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Smartphones und Ablenkung:Das sind die größten Gefahren im Autoverkehr

May 28 2013 St Petersburg Florida U S DIRK SHADD Times Drivers checking their phones while

Ablenkung durch das Smartphone kann im Straßenverkehr sehr leicht schlimme Folgen haben: Eine US-Studie liefert nun drastische Zahlen.

(Foto: imago/ZUMA Press)

Erstmals haben Forscher die Ablenkung im Straßenverkehr genau gemessen: Smartphones spielen bei deutlich mehr Unfällen eine Rolle als bisher gedacht.

Von Christoph Behrens

"Ich liebe dich", schrieb der junge Mann auf seinem Handy, dann überfuhr er drei Kinder. Das Auto des Mannes rammte die Pferdekutsche einer Amish-Familie, die vor ihm im US-Bundesstaat Indiana unterwegs war. Der Fall ist einer von mehreren "SMS-Unfällen", die Werner Herzog im Dokumentarfilm "From One Second to the next" verarbeitet - eine verstörende Warnung vor den Folgen der Smartphonenutzung beim Autofahren. Und dennoch bleiben die darin geschilderten Einzelfälle vor allem dies: Einzelfälle. Denn wie groß das Risiko durch Telefonieren und Simsen im Straßenverkehr tatsächlich ist, wie viele Unfälle abgelenkte Fahrer jedes Jahr verursachen, lag bislang im Dunkeln. Zu diffus, zu schwer zu messen, zu allgegenwärtig erschien das Phänomen. Die deutschen Behörden erfassen Ablenkung als Unfallursache überhaupt nicht.

Eine drei Jahre dauernde US-Studie liefert nun drastische Zahlen. Forscher der Universität Virginia analysierten das Fahrverhalten von 3500 Autofahrern - die Wissenschaftler werteten Fahrtenschreiber, Tonbänder und Videoaufnahmen von insgesamt 56 Millionen gefahrenen Kilometern aus. Die Fahrzeuge waren dazu aufwendig umgerüstet worden. Weil der Untersuchungszeitraum so lang war, konnten die Forscher die Ursachen einer großen Zahl von Unfällen ermitteln. Die wichtigsten Ergebnisse:

  • Während mehr als der Hälfte der Fahrtzeit (52%) waren die Autofahrer auf irgendeine Weise vom Straßenverkehr abgelenkt, in sechs Prozent der gefahrenen Zeit durch Smartphones.
  • Abgelenkte Fahrer verursachen demnach jeden dritten Unfall. In Deutschland wären das 800 000 Unfälle pro Jahr.
  • Die Bedienung des Handys erhöht das Unfallrisiko allgemein auf das 3,6-fache im Vergleich zum konzentrierten Zustand. Übertragen auf Deutschland bedeuten die Zahlen, dass wahrscheinlich rund 50 000 Unfälle im Jahr passieren, weil Fahrer mit Smartphones beschäftigt sind, statt auf die Straße zu achten.
  • SMS zu schreiben (sechsfaches Unfallrisiko) und Telefonnummern einzugeben (zwölffaches Unfallrisiko) ist laut den Daten besonders gefährlich.
  • Emotional aufgewühlte Fahrer hatten ein zehn Mal so hohes Risiko, einen Unfall zu verursachen.

Insgesamt zeichnet die Studie im US-Fachjournal PNAS ein klares Bild: Technische Defekte wie Bremsversagen oder ein platter Reifen sind in der Unfallstatistik fast bedeutungslos geworden. Diese Dinge sind laut den Daten für etwa jeden tausendsten Unfall verantwortlich. Menschliches Versagen wie Müdigkeit, eingeschränkte Fahrtüchtigkeit oder Ablenkung spielt dagegen schon bei neun von zehn Unfällen eine Rolle. Das Auto wird immer sicherer, der Mensch zur immer größeren Gefahr.

"Wir beobachten viele jüngere Fahrer, besonders Teenager, die anfälliger für ablenkende Aktivitäten beim Fahren sind", erklärt der Verkehrswissenschaftler Tom Dingus in einer Mitteilung der Universität Virginia. Werde diese Gefahr nicht bald gebannt, so sei die nächste Generation einem noch höheren Risiko für einen Crash ausgesetzt. Die Wissenschaftler schätzen, dass rund vier Millionen Unfälle in den USA jedes Jahr durch Ablenkung verursacht werden. Der Begriff der Ablenkung ist dabei recht weit gefasst und enthält auch Nebentätigkeiten wie das Essen am Steuer (1,8-fach erhöhtes Unfallrisiko) oder das Gespräch mit Passagieren (1,4-faches Risiko). Rechnet man diese weicheren Faktoren heraus, kommt man auf eine Fahrtzeit von rund zehn Prozent, in der Fahrer sich mit elektronischen Geräten beschäftigen.

