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Tiere in der Stadt:"Fiese Katzen"

Dass allerorten die innerstädtischen Populationen der Dohlen abnehmen, verkraftet leichter, wer weiß, dass sie sich dort überhaupt erst im 19. Jahrhundert ausgebreitet haben; ihre Anwesenheit entspricht einer ganz bestimmten urbanen Entwicklungsphase. Der Hausrotschwanz nimmt ab, wo es allzu "natürlich" zugeht und die Begrünung wächst; er braucht nämlich Felsgelände, und da kommen ihm die geschmähten Betonwüsten gerade recht. Wird gebaut, halten die Schwalben Einzug, denn sie holen sich den Dreck der Baustellen für ihre Nester; sind die Gebäude fertig, verschwinden sie wieder, und an ihre Stellen treten die Mausersegler, die hohe Mauern benötigen. Man kann, dies ist eine Lehre von Kegels Buch, nicht alles auf einmal haben.

Auch Statistiken hilft er zu deuten. Die hohen Zahlen von Spezies, mit denen sich viele Städte rühmen, beruhen auf einem Trick; durch die Gebietsreformen haben sich überall die kommunalen Territorien weit ins Umland ausgedehnt, so dass nicht die Tiere zur Stadt, sondern die Stadt zu den Tieren kam. Wenn Berlin von sich behauptet, es biete der Großen Rohrdommel eine Heimstatt, so steckt dahinter ein einziges unverpaartes Exemplar, das sich einen Sommer lang in einem Schilfstück zweihundert Meter von der Grenze zu Brandenburg aufhielt.

Siedeln sich die Tiere, wie man oft hören kann, deswegen in der Stadt an, weil die industrielle Landwirtschaft ihnen draußen keinen Lebensraum mehr bietet? Das wäre, sagt der Autor, zumindest eine simplifizierende Darstellung. Die wirklich bedrohten Spezies, die Bodenbrüter und Moorbewohner, die Spezialisten aller Sorten haben auch in den Städten kaum Chancen, denn sie passieren deren "Filter" nicht: Sie können mit dem dortigen Nahrungsangebot nichts anfangen, es gibt nicht genügend Raum, zu viel Lärm, zu viel Menschen; sie können sich nicht umgewöhnen.

Am besten ergeht es solchen Arten, die sich auch auf dem Land nicht schlecht gestellt haben. Und wenn in den letzten Jahrzehnten zum Beispiel verstärkt die Füchse eingewandert sind, so liegt das nicht daran, dass sie in Wald und Feld bedrängt würden, sondern im Gegenteil, sie haben auch dort so sehr zugenommen, dass sich der Nachwuchs neue Reviere erschließen musste.

Ohne Angst und Gier

Kegel fasst das Umerziehungsprogramm für tierische Neubürger folgendermaßen zusammen: "Reg dich nicht so auf! Wenn du an den Honigtöpfen der Städte schlecken willst, musst du mit dem Stress leben. Und bleib cool, wenn du die großen Zweibeiner kommen siehst. Sie tun dir nichts. Nur auf ihre fiesen Katzen musst du aufpassen."

Ja, das ist sicher das Beste an dieser Entwicklung: dass sich in den Städten das alte Verhältnis der Menschen zu den Tieren verwandelt hat. Sie werden dort nicht mehr als Jagdbeute betrachtet, nicht als Nahrungskonkurrenten, nicht als Nutzvieh; die Tiere, die der Städter stattdessen benötigt, leben und sterben weit vor den Toren in anonymer Massenhaltung.

Den Wesen hingegen, die in seiner Nähe leben, tritt er nunmehr ohne Angst und Gier entgegen. Er tut ihnen wirklich nichts, sondern freut sich, wo er sie unvermutet erblickt, in interesselosem Wohlgefallen an ihnen; sie sind für ihn ein Geschenk, wirklich so etwas wie ein Stück Vorschein oder Nachglanz des verlorenen Paradieses. Es ist ein Buch für alle Stadtbewohner, die Lust haben, dafür die Augen aufzumachen.

Bernhard Kegel: Tiere in der Stadt. Eine Naturgeschichte. DuMont Buchverlag, Köln 2013. 477 Seiten, 22 Euro.

© SZ vom 28.03.2013/beu
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