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Umwelt:Wie Moore beim Kampf gegen den Klimawandel helfen

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Bei Sonnenaufgang wirkt das Moor im Emsland besonders romantisch. Zugleich dient es als wichtiger Kohlendioxid-Speicher.

(Foto: imago/imagebroker)

Sie sind Orte der Artenvielfalt und wichtige Kohlendioxid-Speicher. Doch der Mensch ist dabei, immer größere Flächen zu zerstören. Das müsste nicht sein.

Von Jan Schwenkenbecher

Jutta Over steht auf einem Sandhügel im Westen Niedersachsens und blickt auf die Meere. Der Wind bläst. Ein Stirnband und die zugezogene Kapuze der Funktionsjacke verhindern, dass der Biologin vom Naturschutzbund (Nabu) Emsland die lockigen Haare ins Gesicht wehen. Vier, fünf Meere liegen da hinter dem Hügel - jedes so klein wie der Garten eines Einfamilienhauses. Die Meere zu ihren Füßen, das sind die Wasserbecken in der Tinner Dose, mit 40 Quadratkilometern eines der größten Hochmoore Europas, an deren Ostrand der Sandhügel aufgeschüttet ist.

Im Frühjahr blühen hier Glockenheiden, Sonnentaue und Moosbeeren, dazwischen quaken Moorfrösche und Kreuzkröten. Libellen, Schmetterlinge und zahlreiche Vögel fliegen herum, am Boden kriechen Schlingnattern und Kreuzottern. Seit zwei, drei Jahren wohnt auch ein Wolf in der Gegend. Für viele Tiere und Pflanzen ist die Dose zum Refugium inmitten unzähliger Äcker geworden. Over schaut, wie das Licht der tief stehenden Sonne unter der löchrigen Wolkendecke hindurch auf die Spitzen des im Wind wogenden Pfeifengrases fällt. Sie sagt: "Das Moor ist wichtig für Pflanzen und Tiere. Aber auch wir Menschen brauchen das Moor."

Moore können tatsächlich eine wichtige Rolle im Kampf gegen den Klimawandel spielen. Lässt der Mensch sie in Ruhe, speichern sie CO₂. Stört man sie jedoch, geben sie jede Menge von dem Treibhausgas in die Atmosphäre ab. Je nachdem, wie freundlich man ihnen also begegnet, können sie den Klimawandel etwas abmildern oder ihn aber beschleunigen.

Am 3. September 2018 geriet bei einem Raketeneinschlag das Pfeifengras in Brand

"Ein Moor entsteht, wenn der Boden so nass ist, dass ein sauerstoffarmes, saures Milieu vorherrscht", sagt Biologin Jutta Over. "Unter diesen Bedingungen können Pflanzenreste nicht zersetzt werden." So entsteht Torf. "Ein intaktes Moor wächst jedes Jahr etwa einen Millimeter, und dadurch sind Moore auch eine Art Archiv." An den Schichten des Bodens könne man ablesen, was zur jeweiligen Zeit so los war. "Man hat zum Beispiel herausgefunden, dass um das Moor herum eine Zeit lang viele Haselsträucher wuchsen, heute aber stehen hier fast ausschließlich Kiefern."

Im Torf bleibt jenes CO₂ eingeschlossen, das die Pflanzen zu ihren Lebzeiten aufgenommen haben und bei einem gewöhnlichen Abbauprozess entweichen würde. Zu 50 bis 60 Prozent besteht Torf aus Kohlenstoff. Damit sind Moore diejenigen Ökosysteme der Erde, in denen die Kohlenstoff-Konzentration am höchsten ist. Es ist viel CO₂, das da in den Mooren der Welt gespeichert wird.

Wie viel, das kann so ganz genau niemand bestimmen. Annäherungsweise aber hat das etwa der Physiker Thomas Kleinen vom Hamburger Max-Planck-Institut für Meteorologie in Klimamodellen errechnet. "Moore in der Nordhemisphäre speichern aktuell etwa 500 Gigatonnen Kohlenstoff, in den Tropen sind es etwa 100 Gigatonnen." Zur Einordnung: Etwa 40 Gigatonnen CO₂ werden weltweit pro Jahr durch die Nutzung fossiler Brennstoffe emittiert - was etwa 11 Gigatonnen Kohlenstoff entspricht. Das, was derzeit in den Mooren gespeichert ist, gleicht also in etwa dem, was die Menschheit bei aktuellem Verbrauch in 55 Jahren benötigt. Dass Moore so viel CO₂ binden können, klingt erst mal schön, birgt aber auch eine große Gefahr: "Kurzfristig kann das einen negativen Effekt auf das Klima haben", sagt Kleinen, "nämlich dann, wenn wir die Moore trockenlegen oder sie brennen. Ist das der Fall, entweicht eine ganze Menge CO₂."