Kein Smartphone mehr: "wie ein Drogenentzug"

Die gestiegene Nutzung elektronischer Geräte beim Fahren könnte zudem einen allgemeinen Trend erklären: Seit Mitte der 1990er geht die Zahl tödlicher Verkehrsunfälle in Industrieländern wie den USA und Deutschland kontinuierlich zurück; doch der Rückgang ist neuerdings gestoppt oder sogar umgekehrt. So starben in den USA in den ersten neun Monaten des Jahres 2015 neun Prozent mehr Menschen als im Vorjahreszeitraum. In Deutschland ist laut Prognosen des Statistischen Bundesamts die Zahl der Todesopfer das zweite Jahr in Folge gestiegen.

Fahrer halten Handynutzung für ein "Naturrecht"

Auf Einsicht können Verkehrsforscher bei den telefonierenden und simsenden Autofahrern vergebens hoffen. Der deutsche Verkehrsgerichtstag geht von rund 1,3 Milliarden Handyverstößen in Deutschland aus, davon wird weniger als jeder Dreitausendste geahndet. "Die Fahrer halten die Handynutzung nicht einmal für ein Bagatelldelikt. Sie halten es für ein Naturrecht", sagt Siegfried Brockmann, Leiter der Unfallforschung der Versicherer (UDV). Er beobachtet, dass vor allem die jüngere Generation kaum länger als eine halbe Stunde dem Smartphone widerstehen könne. "Es ist wie ein Drogenentzug. Sie schaffen es nicht."

Die Smartphonenutzung mithilfe von schärferen Strafen einzuschränken, hält der Fachmann daher für aussichtslos. Wer ertappt wird, zahlt bislang 60 Euro - und auch nur dann, wenn er das Gerät während der Fahrt in der Hand gehalten hat. Ein Tablet auf dem Schoß zu haben, ist dagegen nicht verboten, weil die Hände frei bleiben - eine Norm, die der Verkehrsrechtler Peter Schlanstein von der Fachhochschule für öffentliche Verwaltung in Münster für "völlig verfehlt" hält. Dennoch will das Bundesverkehrministerium bislang keine schärferen Strafen fordern. "Abgelenkte Autofahrer sind eines der großen Unfallrisiken im Straßenverkehr", kommentierte Verkehrsminister Alexander Dobrindt. Wer auf der Autobahn eine SMS tippe, sei "im Blindflug" unterwegs. Kontrollen und Verbote könnten das Problem aber nicht allein lösen, wichtig sei Aufklärungsarbeit. Der ADAC forderte angesichts der Ergebnisse aus den USA, die Ablenkung stärker in den Fahrschulen zu thematisieren.

Autokonzerne spielen die Arbeit der Forscher herunter

Dennoch könnte die Untersuchung der Amerikaner nun Fortschritte bringen. "Hier wurden erstmals sehr viele Probanden über lange Zeit beobachtet", sagt Brockmann. Ihr Bauchgefühl habe zwar vielen Forschern schon gesagt, dass Ablenkung ein großes Problem sei. "Jetzt können wir uns zunehmend auf feste Zahlen stützen." Die US-Untersuchung sei inhaltlich durchaus auf Deutschland übertragbar, sagt Brockmann - sowohl die Mentalität im Straßenverkehr als auch der Grad der Benutzung elektronischer Geräte sei vergleichbar.

Auch die Autoindustrie könnte durch die Zahlen unter Druck geraten. So ist laut der Untersuchung selbst die Bedienung des bordeigenen Navigationssystems nicht ungefährlich und vom Risiko her vergleichbar damit, ein Handy zu bedienen. Als kürzlich Forscher der Universität Utah die geistige Belastung durch solche Bordsysteme anprangerten, stritt etwa Volkswagen ein höheres Risiko durch die Bedienung in seinen Fahrzeuge pauschal ab. Die Ausführung von Nebentätigkeiten könne umgekehrt sogar zu einer Reduktion des Unfallrisikos führen, behauptete der Konzern gegenüber der SZ. Denn die Fahrer würden dann ihren Fahrstil entsprechend an die Ablenkung anpassen. Dieses Argument fegen die Wissenschaftler aus Virginia nun beiseite. Eine derartige "Schutzwirkung" können die Experten nur für äußerst wenige Tätigkeiten ausmachen, zum Beispiel wenn Eltern ihr Kind auf der Rückbank bei Laune halten. Nachwuchs an Bord lässt Mütter und Väter tatsächlich konservativer fahren und senkt dementsprechend auch das Unfallrisiko. Musik zu hören und dabei mitzusingen scheint laut der Untersuchung ebenfalls sicher zu sein.

50 Millionen US-Dollar hat allein die aktuelle Studie des Virginia Tech Transportation Institute den amerikanischen Steuerzahler gekostet - ein Zeichen dafür, welchen hohen Stellenwert die USA dem Problem Ablenkung im Straßenverkehr mittlerweile beimessen. Auch Werner Herzogs Film lief mittlerweile an zehntausenden High-Schools und vor den Belegschaften von hunderten US-Behörden. In Europa gibt es bislang keine vergleichbaren Anstrengungen.

© SZ.de/pai/dd
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