster Mensch ins All startete. Da ist viel Aberglaube dabei, doch auch praktische Überlegungen spielen eine Rolle: Die Abläufe sind bewährt, das Team ist eingespielt, vor allem aber nehmen die ritualisierten Tagesabläufe kurz vor dem Start die Belastung von der Crew.

So hat Gerst im Laufe der vergangenen beiden Wochen, während er sich zusammen mit seinen Kollegen in Baikonur in Quarantäne befand, einen Baum in der Allee der Kosmonauten gepflanzt - genau wie damals Juri Gagarin. Er ist schon einmal probeweise in seine Kapsel geklettert, er war beim Friseur, er hat am gestrigen Abend den russischen Film "Die weiße Sonne der Wüste" gesehen. Er wird heute zu denselben Klängen das Kosmonautenhotel verlassen, zu denen bereits Gagarin aufgebrochen ist.

Russian Soyuz TMA-13M preparation for launch

Rituale gehören dazu: Auch ein orthodoxer Priester ist am Weltraumbahnhof Baikonur in Kasachstan vorbeigekommen, um vor der Sojus TMA-13M mit viel Weihwasser den Segen Gottes zu erbitten.

(Foto: dpa)
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