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Neandertaler:Spezialwerkzeug aus der Steinzeit

Knochenwerkzeuge der Neandertaler

Das am vollständigsten erhaltene Lissoir (Schleifgerät), das bei Ausgrabungsarbeiten in der Neandertalerfundstätte Abri Peyroni entdeckt wurde

(Foto: dpa)

Bereits vor 51.000 Jahren stellten Neandertaler aus Knochen ein Werkzeug zur Lederbearbeitung her, das praktisch baugleich ist mit der modernen Version. Damit sind die Neandertaler die Schöpfer des ersten europäischen Spezialwerkzeugs.

Normalerweise bestellen Archäologen ihre Forschungsobjekte nicht im Internet. Doch Marie Soressi von der Universität Leiden machte im Januar 2013 eine Ausnahme. Sie besorgte sich auf einer Webseite für traditionelle Handwerkszeuge ein längliches Gerät mit einer abgerundeten Spitze.

Das wollte sie mit einem 51.000 Jahre alten Knochen vergleichen, den Kollegen gefunden hatten. Ihre Verblüffung war groß, als sie beide Werkzeuge testete. Denn das neue, moderne Gerät aus dem Internet, das Lederarbeiter noch heute verwenden um Tierhäute zu bearbeiten, war dafür nicht besser geeignet als der Knochen aus einer Fundstätte im Südwesten Frankreichs. Beide Werkzeuge waren sogar praktisch baugleich.

Knochenwerkzeuge der Neandertaler

So wurde ein aus den Rippen von Rotwild hergestellten Lissoir verwendet, um Tierhäute zu glätten

(Foto: dpa/Abri Peyrony & Pech-de-l'Azé I Projects)

Doch damit nicht genug: Das heute Lissoir genannte Gerät haben nicht etwa moderne Menschen hergestellt, sondern eindeutig Neandertaler, berichtet ein internationales Forscherteam in der aktuellen Ausgabe von PNAS (online), darunter Wissenschaftler aus Leiden und vom Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig.

Damit sind die Neandertaler die Schöpfer des ersten europäischen Spezialwerkzeugs. Die modernen Menschen waren nach aktuellem Stand der Forschung nämlich erst vor 43.000 Jahren nach Mitteleuropa eingewandert, also deutlich später.

"Dass sich das Werkzeug im Laufe der Zeit kaum verändert hat, zeigt, wie effizient es ist", sagt die Anthropologin Marie Soressi. "Es könnte sich dabei um das einzige Erbe aus der Zeit der Neandertaler handeln, das unsere Gesellschaft heute noch nutzt." Damit haben die Forscher erstmals ein noch heute existierendes Gerät entdeckt, das seine Wurzeln direkt bei den Neandertalern hat.

Insgesamt vier ähnlich gefertigte Lissoirs haben die Archäologen im vergangenen Jahr ausgegraben. Sie stammen aus den zwei nur 35 Kilometer voneinander entfernt liegenden altsteinzeitlichen Fundstätten Abri Peyroni und Pech-de-l'Azé I im Südwesten Frankreichs, beide Orte liegen idyllisch an Nebenflüssen der Dordogne.

Knochenwerkzeuge der Neandertaler

Ene virtuelle Rekonstruktion (oben) eines Lissoirs, Querschnitte des Knochens (Mitte) und farbkodiert die Knochendicke (unten), die an der Spitze abnimmt, dargestellt

(Foto: dpa)

Experten haben ihr Alter mittels Radiocarbon-Datierung auf 51.000 Jahre bestimmt. Es sind einfache, an den Spitzen abgerundete und geglättete Knochen, gefertigt aus den Rippen von Rotwild. In der Nähe der Lissoirs fanden die Forscher auch noch typische Neandertaler-Steinwerkzeuge und unbearbeitete Knochen von erlegten Rentieren, Pferden, Rotwild und Bisons, aber nirgendwo Spuren von modernen Menschen.

Mikroskopische Spuren an den Werkzeugen zeigen, dass die Neandertaler diese wohl verwendet haben, um weiche Materialien zu glätten, vorwiegend Häute erlegter Tiere. Da Rippenknochen von Natur aus leicht biegsam sind, genügt ein sanfter, aber beständiger Druck, um die Häute zu veredeln. Durch die Prozedur wurden die Tierhäute geschmeidiger, glänzten leicht und wiesen auch den Regen gut ab - eine erstaunliche Errungenschaft der europäischen Ureinwohner vor mehr als 50.000 Jahren.

Die Neandertaler setzten sich offenbar intensiv mit dem Material Knochen auseinander. Dies zeigen auch andere Funde wie aus Knochen gefertigte Faustkeile oder Hämmer. Die Lissoirs seien ein Beispiel dafür, "dass sich Neandertaler die Biegsamkeit und Flexibilität von Knochen zunutze machten, ihnen eine neue Form gaben und damit Arbeiten verrichteten, die sie mit Steinen nicht hätten ausführen können", sagt der Leipziger Anthropologe Shannon McPherron.