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Menschheitsgeschichte:Das Geheimnis des Sultanats von Zinder

Chetima Mahamadou, der Enkel des verstorbenen Gelehrten Mamadou Chetima, präsentiert einen Koran in der Old-Kanembu-Schrift.

Seit 1922 war der Raum verschlossen, den ein Leipziger Afrikanist in Niger betrat. Er fand: Gerichtsakten, Briefe, Texte zu okkulten Wissenschaften aus dem untergegangenen Königreich Kanem-Bornu. Und neue Belege einer jahrhundertealten Schriftsprache.

Ari Awagana stockte der Atem. Im Dezember 2018 stand der Leipziger Afrikanist im Haus von Mahamadou Aboubacar, in der Stadt Zinder im Süden der Republik Niger und konnte nicht recht glauben, was er da hörte und in den Händen hielt. Sein Gegenüber, der höchste Korangelehrte des noch heute existierenden Sultanats von Zinder, reichte ihm ein paar verstaubte Bücher, deren Schrift er teilweise selbst nicht lesen konnte.

Und als Ari Awagana fragte, ob er eventuell den Raum sehen dürfe, aus dem man die Bücher geholt hatte, wurde er durch den Hofkomplex in ein kleines Zimmer geführt. Dort lagen von einer Plane bedeckt auf einem Tisch stapelweise verstaubte Schriften. Einige lugten auch unterm Tisch hervor. Eine Ente brütete darauf. Es gebe da noch einen zweiten Raum mit Büchern, erklärte der Korangelehrte seinem Gast, aber der sei seit 1922 nicht mehr geöffnet worden. Den wolle er dem Wissenschaftler aus Deutschland besser erst am nächsten Tag zeigen.

Ari Awagana schläft unruhig in der Nacht, er ist voller Erwartungen. Denn seit Jahrzehnten forscht er in seiner alten Heimat Niger auf der Suche nach einem großen Fund. Der anerkannte Linguist spricht acht Sprachen, unter anderem Kanuri, Hausa, Zarma, Buduma und Fulfulde. Und seit Jahren verfolgt ihn die Gewissheit, irgendwo dort draußen in der kargen, schönen Sahel-Landschaft, in den Häusern und Palästen der Emire, Sultane und traditionellen Würdenträger müsse es doch noch unentdeckte Archive und alte Schriften geben, die die vielen Wirren, Umbrüche und Kriege der letzten Jahrhunderte überstanden haben.

Voller Erwartungen kommt Awagana am nächsten Tag zurück in das einfache Lehmhaus des Gelehrten. Dass der so lange verschlossene Raum geöffnet werden sollte, hatte sich schnell herumgesprochen, und so warteten noch zwei Dutzend weitere Neugierige auf Ari Awagana und den spannenden Moment. Wie am ersten Tag ist auch Camille Lefebvre dabei, Historikerin vom Pariser Nationalzentrum für wissenschaftliche Forschung (CNRS). Zusammen mit Awagana forscht sie in dem von der Europäischen Union geförderten Projekt "Sprache als Archiv." Nach Zinder, der zweitgrößten Stadt des Landes, waren sie gereist, um an einem Symposium und einer Ausstellungseröffnung teilzunehmen.

Unter Kolonialisten dominierte das Zerrbild vom angeblich unzivilisierten Afrika

Dann der große Moment. Die Beteiligten zwängen sich durch eine kleine, niedrige Tür in den dahinter liegenden zweigeteilten, schummrigen Raum. Darinnen stehen drei große Kisten, "zusammengerolltes Zeugs", sagt Awagana, eine Kalebasse, Amulette. An den Wänden hängen Ledertaschen mit Koranen und anderen Büchern. Der zweite Teil des Raumes steht leer, nur ein geglätteter Lehmboden ist zu sehen. Vielleicht liegt ein Grab darunter.

Zwei der verstaubten Kisten werden geöffnet. Bücher und Manuskripte kommen zum Vorschein - in Arabisch, Kanuri und Hausa. Einige Texte sind auf italienischem Papier geschrieben, das wahrscheinlich aus dem 16. oder 17. Jahrhundert stammt. Der Experte schließt das aus dessen Wasserzeichen, den drei Monden.

Ari Awagana ist beseelt, er ahnt, was da vor ihm liegt - obwohl manche Bücher und Seiten zerbrechlich sind, von Termiten zerfressen und nach Schimmel riechen. Doch es ist gut zu erkennen, was für Manuskripte hier vor ihm liegen. Es sind kommentierte Korane und islamische Exegesen, außerdem Vereinbarungen und Protokolle des Sultanats von Zinder, abgeschlossen mit Nachbarstaaten und mit den Franzosen, Handelsverträge der Transsahara-Routen, Verwaltungsdokumente, Rechnungen aus vorkolonialer Zeit, Gerichtsakten über Schulden, eine Klage einer Frau gegen ihren Mann, Korrespondenzen des Herrscherhauses, Texte zu okkulten Wissenschaften.

Doch in größere Aufregung versetzen Ari Awagana die besonderen Schriftzüge auf manchen Manuskripten. Sie gehören zu einer längst gestorbenen Sprache: Old Kanembu, der Gelehrten-Schriftsprache des untergegangenen, einst mächtigen Reiches Kanem-Bornu, dessen Ursprünge im 9. Jahrhundert liegen. Das Sultanat von Kanem und dessen Nachfolger Bornu gehörten zu den frühesten muslimischen Staaten im historischen Zentralsudan. Es erstreckte sich über ein enormes Territorium, das Teile der heutigen Staaten Tschad, Kamerun, Niger, Nigeria und Libyen umfasste.

Einst gab es hier einen regen intellektuellen Austausch mit den großen Gelehrten-Zentren Nordafrikas, Arabiens und Westafrikas. Der Handel entlang der Transsahara-Routen blühte, der Islam etablierte sich und mit ihm die arabische Schrift. Letztere verbreitete sich ähnlich dominant wie das Latein in Europa, und einige afrikanische Völker nutzen die arabischen Schriftzeichen, um ihre eigenen Sprachen zu verschriftlichen, so etwa die Songhay, Hausa oder Kanuri. Bereits im Mittelalter bezeichneten arabische Gelehrte solche afrikanischen Schriften als"Ajami", was übersetzt "Fremde" bedeutet. Mit diesem Namen wollten sie diese Schriftsprachen als unkorrekte, weniger wertvolle Varianten des Arabischen herabsetzen.

Vielleicht hat diese Einstufung mit dazu beigetragen, dass diese afrikanischen Schriftsprachen von westlichen Wissenschaftlern und Sammlern lange Zeit fast völlig ignoriert wurden, obwohl sie Jahrhunderte alt sind und man spätestens seit der Kolonialzeit sicher von ihnen wusste. Doch womöglich fehlte es an Sprachkenntnissen, außerdem gab es eine verbreitete Antipathie gegen den Islam und damit auch gegen die arabische Schrift. Und letztlich dominierte unter den europäischen Kolonialisten lange Zeit das Zerrbild vom unzivilisierten und unkultivierten Afrika, in dem angeblich keine eigenen Schriftsprachen existierten - und in dieses Bild passte auch das Old Kanembu nicht. Dass deutsche Afrikaforscher wie Heinrich Barth, Eduard Ludwig Vogel und Gustav Nachtigal die Gegend im 19. Jahrhundert intensiv bereisten, änderte an dieser Situation nichts.