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Römische Reiterstatue in Waldgirmes:Fund mit Biss

Der Ausflug der Römer nach Hessen war nur kurz, trotzdem hinterließ ihr Herrschaftsanspruch deutliche Spuren: Bei Wetzlar haben Archäologen nun Teile einer antiken Reiterstatue entdeckt.

J. Schloemann

Es gibt eigentlich keine archäologische Entdeckung mehr, die nicht als "Sensationsfund" verkauft wird. Doch es ist durchaus bemerkenswert, was jetzt Forscher im hessischen Lahnau-Waldgirmes gefunden haben, in der Nähe der Autobahn 45 bei Wetzlar.

Der Gesichtsausdruck des Pferdekopfes gibt keine Auskunft darüber, wer das Tier ritt - trotzdem handelt es sich um einen bedeutenden Fund.

(Foto: Foto: ddp)

Es handelt sich um einen vergoldeten Bronze-Pferdekopf sowie den Schuh eines Reiters. Die beiden Stücke gehörten zusammen mit einer Vielzahl kleinerer Fragmente zu einem lebensgroßen Reiterstandbild.

Diese wertvolle Feldherrenstatue wurde in den Jahren 4 oder 3 vor Christus in dem Ort aufgestellt, den die Römer vor der Katastrophe der Varusschlacht - die sich in diesem Jahr zum 2000. Mal gejährt hat - offenbar zu einem zivilen Verwaltungszentrum ausbauten, mit Forum und Basilika.

Waldgirmes - der antike Name ist nicht bekannt - wird seit 1993 von der Römisch-Germanischen Kommission des Deutschen Archäologischen Instituts zusammen mit den hessischen Landesarchäologen untersucht.

Der 55 Zentimeter lange Pferdekopf mit Goldresten tauchte bei der Freilegung eines antiken Brunnens auf. Am Zaumzeug finden sich runde Zierplatten mit figürlichen Darstellungen, die größte Platte zwischen den Augen des Pferds zeigt den Kriegsgott Mars.

Es ist derselbe Schmuck, mit dem auch die prächtigen, ebenfalls vergoldeten Bronze-Reiterstandbilder versehen sind, die kurz nach dem Zweiten Weltkrieg im italienischen Cartoceto di Pergola gefunden wurden und im Museum von Ancona an der Adria zu sehen sind.

Ansonsten ist eher wenig von den Bronze-Originalen antiker Reiterdenkmäler erhalten - am vollständigsten und berühmtesten ist das Standbild des Kaisers Marc Aurel, das 166 n. Chr. entstand und 1538 auf Michelangelos Kapitolsplatz in Rom gestellt wurde, Ausgangspunkt für die europäische Herrscher-Ikonographie der Neuzeit in unzähligen Ausführungen.

Des Gauls' Gesichtsausdruck

Rette sich, wer kann, hieß es anscheinend nach der Varusschlacht im Teutoburger Wald - jedenfalls haben die Römer die Siedlung von Waldgirmes dann bei ihrem Rückzug aus Germanien rasch aufgegeben, ohne ihren reichen Statuenschmuck mitzunehmen.

Der Traum von der Provinz Magna Germania, von der dauerhaften Eroberung der Gebiete nördlich der Donau und rechts des Rheins, war ausgeträumt. Die nachfolgenden Germanen hätten den Pferdekopf nach Abzug der Römer rituell im Brunnen versenkt, mutmaßen die Archäologen.

Der kurze, aber baulich recht aufwendige Ausflug der Römer ins Hessische - mit Häusern, Wassergräben, Straßen und Plätzen - ereignete sich zur Zeit des Kaisers Augustus. Und so vermuten die Ausgräber, die gefundenen Bronze-Fragmente könnten Teile eines Reiterstandbildes sein, das Augustus selbst dargestellt hat.

Diese Annahme lässt sich natürlich nicht beweisen - wie sollte man vom Gesichtsausdruck des Gauls und von einem Stück Fuß auf den Besitzer schließen können? Sie hat aber nach Ansicht des Archäologen Paul Zanker, des Verfassers des Standardwerks "Augustus und die Macht der Bilder", doch "eine gewisse Wahrscheinlichkeit". Denn die Ehre des Reiterstandbildes war für prominente Feldherren und Mitglieder der Kaiserfamilie reserviert.

Obwohl auch stehende Herrscherporträts wie der "Augustus von Prima Porta" verbreitet waren, waren Reiterstandbilder in Rom vor Marc Aurel nichts Ungewöhnliches. Schon der Feldherr Fabius Maximus Cunctator, der gegen Hannibal kämpfte, ließ sich 209 v. Chr. als berittenes Abbild aufs Forum von Rom stellen.

Herrschaftsraum markiert

Allerdings hatte das republikanische Rom Angst vor der Alleinherrschaft, und so dauerte es bis zum Diktator Sulla (82-79 v. Chr.) in der beginnenden Krisenzeit der Republik, bis ein Politiker erstmals auf offiziellen Senatsbeschluss ein Reiterstandbild erhielt. Augustus widerfuhr dasselbe schon, als er noch Oktavian hieß und junger Hoffnungsträger war, im Jahr 43 v. Chr. Als er Kaiser war, sah man sein Bild allenthalben im Reich.

Im Nationalmuseum in Athen ist der Oberkörper einer bronzenen Augustus-Reiterstatue erhalten - Pferd und Reiter wurden übrigens immer separat gegossen. Sonst fehlen solche Stücke aus den römischen Provinzen - was daran liegt, dass die Bronzen nach der Antike meistens eingeschmolzen wurden.

In jedem Fall aber beweist der Fund im hessischen Waldgirmes, dass dort einst mit beträchtlichem Repräsentationsaufwand die Erweiterung des römischen Herrschaftsraumes markiert werden sollte.

Entsprechend enthusiastisch ist das alte Pferd am Donnerstag von den Archäologen und von der hessischen Wissenschaftsministerin Eva Kühne-Hörmann in Frankfurt präsentiert worden. Nun folgt die gründliche Untersuchung, Restaurierung und Publikation sowie zu einem noch nicht bekanntgegebenen Zeitpunkt eine Ausstellung für die Öffentlichkeit.

© SZ vom 28.08.2009/gal

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