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Schweinegrippe:Statt Schutz ein Impf-Desaster

Bedenklicher Großversuch: Bund und Länder wollen 25 Millionen Menschen gegen die Schweinegrippe impfen. Doch nicht nur medizinische Gründe lassen am Sinn der Aktion zweifeln.

Werner Bartens

Jetzt, da der Wahlkampf lau ist, aber die Debatte um den Kampf gegen die Schweinegrippe hitzig, lohnt ein Blick in die Seuchengeschichte. Das Schicksal des US-Soldaten David Lewis 1976 ist ein Lehrbeispiel für überstürzte Impferei und Symbolpolitik. Im Januar 1976 starb Lewis an einer Infektion mit H1N1, einer Variante des Erregers der Schweinegrippe.

Die Regierung Ford befand sich ein Jahr nach dem Fall von Saigon in der Krise - und im Wahlkampf. Ford forcierte ein Impfprogramm gegen die neue Grippe, obwohl sogar die Pharmaindustrie vor einer zu schnellen Einführung warnte. Nach Beginn der Massenimpfung im Oktober 1976 litten einige der Geimpften an einer seltenen Lähmung. Die Nebenwirkungen und unklare Todesfälle führten zum abrupten Ende des Impfprogramms. Das Mittel war noch nicht ausreichend erprobt.

In Deutschland ist derzeit auch Wahlkampf - und noch kein Mensch an der Schweinegrippe gestorben. Hierzulande verläuft die Krankheit bisher meist milde und ohne Komplikationen. Im Kontrast dazu fordert die saisonale Grippe in Deutschland jedes Jahr Tausende Opfer.

Trotzdem sind Bund und Länder gewillt, in einem Kraftakt 25 Millionen Menschen gegen die Schweinegrippe zu impfen. Nach aktuellen Umfragen spielen die Menschen aber nicht mit: Nur 14 Prozent der Befragten wollen sich impfen lassen. Mehr als drei Viertel stehen dieser Impfung skeptisch gegenüber.

Skepsis ist angebracht

Diese Skepsis ist angebracht. Die WHO hat die Schweinegrippe Anfang Juni zur Pandemie erklärt, obwohl die Krankheit außerhalb Mexikos eher harmlos verlief, kaum ein Bedrohungsgefühl hervorrief und sich nicht so sprunghaft ausbreitete, wie vorhergesagt. In einigen Ländern entpuppten sich Regierungsberater, die vor dem globalen Seuchenzug warnten und mehr Medikamente forderten, als Lobbyisten der Pharmaindustrie.

Es gibt auch medizinische Gründe, um am Sinn der Impfung zu zweifeln. Ähnlich wie in den USA 1976 ist der Impfstoff neu, niemand weiß, wie er wirkt. Er enthält neben dem eigentlichen Impfstoff auch Wirkverstärker, mit denen kaum Erfahrungen bestehen. Dass die Beimischungen nicht harmlos sind, zeigt das Beispiel der Impfung gegen die Hirnhautentzündung FSME im Jahr 2000. Im Vergleich zur Vorgänger-Impfung wurde damals nur die Beimischung verändert - das neue Mittel musste nach wenigen Monaten wegen Nebenwirkungen vom Markt.

Mit einem neuen Vakzin nach nur kurzer klinischer Erprobung gleich 25 Millionen Bundesbürger gegen die Schweinegrippe impfen zu wollen, kann man als bedenklichen Großversuch bezeichnen, ohne der Panikmache verdächtig zu sein. Man muss kein Impfgegner sein, um diese Impfung abzulehnen.

Irritierend ist auch die Argumentation vieler Impf-Befürworter. Sie befürchten eine mögliche Mutation des Erregers, die diesen gefährlicher macht. Das ist tatsächlich möglich - heute, morgen, nächstes Jahr. Vielleicht passiert es aber auch nie - und ohnehin ist diese Gefahr bei nahezu allen Keimen gegeben. Deshalb ist es medizinisch originell, gegen einen Erreger zu impfen, um die Entstehung eines noch gefährlicheren zu verhindern. Man kann es auch als innovatives Geschäftsmodell bezeichnen.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Warum die Impfaktion zu teuer ist.

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