Wie viel eine "ganze Menge" sein könnte, wurde vor eineinhalb Jahren in der Tinner Dose deutlich. Da steckte die Bundeswehr das Moor aus Versehen in Brand. Schon seit mehr als 100 Jahren werden in der Tinner Dose Waffen getestet. Damals, im Jahr 1887, kaufte Alfred Krupp das Gelände, Sohn des Kruppstahl-Gründers Friedrich Krupp, und richtete dort den "Kruppschen Schießplatz" ein. Der Name hat sich geändert, heute heißt das Areal "Wehrtechnische Dienststelle für Waffen und Munition 91" und gehört der Bundeswehr. Waffenhersteller und Militär schießen dort heute mit Helikopter-Raketen statt mit Artilleriegranaten. Bis 16 Uhr. Dann dürfen Spaziergänger ihre Hunde am Moorrand entlangführen.

Eine Hubschrauber-Rakete war es auch, die dem Moor im heißen Spätsommer 2018 zum Verhängnis wurde. Am 3. September geriet bei einem Raketeneinschlag das Pfeifengras in Brand, es sollte drei Wochen dauern, bis der Brand gelöscht war. In Mooren kann der Torf unterirdisch brennen, ohne dass man es an der Oberfläche sieht. Die Rauchschwaden zogen bis ins 100 Kilometer entfernte Bremen. Jutta Over hat den Schaden untersucht. Ein Drittel des Moores brannte, und davon wiederum hat sich ein Drittel bis heute nicht erholt. Die verkohlten Stellen kann man vom Sandhügel aus gut beobachten.

Moor

Jutta Over vom Nabu.

(Foto: Jan Schwenkenbecher)

Wie viel Kohlenstoffdioxid nun durch den Brand tatsächlich aus dem Moor entwichen ist, darüber streiten Nabu und Bundeswehr noch, weil nicht ganz klar ist, wie tief das Moor gebrannt hat. Es dürften aber zwischen einer halben und einer ganzen Million Tonnen gewesen sein.

CO₂ entweicht aus Mooren aber nicht nur, wenn sie brennen. Das Treibhausgas wird auch dann freigesetzt, wenn die Moore trockener werden. Weltweit werden immense Moorflächen vorsätzlich entwässert, um darauf Land- und Forstwirtschaft betreiben zu können.

Moore wurden einst konsequent entwässert

Im vergangenen Jahr stellten Forscher des Agrarforschungszentrums Agroscope aus Zürich gemeinsam mit einer Kollegin der Universität Leicester im Fachmagazin Nature Climate Change eine erschreckende Rechnung vor: Seit dem Jahr 1850 gingen weltweit Moore in der Größe von 50 Millionen Hektar verloren, das entspricht beinahe eineinhalbmal der Fläche Deutschlands.

Bis zum Jahr 2100 könnten weitere zwölf Millionen Hektar Moor beseitigt worden sein. Demnach sind bereits 80 Gigatonnen CO₂ entwichen, bis 2100 könnte diese Zahl auf bis zu 250 Gigatonnen ansteigen. Vier Prozent der menschengemachten CO₂-Emissionen gehen derzeit auf die Verwüstung von Mooren zurück, kommerzieller Flugverkehr macht zwei Prozent aus.

Allerdings besteht Handlungsbedarf eher in anderen Regionen. Zum einen gibt es in Deutschland vergleichsweise wenig Moorfläche. 18 250 Quadratkilometer sind es, von denen etwa 68 Prozent landwirtschaftlich genutzt werden. Auf weiteren 13 Prozent findet Forstwirtschaft statt, nur auf etwa einem Prozent wird Torf abgebaut. Weltweit hingegen machen Moore fast drei Prozent der Landfläche aus, insgesamt 4,23 Millionen Quadratkilometer. Außerdem werden in Deutschland ohnehin keine Moore mehr entwässert. Das geschieht vor allem in Südostasien, wo Moore neuen Plantagen weichen müssen - etwa für das begehrte Palmöl.

Wer sich im Moor niederlassen wollte, bekam Land geschenkt

Zwar gab es auch in Deutschland einst viele Moore - fünf Prozent der Fläche. Doch wurden sie seit dem späten Mittelalter und der frühen Neuzeit konsequent entwässert. Die Spuren sieht man in der Tinner Dose noch heute. In regelmäßigen Abständen ziehen sich Furchen durch das Moor, Entwässerungsgräben, angelegt vor 250 Jahren.

