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Schweinegrippe in Großbritannien:Insel im Ausnahmezustand

Erschreckende Prognose: Bis zu neun Prozent der britischen Arbeitskräfte könnten Ende August an der Schweinegrippe erkrankt sein. Das würde die Wirtschaft lahmlegen.

Andreas Oldag, London

Zunächst schien die Schweinegrippe für die Briten nur irgendeine exotische Krankheit zu sein. Doch nachdem Gesundheitsämter auf der Insel mittlerweile knapp 60.000 Fälle melden, wächst die Sorge über die Folgen einer großen Epidemie. Großbritannien ist schon jetzt das am härtesten von der Schweinegrippe betroffene Land in Europa.

Greift das Virus weiter um sich, hätte dies auch einschneidende wirtschaftliche Folgen. Experten rechnen damit, dass bis zu neun Prozent der Arbeitskräfte Ende August von der Schweinegrippe infiziert sind. Bis Ende September könnte der Anteil sogar auf zwölf Prozent steigen. "Die Unternehmen werden dies sehr schnell zu spüren bekommen, wenn sie sich nicht darauf vorbereiten", warnt David Frost von der Britischen Handelskammer (British Chambers of Commerce).

Die zweitgrößte europäische Volkswirtschaft, die ohnehin in einer der schwersten Rezessionen seit Jahrzehnten steckt, müsste einen weiteren Tiefschlag verkraften. Steigt die Krankheitsrate in den Firmen sprunghaft an, könnte dies dazu führen, dass Wirtschaft und Infrastruktur zum Erliegen kommen. Schon jetzt befürchtet beispielsweise die Londoner U-Bahn, dass ganze Strecken wegen fehlenden Personals nicht mehr regelmäßig bedient werden können. Supermärkte bereiten sich darauf vor, dass die Warenanlieferung ins Stocken gerät. Der Energieversorger British Gas überlegt, seine Außendienstmitarbeiter in spezielle Schutzkleidung zu stecken.

Die Gesamtkosten der Schweinegrippe - von Produktionsausfällen bis hin zu Massenimpfungen - könnten sich nach einer Studie der Beratungsgesellschaft Oxford Economics auf bis zu 60 Milliarden Pfund (etwa 70 Milliarden Euro) belaufen. Auch vor den weltweiten Folgen warnen die Oxford-Fachleute: So könnte das weltweite Bruttosozialprodukt um drei bis fünf Prozent innerhalb eines halben Jahres einbrechen. Zudem könnte die Epidemie die Deflationsgefahr in der Weltwirtschaft verstärken: Viele Menschen werden aus Angst vor Ansteckung zu Hause bleiben und ihr Geld nicht ausgeben. Die gesamte Konsumgüterindustrie wäre betroffen. Die Folge sind sinkende Preise und ein Erlahmen der Wirtschaftstätigkeit.

Das Problem ist aber, dass alle Prognosen mit Unsicherheiten belastet sind. Niemand weiß derzeit, wie sich die Seuche weiter ausbreitet. Auch Oxford Economics räumt ein, dass es sich um "Worst-Case-Szenarien" handelt, die nicht zwangsläufig eintreten müssen.

Wirtschaftshistoriker wissen indes, dass Seuchen und Krankheiten durchaus dramatische Folgen haben können. Die großen Pest-Epidemien rafften im 14. Jahrhundert wahrscheinlich 75 Millionen bis 200 Millionen Menschen dahin - einen erheblichen Teil der damaligen Weltbevölkerung. Die Ausbreitung der Seuche war auch eine indirekte Folge des intensiveren Warenhandels, der wiederum die Ausbreitung von Ratten und Flöhen als Zwischenwirte der tödlichen Bakterien begünstigte.

Trotz der vielen Opfer habe die Pest letztlich den modernen Kapitalismus befördert, so das überraschende Resümee von Professor Tony Barnett von der London School of Economics. So habe der Schwarze Tod zu einer akuten Arbeitskräfteknappheit in Europa geführt. Aus der Not hätten die Menschen dann eine Tugend gemacht und den Einsatz mechanischer Hilfsmittel vorangebracht und damit das Fundament für die spätere Industrialisierung gelegt. In England war die Seuche wahrscheinlich auch Anlass zur Umstellung der agrarischen Produktion. Die Bauern stellten den aufwendigen Getreideanbau auf weniger arbeitsintensive Schafzucht um. Diese begünstigte wiederum die Textilherstellung - eine der späteren Grundlagen für die Industrialisierung im Mutterland des Kapitalismus.

Nun führen Seuchen gewiss nicht mehr zur Auslöschung ganzer Zivilisationen wie im Mittelalter. Doch die Ausbreitung der Schweinegrippe zeigt, dass im Zeitalter der Globalisierung niemand absolut sicher vor Ansteckung ist.

Fachleute sehen deshalb vor allem auch den internationale Flughafen London Heathrow als einen Brennpunkt an. Ein Anflug von Panik macht sich bei den Fluggesellschaften breit: British Airways und Virgin Atlantic haben offenbar Pläne, Passagiere mit Grippesymptomen nur noch dann zu transportieren, wenn sie ein ärztliches Attest vorweisen. Eine Maßnahme, die nutzlos sei, meinte dagegen der britische Ärzteverband.

© SZ vom 21.07.2009/beu

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