Nachweis von Gravitationswellen Physiker im Rausch

Das Bicep2-Teleskop vor der beeindruckenden Kulisse des Südpols.

(Foto: Steffen Richter/dpa)

Der Nachweis kosmischer Gravitationswellen galt als Sensation, nun müssen die beteiligten Physiker einen Irrtum einräumen. Das unrühmliche Ende haben sich die Forscher selbst eingebrockt. Dennoch gebührt ihnen Respekt.

Ein Kommentar von Marlene Weiß

Das war es nun also. Nach knapp einem Jahr ist von der Entdeckung, die mit viel Getöse als Weltsensation verkündet worden war, nicht mehr übrig geblieben als das kleinlaute Eingeständnis: Der Nachweis von Gravitationswellen aus den ersten Sekundenbruchteilen nach dem Urknall war nichts als ein Irrtum.

Die Wellen in der Raumzeit sollen entstanden sein, als das Universum sich nach seiner Geburt im Eiltempo aufblähte - das jedenfalls besagt die sogenannte Inflationstheorie. Das Team vom Südpol-Teleskop Bicep2 hatte Wirbel in der kosmischen Hintergrundstrahlung gemessen und sie als den Abdruck dieser Wellen gedeutet, und damit als den ersehnten Beweis für die Inflation. Doch nachdem sich die Forscher mit der Konkurrenz vom Planck-Weltraumteleskop zusammengetan haben, ist klar: Zu viel Dreck in der Milchstraße hat den Blick ins All getrübt - kosmischer Staub überlagert die Daten. Zwar bleibt ein ungewöhnliches Signal auch dann übrig, wenn man den Staub einberechnet; aber es könnte genauso gut ein Messfehler sein. Für einen Nachweis reicht es definitiv nicht.

Dieses unrühmliche Ende haben sich die Bicep2-Forscher selbst zuzuschreiben. Statt die Planck-Daten abzuwarten und ihre Messung damit abzusichern, gingen sie sofort an die Öffentlichkeit. Und wie: Eine große Pressekonferenz reichte nicht aus, es musste auch noch ein anrührendes Video auf Youtube hochgeladen werden, das zeigt, wie einer der Forscher den Erfindern der Inflationstheorie die frohe Botschaft überbringt.

Wäre die Entdeckung besser abgesichert gewesen, es hätte eine Sensation bedeutet: Die Inflationstheorie ist eine sagenhafte Leistung der Physiker. Ihr Beweis wäre eine wunderbare Gelegenheit, die Öffentlichkeit an den Erfolgen der Grundlagenforschung teilhaben zu lassen. Die Entdeckung war aber von vornherein wackelig, das mussten die Forscher wissen. Den Staub-Effekt hatten sie nur vage mithilfe einer alten Grafik abgeschätzt, ihr Ergebnis stand teilweise im Widerspruch mit früheren Messungen. Öffentlichkeitsarbeit ist wichtig, aber mit überstürzten Behauptungen tut man der Wissenschaft keinen Gefallen.

Die Kontrollmechanismen der Wissenschaft haben dennoch funktioniert

Die Häme, die nun über das Bicep-Team ausgeschüttet wird, ist dennoch fehl am Platz. Ja, sie hätten zurückhaltender sein sollen. Aber viele Blogger und Journalisten hätten ihre Messung wohl in jedem Fall aufgegriffen, so ist das eben in Zeiten des Internets. Und wer als Wissenschaftler so eine Publikation zurückhält, riskiert, den größten Erfolg der Karriere an andere abzutreten. Forscher sind auch nur Menschen.

Zumal die Versuchung so groß gewesen sein muss, der Messung einfach zu glauben: Anders als vor einigen Jahren die angeblich mit Über-Lichtgeschwindigkeit reisenden Neutrinos, die sich ebenfalls als peinlicher Irrtum herausstellten, ist die Inflationstheorie weithin akzeptiert, nur der Nachweis will nicht gelingen. Da ist es zwar nicht korrekt, aber irgendwie verständlich, wenn Forscher so lange in ihre Daten starren, bis sie das sehen, was doch da sein müsste - und Unstimmigkeiten ausblenden.

Böswillige Täuschung kann man dem Bicep-Team nicht vorwerfen. In den Messungen steckt Können, Gründlichkeit und Fleiß - nur für die korrekte Interpretation fehlten entscheidende Daten. Die sind nun da, und prompt haben sich die Bicep2-Forscher mit den Kollegen von Planck zusammengesetzt und sind mit ihnen zu einem gemeinsamen Ergebnis gekommen (die Zusammenfassung der Ergebnisse finden Sie hier, die Veröffentlichung selbst unter diesem Link).

Jenseits von Eitelkeiten und voreiligen Behauptungen haben die Kontrollmechanismen in der Forschung damit letztlich gut funktioniert: Der Fehler ist gefunden, zurück an die Arbeit. Einen solchen Prozess soll man sich mal anderswo vorstellen, in der Politik oder in der Wirtschaft zum Beispiel.

Die gesammelten Beobachtungen werden nun dazu dienen, die Suche nach Gravitationswellen zu verfeinern. Denn die Suche selbst geht weiter, und sie bleibt faszinierend und spannend, mit oder ohne großes Tamtam.