Verzerrung bei Tierversuchen:Männer machen Mäuse nervös

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Wie Mäuseriche Weibchen locken

Labormäuse in der University of Rochester.

(Foto: dpa)

Männliche Forscher und Mäuse als Versuchsobjekt sind eine gängige Kombination - aber offensichtlich keine günstige. Denn das Geschlecht ist ein bislang übersehener Störfaktor in Tierexperimenten.

Von Berit Uhlmann

Es gehört zu den täglichen Enttäuschungen in der Forschung: Was im Tierexperiment vielversprechend aussah, bleibt beim Menschen ohne jeden Effekt. Und selbst wenn der Versuch detailgetreu in einem anderen Labor detailgetreu nachgestellt wird - ebenfalls mit Mäusen und Ratten - kann das Ergebnis ganz anders ausfallen.

Forscher ahnen schon länger, dass dies auch an der Beziehung zwischen ihnen und ihren Nagern liegen könnte. "Wissenschaftler munkeln auf Konferenzen, dass ihre Labortiere sich ihrer Gegenwart bewusst zu sein scheinen, und dass dies die Ergebnisse ihrer Experimente beeinflussen könnte", berichtet der Psychologe Jeffrey Mogil von der McGill University in Montreal im Fachmagazin Nature Methods (online). Gemeinsam mit Kollegen hat er nun einen bisher unbekannten Störfaktor in Tierstudien aufgezeigt: Das Geschlecht der Forscher beeinflusst Nagetiere und damit auch Studienergebnisse.

Während Frauen im Labor Mäuse und Ratten kalt lassen, setzt die Gegenwart von Männern die Nager unter Stress. Das Auftauchen eines Mannes fühlt sich für die Tiere so an, als seien sie 15 Minuten lang in ein Rohr gesperrt oder müssten sich für drei Minuten über Wasser halten. Das auf Hochtouren laufende Alarmsystem lässt die Tiere weniger Schmerz fühlen, wie die Wissenschaftler ebenfalls zeigten. Schmerzstudien, aber auch etliche andere Experimente, bei denen Stress eine Rolle spielt, könnten somit verzerrt werden.

Als Auslöser der Stressreaktion identifizierten die Wissenschaftler den männlichen Geruch. Denn die Tiere zeigten schon Angst, wenn sie nur an einem getragenen T-Shirt rochen. Bestimmte Pheromone, die an den Körpern von Männern, aber auch anderen männlichen Säugetieren besonders häufig vorkommen, verschreckten sie.

Dennoch müssen Männer jetzt nicht aus den Labors verbannt werden. Die Stressreaktion schwächt sich mit der Zeit ab. Es genüge daher, wenn die Männer vor den Experimenten ein wenig Zeit mit den Nagern verbringen, schlugen die Forscher vor.

Ist damit ein Ausweg aus dem Dilemma der schwierigen Reproduzierbarkeit von Tierexperimenten gefunden? Hanno Würbel, der sich an der Universität Bern mit der Aussagekraft von Tierstudien beschäftigt, hält das Ergebnis der kanadischen Studie für plausibel, bezweifelt aber, dass ihm in der Praxis sehr große Bedeutung zukommt. Der Einfluss des Geschlechts ist letztlich kontrollierbar - und nur einer unter vielen. Bei hochstandardisierten Experimenten, bei denen alle bekannten Störgrößen ausgeschlossen werden, gewinnen die schwerer zu kontrollierenden Faktoren einen immer größeren Einfluss. Dazu gehören der Grad der Feinfühligkeit, mit der Laboranten die Tiere behandeln - oder etwas, das der Veterinär als den "Chanel-Nummer-5-Effekt" bezeichnet: Auch der individuelle Geruch der Menschen beeinflusst das Verhalten von Tieren.

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