Medizingeschichte Der Zahnarzt, der die Narkose erfand

Eine Tumorentfernung 1846 gilt als Beginn der Anästhesie. Der Arzt betäubte seinen Patienten mit einer Substanz, die "wilde Träume" hervorrief und die moderne Chirurgie erst ermöglichte.

Von Hubert Filser

Am 16. Oktober 1846 lag der Patient Gilbert Abbott unten im Operationssaal des Massachusetts General Hospital, umgeben von steil aufragenden Zuschauerrängen. Im Publikum saßen renommierte Akademiker der Harvard University. Doch die Anwesenden richteten ihren Blick zunächst nur auf den Mann neben Abbott, den Zahnarzt William Thomas Green Morton. Dieser kündigte an, dass er seinen Patienten gleich in einen schlafähnlichen Zustand versetzen werde, mit Hilfe einer geheimnisvollen Substanz.

"Das ist kein Humbug", erklärte Morton. Der Patient inhalierte das stechend riechende "Letheon" und spürte, so erzählt er selbst später, tatsächlich kaum, wie ihm der Chirurg John Warren einen Tumor am Nacken seitlich des Unterkiefers entfernte. Der Schmerz sei noch spürbar gewesen, so Abbott, doch deutlich abgeschwächt, so als habe jemand "mit einer Hacke die Haut aufgekratzt".

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Diese Tumor-Entfernung gilt als Geburtsstunde der Anästhesie. Nur wenige Tage vor der Schau-OP hatte William Morton Anfang Oktober 1846 das Narkosemittel in seiner Zahnarztpraxis erstmals erfolgreich ausprobiert und daraufhin dem Chirurgen Warren eine öffentliche Präsentation vorgeschlagen. Morton hoffte damals noch, dass er seine Substanz mit einem Patent schützen könnte. Doch schon bald war das Geheimnis um den aus Ethanol und Schwefelsäure hergestellten Diethylether gelöst, der heute noch umgangssprachlich Äther genannt wird.

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Bereits am 17. Oktober operierte Warrens Kollege George Hayward eine weitere Patientin öffentlich, er entfernte innerhalb von fünf Minuten unter Äther-Narkose einen "fettigen Tumor beträchtlicher Größe" aus ihrem Oberarm. Die Betäubung sei diesmal ein "völliger Erfolg" gewesen, notierte der Bostoner Chirurg Henry Bigelow im November 1846 im Fachblatt Boston Medical and Surgical Journal, dem heutigen New England Journal of Medicine. "Unter denen, welche die Operation sahen, gab es, so denke ich, keinen Zweifel, dass die Bewusstlosigkeit echt war."

Bigelow schildert weitere Fälle, wägt Nebenwirkungen wie die sinkende Pulsrate ab, berichtet von seinen Erfahrungen während der Amputation eines Beins. Tatsächlich bekamen, so sein Fazit, die Patienten nichts oder nur sehr wenig von den Operationen mit. In der Fachwelt wurden manche Nebenwirkungen wie seltsame, wilde Träume noch einige Zeit kontrovers diskutiert. Doch das Verfahren setzte sich durch. Bigelows Bericht wählten die Leser des Fachblatts vor wenigen Jahren zur wichtigsten Studie der vergangen 200 Jahre. Der damalige OP-Saal wird heute "Ether Dome" genannt.

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