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Psychische Leiden:Im Dschungel der Angebote

Beide Stereotype sind so falsch wie veraltet, und deshalb betont Peter Henningsen in derselben Ausgabe von Psychologie Heute, dass Psychiatrie und Psychosomatik voneinander lernen könnten und sollten, "wenn es um die komplexe und sowohl theoretisch wie praktisch nicht leicht zu fassende Wechselwirkung von biologisch-mechanistischen und interpersonell-intentionalen, also psychosozialen Faktoren" in der Entstehung und Therapie psychischer Störungen geht.

Man dürfe aber auch nicht verschweigen, so Henningsen, dass die deutsche Psychiatrie lange skeptisch in Bezug auf die Psychotherapie gewesen sei. Die emigrierten jüdischen Psychotherapeuten seien in den USA in die Psychiatrie integriert worden, weswegen die Psychosomatik dort nur eine Unterdisziplin der Psychiatrie sei.

Von Horst-Eberhard Richter ist überliefert, dass er in der Psychiatrie geblieben und sich nicht für die Gründung einer eigenständigen Psychosomatik eingesetzt hätte, wären die deutschen Psychiater nicht so psychotherapiefeindlich gewesen. Noch heute werde die Psychotherapie Henningsen zufolge in der Psychiatrie oft "nach biomedizinischem Modell eingesetzt wie ein vom Stationspsychologen verabreichtes zusätzliches Medikament, weit entfernt von einer umfassend reflektierten Durchdringung des Interaktionsgeschehens zwischen Patient und Behandlerteam".

Für den Patienten macht es das Streitgespräch der beiden Professoren nicht leichter, sich im Dschungel der Angebote zurechtzufinden. Ehemalige Kurkliniken, die sich mangels Auslastung flugs mit dem Etikett Psychosomatik schmücken, obwohl sie nicht über die entsprechende Expertise verfügen, erschweren die Orientierung.

So wie Neurochirurgen, Orthopäden - und auch Psychosomatiker - um Patienten mit Rückenschmerzen konkurrieren, gibt es eben auch diagnostische wie therapeutische Überschneidungen, wenn die Seele leidet. Orientierung durch den Laufweg auf der richtigen Straßenseite ist aber wohl nur in Freiburg möglich - dort befindet sich die Psychiatrie auf der linken und die Psychosomatik auf der rechten Seite. Oder umgekehrt, je nach Standpunkt und Blickrichtung.