Am 22. Juli 1765 erließ der preußische König Friedrich II. sein "Urbarmachungsedikt". Ungenutztes Moorgebiet ging damit in den Besitz der Krone über. Wer sich fortan im Moor niederlassen wollte, bekam ein Stück Land geschenkt, wenn er binnen eines Jahres ein Haus darauf baute und binnen sechs Jahren Landwirtschaft betrieb. Zahlreiche Hektar wurden trockengelegt, damit Häuser und Vieh auch darauf stehen konnten.

Knapp 200 Jahre später wiederholte sich die Moor-Geschichte: Am 5. Mai 1950 verabschiedete der Bundestag den Emslandplan, mit dem er den Lebensstandard auf dem Lande anheben wollte. Fortan wühlten sich zahlreiche Mammutpflüge der Firma Ottomeyer in bis zu zwei Metern Tiefe durch das Erdreich. Wäre die Tinner Dose nicht inmitten des Meppener Schießplatzes gelegen, sie wäre wohl auch zerpflügt und trockengelegt worden. Damals war der Einfluss der Moore auf das Klima eben noch nicht gut erforscht.

Heute ist er das aber. Deswegen fordern zahlreiche Ökologen und Naturschützer, die Geschichte rückgängig zu machen. Das geht durchaus: Trockene Moore können wieder vernässt werden. Manchmal genügt es bereits, die Entwässerungsgräben zuzuschütten. Das Wetter übernimmt den Rest und stellt den benötigten Wasserüberschuss her, der die Pflanzen absterben lässt. Andernorts könnte es nötig werden, die Moorgebiete aktiv zu fluten.

Können Moore also dabei helfen, die Menschheit vor dem Klimawandel zu retten? "Kurzfristig haben Moore so gut wie keinen positiven Effekt auf das Klima, weil die Speicherung von CO₂ sehr langsam vonstattengeht", sagt der Klimaphysiker Thomas Kleinen. In Europa etwa seien die Moore seit der letzten Eiszeit herangewachsen, über einen Zeitraum von acht- bis zehntausend Jahren. Trotzdem gilt: "Auch wenn der Speicherprozess langsam abläuft - über Jahrtausende hinweg kommt dann doch schon ganz schön was zusammen", so Kleinen.

Man könnte nun darüber streiten, ob sich das Vorhaben überhaupt lohnt. Ein oft genanntes Gegenargument lautet, dass bei der Wiedervernässung Methan freigesetzt wird - ein 25-mal stärker wirkendes Treibhausgas als CO₂. Rechnet man die beiden Effekte aber gegeneinander, fällt die Bilanz dennoch bei der Wiedervernässung besser aus. Landwirte fragen, wie man die Ackerflächen ersetzen soll, die durch die Umwandlung verloren gingen. Die Antwort darauf könnte lauten: Paludikultur.

"Die Paludikultur ist ein Kompromiss zwischen Naturentwicklung und Landwirtschaft, jeweils nach Wiedervernässung der Moore", sagt Wendelin Wichtmann, Agrarwissenschaftler der Universität Greifswald. Dabei werde der Boden so vernässt, dass das Moor wieder wachsen, der Bauer darauf dennoch anbauen könnte. Kartoffeln und Möhren könnten zwar nicht mehr gepflanzt werden, "aber es gibt einige Pflanzenarten, die sehr gut auf so einem nassen Moorboden wachsen", sagt Wichtmann. "Zum Beispiel Schilf, Rohrkolben, Erlen oder Sonnentau."

Allerdings müsste dann auch der Fuhrpark umgebaut werden. Zum könnte es genügen, breite und schlaffe Reifen auf den Traktor zu ziehen, um die Auflagefläche zu vergrößern. Auch gibt es Firmen, die etwa Pistenraupen so umbauen, dass sie sich perfekt fürs Moor eignen. "Im Moment ist das aber noch sehr teuer, weil die Nachfrage nicht ausreicht", sagt Wichtmann. Vielleicht bräuchte es dafür finanzielle Hilfen vom Staat - und pfiffige Unternehmer, die Marktlücken für Paludikultur-Produkte finden.

"Es gibt da zum Beispiel Firmen, die möchten Konstruktionsplatten und Dämmstoffe aus Rohrkolben herstellen", sagt Wichtmann. "Ein anderer Betrieb betreibt ein Heizwerk, ausschließlich mit Biomasse aus nassen Mooren, und beheizt damit etwa 500 Haushalte." Einfach umzusetzen werden all diese Ideen wahrscheinlich nicht sein. Aber das erwartet wohl auch kaum jemand.

Anmerkung der Redaktion: In einer ersten Version des Textes war an einer Stelle die Rede von Kohlenstoff, gemeint war aber CO₂. Wir haben dies entsprechend korrigiert.

© SZ vom 21.03.2020
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