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Neurowissenschaft:Die Kunst, zu vergessen

Wenn Erfahrungen im Gedächtnis gespeichert werden, bilden sich neue Verschaltungsmuster der Nervenzellen - alte lösen sich und verschwinden. Ein wenig verhält es sich wie mit Spuren im Sand: Jeder neue Fußabdruck verdrängt vorhandene Fährten.

(Foto: Julia Hecht)

Vergessen hat einen ausgesprochen schlechten Ruf. Dabei ist es eine wichtige und wertvolle Leistung, wenn Informationen aus dem Gedächtnis verschwinden.

Warum mitschreiben? Alle um ihn herum machten sich in der Konferenz Notizen, nur Solomon Schereschewski saß reglos da. Sein Chef fand das suspekt. Noch merkwürdiger erschien ihm aber die Reaktion, als er Schereschewski zur Rede stellte. Wort für Wort, ohne einmal zu stocken, wiederholte der Gerüffelte die Rede seines Chefs. Der denkwürdigen Episode sollten von diesem Tag im Frühjahr 1929 an noch viele ähnliche folgen. Mühelos merkte sich der Gedächtniskünstler Abfolgen aus bis zu 70 Ziffern - und das für 15 Jahre. "Ich musste einfach einsehen, dass sein Gedächtnis keine Grenzen kannte", schrieb der Neuropsychologe Alexander Luria 1968 über "S.". Luria hatte jahrelang Schereschewski und dessen fast unfehlbares Gedächtnis untersucht. Dabei ging es auch um Lösungen für Probleme, die den meisten Menschen absurd erscheinen dürften: "Die große Frage war, ob er lernen konnte zu vergessen", schreibt Luria. "Es funktionierte, wenn er sich aufschrieb, an was er sich nicht mehr erinnern wollte."

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