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Vor Klimagipfel in Cancún:Staaten wollen Urwald besser schützen

Die Unterhändler, die den Klimagipfel in Cancún vorbereiten, sind bescheiden geworden. Ein Abkommen über den Handel mit Zertifikaten gilt schon als Erfolg.

Guido Westerwelle konnte sich nicht so recht entscheiden, ob er Mahner oder Mutmacher sein wollte in New York. Als er am Samstag über den Klimawandel sprach, warnte der deutsche Außenminister: "Die Erderwärmung kann mehr Schaden anrichten als Panzer und Kanonen." Bei einem Vorbereitungstreffen für den Klimagipfel der Vereinten Nationen, der im November in Cancún stattfindet, wollte er aber auch die Stimmung heben.

Waldrodungen im Jamanxim-Nationalwald in Brasilien. Vor dem Klimagipfel in Cancún ist ein Abkommen zum Schutz der Urwälder in greifbare Nähe gerückt.

(Foto: AFP)

"Ein internationales und rechtlich bindendes Klimaabkommen ist die einzige Lösung", fuhr Westerwelle fort. "Lassen Sie uns mit Optimismus nach Cancún blicken. Wenn die Länder der Vereinten Nationen zusammenarbeiten, können wir sicherstellen, dass in Cancún ein Klimaschutzvertrag entsteht", gab sich der Außenminister zuversichtlich.

Allerdings ist die Aussicht auf einen Durchbruch zu einem umfassenden Abkommen verschwindend gering. "Das Klimagesetz in den USA ist tot, und solange sich Amerika nicht bewegt, werden auch die Chinesen keinen Finger rühren", sagt ein deutscher Diplomat.

Dennoch könnten in Cancún Teilerfolge erzielt werden. Denn anders als Westerwelle haben die Unterhändler längst aufgehört, alles auf einen großen Wurf zu setzen. Nach den Fehlschlägen bei den vergangenen Gipfeltreffen wollen sie Kompromisse zu Einzelaspekten des Klimaschutzes aushandeln. Und die neue Bescheidenheit trägt bereits erste Früchte. So ist etwa ein Abkommen zum Schutz der Urwälder in greifbare Nähe gerückt.

Bäume sind die Kohlenstoff-Speicher der Erde. Sie enthalten doppelt so viel CO2 wie die gesamte Atmosphäre. Werden die Wälder abgeholzt, können noch so viele Windräder und Solarkraftwerke aufgebaut werden, die Erderwärmung würde weiter voranschreiten. Außerdem würden 80 Prozent aller Tier- und Pflanzenarten ihren Lebensraum verlieren.

Obwohl einzelne Staaten wie Brasilien Fortschritte machen, geht der Kahlschlag in vielen Regionen weiter. Jedes Jahr verschwinden Waldgebiete so groß wie die Fläche Griechenlands. Bis zu 20 Prozent der globalen Treibhaus-Emissionen werden durch Rodung verursacht, das ist mehr, als alle Schiffe, Flugzeuge und Autos der Welt ausstoßen. Würde die Staatengemeinschaft also die Wälder schützen, wäre dies eine besonders effiziente Form der Klimapolitik.

Doch Rodung ist bisher ein gutes Geschäft. Tropenhölzer sind äußerst wertvoll. Zudem können gerodete Flächen in Ackerflächen umgewandelt werden. Das ist lukrativ in einer Zeit, in der die Preise für Agrarrohstoffe rapide steigen. Zusätzlich erschwert wird der Waldschutz durch das Glaubwürdigkeitsproblem der Industriestaaten. Die eigenen Wälder haben sie weitgehend abgeholzt. Wie sollen sie da Entwicklungsländer überreden, den verbliebenen Dschungel unberührt zu lassen?

Die Antwort lautet: mit viel Geld. Das Abkommen, in Fachkreisen als "Reducing Emissions from Deforestation and Degradation" (REDD) bekannt, ist so etwas wie ein globaler Finanzausgleich. Geschützte Wälder sollen künftig Klimazertifikate bekommen, entsprechend der Menge an CO2, die sie speichern. Entwicklungsländer könnten diese Zertifikate dann auf dem Weltmarkt verkaufen, etwa an Unternehmen, die ihre Klimabilanz verbessern müssen.

Allerdings hat bisher nur Europa einen funktionierenden Markt für CO2-Papiere geschaffen, und die Europäer wollen nicht, dass er von REDD-Papieren überflutet wird. Das nämlich würde einen Preissturz an der CO2-Börse auslösen und die Anreize für die heimische Industrie, in klimafreundliche Technologien zu investieren, zunichte machen.

Als Ausweg böte sich ein Fonds an. Er würde die Klimazertifikate aufkaufen, der europäische CO2-Markt bliebe unberührt. Der Kompromiss hat allerdings Schwächen. Der Preis der Klimapapiere müsste politisch festgesetzt werden, und noch weiß niemand, wie hoch dieser Preis sein soll.

Zudem müsste Nachfrage künstlich erzeugt werden. Doch immerhin ist ein Anfang gemacht. Unter der Führung Norwegens haben Industriestaaten insgesamt 4,5 Milliarden Dollar für REDD zugesagt. Auch Deutschland beteiligt sich mit 350 Millionen Euro. Außerdem hoffen die Unterhändler, dass Spenden von Milliardären wie George Soros und Bill Gates den Fonds füllen.

Das Ziel ist es, die Abholzungsrate binnen zehn Jahren zu halbieren. Ein paar Pilot-Projekte gibt es bereits, etwa in Indonesien. Fast alle werden von den UN oder Umweltorganisationen betrieben. Selbst der WWF spricht sich aber dafür aus, auch Privatinvestoren am Schutz der Wälder zu beteiligen.

Erweist sich der Verkauf von Klimazertifikaten als gutes Geschäft, werden Banken und Hedgefonds mit ihren riesigen Anlagesummen in den Waldschutz investieren und so den Erhalt der Natur für Entwicklungsländer lukrativ machen, glauben die Befürworter des Projekts. Eine grüne Finanzindustrie könnte entstehen.

Es bleibt allerdings das Problem der mangelnden Kontrolle. Der Dschungel ist oftmals ein staatsfreier Raum, enorme Waldflächen werden illegal gerodet. Daher wird auch das REDD-Abkommen die Abholzung zunächst allenfalls verlangsamen. Doch wenn sich zeigt, dass unberührte Wälder ökonomisch wertvoll sind, dürften mehr und mehr Holzfäller ihre Äxte ruhen lassen.