Indischer Ozean Isoliert wie kaum ein anderes Volk

Das Foto aus dem Jahr 2004 zeigt einen Sentinelesen. Es wurde von einem Hubschrauber aus aufgenommen.

(Foto: AFP)
  • Beim Versuch, sich mit Vertretern eines isoliert lebenden Naturvolkes auf North Sentinel Island im Indischen Ozean anzufreunden, ist ein US-Amerikaner ums Leben gekommen.
  • Über die Gemeinschaft ist fast nichts bekannt.
  • Ihre Abgeschiedenheit könnte überlebensnotwendig sein.
Von Arne Perras

Bislang sind die Erzählungen nur Bruchstücke; ein unvollständiges Puzzle über eine seltsame Begegnung am Strand, die wahrscheinlich mit dem Tod eines 27-jährigen Amerikaners endete. John Allen Chau hatte vergangene Woche versucht, sich den Menschen auf North Sentinel Island im Indischen Ozean zu nähern. "Beim Versuch, sich mit den Stammesleuten anzufreunden, traf ihn der Pfeil eines Unbekannten", notierte die indische Polizei, der bizarre Kriminalfall lenkt nun die Aufmerksamkeit auf ein entlegenes Volk, über das so wenig bekannt ist wie über kaum eine andere lebende Gemeinschaft von Menschen.

North Sentinel Island gehört zur Gruppe der Andamanen, aus Sicht global vernetzter Erdenbewohner ist der Ort Terra incognita. Der Staat verbietet den Zutritt, und so ist Forschern das Volk der Sentinelesen bis heute ein Geheimnis geblieben, niemand - außer ihnen selber - kennt ihre Sprache, ihren Alltag. Über ihre Herkunft gibt es nur Vermutungen. Etwa 100 Männer und Frauen mögen dort noch leben, keiner weiß es genau. Sicher aber ist: Sie schätzen es nicht, wenn sie Besuch bekommen.

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So liest sich die Polizeibericht teils wie Szenen aus der Zeit eines Robinson Crusoe. Der vermisste US-Bürger Chau ist kein Schiffbrüchiger gewesen, sondern hatte seine Reise geplant. Was er genau wollte, bleibt nebulös, im Polizeibericht steht, er sei zu "missionarischen Zwecken" unterwegs gewesen. Weit kam er damit nicht. Fischer einer anderen Insel hatten ihn heimlich in die Nähe gebracht, das letzte Stück paddelte er im Kayak. Dieselben Fischer, die von Pfeilschüssen auf Chau berichteten, wollen später gesehen haben, wie die Sentinelesen die Leiche auf den Strand schleppten. Er sei halb im Sand vergraben gewesen. Seither verliert sich die Spur.

Nach dem Tsunami von 2004 flog ein Helikopter zur Insel. Ein Pfeilhagel begrüßte ihn

In der globalisierten Welt wären längst Kommissare gelandet, hätten den Tatort gesichert. Doch die Insel ist per Gesetz komplett abschirmt, das soll dem Schutz des indigenen Volkes dienen, das als "unkontaktiert" gilt, also in der Isolation existiert. Das alles bedeutet nicht, dass die Sentinelesen noch nie auf andere Menschen gestoßen wären. Es gab Begegnungen, doch sie waren wohl nur kurz. Manche Besucher kamen nicht wieder. 2006 waren zwei Fischer, die illegal nach Meerestieren jagten, der Insel zu nahe gekommen und wurden offenbar durch die Inselbewohner getötet.

Die Anthropologin Sophie Gril von der Organisation "Survival International" hält die Strategie, das Volk strikt von der Außenwelt fernzuhalten, für entscheidend, um deren Überleben zu sichern. "Diese Menschen haben keinerlei Immunabwehr gegen unsere Krankheiten", sagt die Britin. Ließe der Staat Besucher zu, hätte das katastrophale Folgen.

Einzelne Versuche, sich durch Geschenke die Sympathien der Sentinelesen zu sichern, waren nicht erfolgreich, diese Menschen ließen sich nicht locken, was wesentlicher Grund dafür sein könnte, dass es sie noch gibt. Geholfen hat ihnen auch die Abgeschiedenheit und der staatliche Beschluss von 1996, North Sentinel Island abzuschotten.

Als 2004 der Tsunami wütete, rätselten Forscher, wie es den Sentinelesen erging. Ein Erkundungshelikopter flog über die Insel und wurde mit einem Pfeilhagel begrüßt. "Das war ein Zeichen, dass sie es offenbar ganz gut überstanden hatten", sagt Gril. Der Fall des Amerikaners stellt die Inder vor ein Dilemma, einerseits gilt es, das Volk in Ruhe zu lassen, anderseits wird ein Ausländer oder dessen Leiche gesucht. Vom Helikopter aus war nichts zu entdecken, sodass Erkundungen auf der Insel unumgänglich sein werden. Ein riskantes Abenteuer, vor allem für die Sentinelesen, für die nichts so gefährlich ist wie Keime aus der weiten Welt.

In einer früheren Version dieses Artikels haben wir die Insel fälschlicherweise nur "Sentinel Island" genannt. Korrekt ist jedoch die Bezeichnung mit dem vorangestellten Zusatz "North".

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