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Psychologie:Warum Gesundheitswarnungen oft schaden

Sitzen gefährdet die Gesundheit! Fleisch erregt Krebs! Warnungen wie diese richten manchmal mehr Schaden an als die beschworenen Gefahren.

Sitzen tötet! Sitzen ist das neue Rauchen. Halbwegs bewegungslos acht Stunden täglich im Bürostuhl zu lümmeln und nur gelegentlich zum Kaffeeautomaten zu schlurfen, ruiniert die Gesundheit. Da drohen Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Adipositas, Diabetes, Bluthochdruck und was sich sonst noch an Siechtum einstellen kann.

Schocknachrichten wie die vom schädlichen Sitzen begegnen einem heutzutage permanent, die Geschichte vom Stuhl als Krankheitsursache etwa erlebt gerade eine kleine Konjunktur. Aber wie verhält sich das Publikum, wenn es mit solchen drastischen Warnungen konfrontiert ist - verrichtet jeder fortan sein Tagwerk am Stehpult? Oder verpufft der angstinduzierte Stehimpuls nach ein paar Augenblicken, so dass man sich am Ende wieder nur wie ein willensschwacher Idiot fühlt?

Gesundheitskampagnen sollten nicht auf furchteinflößende Botschaften setzen

Über die Wirksamkeit angsteinflößender Warnungen wird in der Psychologie seit langer Zeit gestritten. Gerade haben Forscher um Dolores Albarracín von der Universität von Illinois eine Analyse von zig Studien zum Thema vorgelegt und sprechen im Psychological Bulletin das aus ihrer Sicht finale Urteil: Angsteinflößende Warnungen wirken. Sie verändern Einstellungen und helfen, Verhalten zu modifizieren.

Aber trotz des klaren Urteils liefert die Arbeit der Psychologen Argumente dafür, unbedingt auf Angstbotschaften zu verzichten. Zum einen seien die Effekte sehr gering. Es braucht also massive Drohkulissen, um Menschen zu ändern. Und wenn der Eingeschüchterte reagiert, dann nur kurz: Mit Angstbotschaften bringt man etwa sehr effektiv Menschen dazu, nicht zu nah an einem Abgrund zu stehen; doch einen Büromenschen für immer ans Stehpult zu treiben, gelingt damit nicht. Deshalb resümieren die Psychologen, dass etwa Gesundheitskampagnen nicht auf Furcht einflößende Aussagen setzen sollten.

Den wichtigsten Punkt führen die Forscher jedoch nicht an: die Nebenwirkungen drastischer Warnungen. Diese existieren zweifellos. Es löst keine guten Gefühle aus, wenn permanent üble Gefahren beschworen werden. Wenn es heißt, Sitzen beeinträchtige die Gesundheit, dass zu viel Fett schlecht sei, dass zu viel Zucker schädlich sei, dass Fleisch Krebs auslöse oder dass kurzzeitige Orientierungsprobleme - wie eine aktuelle Veröffentlichung im Fachblatt Science im Konjunktiv argumentiert - ein Anzeichen von Alzheimer sein könnte. Die Allgegenwart drastischer Gesundheitswarnungen erzeugt einen ständigen inneren Alarmzustand, der das Wohlergehen sicher stärker beeinträchtigt als viele beschworene Gefahren selbst. Es wie bei einem Kind, das von seinen Eltern permanent aufgefordert wird, gerade zu sitzen, nicht zu schmatzen, nicht so laut zu sein oder sonst etwas zu unterlassen: Das penetrante Dauergenöle der Eltern mündet nicht in Wohlverhalten, sondern in einem unangenehmen Gefühl der Unzulänglichkeit.