Materialforschung:Altplastik, Altreifen, Hausmüll

Vielleicht scheiterten sie auch, weil die Zement-, Beton- und Baubranchen konservativ sind. Denn wer Hochhäuser oder Brücken baut, geht auf Nummer sicher und prüft neue Ideen sehr genau. So gibt es heute in Deutschland, Europa oder den USA zahlreiche Normen, in denen genau festgelegt ist, welche Zementmischungen und Betone man für einen bestimmten Zweck einsetzen darf.

Da ist es einfacher, die Ökobilanz von Beton zu verbessern, indem man neue Brennstoffe für die Öfen in den Zementwerken nutzt. Statt mit Kohle, Erdgas oder Erdöl zu heizen, nutzt man in Deutschland zunehmend alternative Brennstoffe - unter anderem Altplastik, Altreifen, Hausmüll, getrockneten Klärschlamm oder auch Tierfette. Alles in allem lag der Anteil dieser Brennstoffe in Deutschland im Jahr 2016 laut dem Verein Deutscher Zementwerke bei 65 Prozent. Schränkte man den Verbrauch von Gas, Kohle und Öl in der Zementproduktion weltweit in ähnlicher Weise konsequent ein, ließe sich der Kohlendioxid-Ausstoß der Zementindustrie allein dadurch um zwölf Prozent verringern.

Energie, Kohlendioxid und Rohstoffe ließen sich auch einsparen, wenn man künftig alte Gebäude stärker nutzte - und zwar in Form von sogenanntem Recycling-Beton. Er entsteht, wenn man Beton aus Abbruchhäusern zerkleinert und frischem Beton als Gesteinskörnung beimischt. So benötigt man weniger natürliches Gestein, das man in Kiesgruben und Flüssen ausbaggert oder in Steinbrüchen aus dem Fels sprengt. Zudem spart man sich den langen Transport zum Betonwerk. Das ist vor allem in Großstädten sinnvoll. Der Abbruch aus einem Gebäude lässt sich dort gleich auf der nächsten Baustelle wiederverwenden.

Aufbereiteter Beton aus Hausabbrüchen soll in Zukunft eine wichtigere Rolle spielen

In den Niederlanden und in der Schweiz verbaut man diesen R-Beton schon seit vielen Jahren in größerem Stil. In Deutschland ist man zögerlich. "R-Beton wird hierzulande noch sehr häufig mit Abfall und deshalb schlechter Qualität in Verbindung gebracht", sagt Wolfgang Breit, Leiter des Fachgebiets Werkstoffe im Bauwesen an der Technischen Universität Kaiserslautern. "Aufbereitetes Material aus dem Abbruch von Häusern wird bislang vor allem als Gesteinsschüttung im Straßenbau eingesetzt" - und damit weit unter seinem Wert. Downcycling nennen Fachleute diese Wiederverwertung von Stoffen in minderwertigen Produkten. "Im Grunde steht das im Widerspruch zum deutschen Kreislaufwirtschaftsgesetz, nach dem Stoffe eigentlich wieder ihrem ursprünglichen Kreislauf zuzuführen sind", sagt Breit.

Bislang aber schränken Vorschriften den Einsatz von R-Beton hierzulande stark ein. Betone mit einem Altbeton-Anteil von mehr als fünf Prozent müssen als R-Betone deklariert werden - und das heißt, dass das verwendete Recyclingmaterial mehrfach überprüft werden muss. Das bedeutet für die Hersteller einen hohen administrativen Aufwand und Mehrkosten.

Ganz anders ist die Situation in den dicht besiedelten Niederlanden und der Schweiz. In beiden Ländern gibt es nur wenige Stellen, an denen Kies für die Gesteinskörnung im Beton abgebaut werden kann. Daher geht man dort pragmatischer vor: In den Niederlanden darf Beton bis zu 30 Prozent Recycling-Betonbruch enthalten, ohne dass er als R-Beton deklariert werden muss. In der Schweiz muss man R-Beton erst ab 25 Prozent Recycling-Anteil als solchen ausweisen.

Dass die Deutschen beim R-Beton so zurückhaltend sind, hat seinen Grund. Mischt man frischem Beton Altbeton zu, ist es deutlich aufwendiger, eine gleich bleibende Qualität sicherzustellen. "Haften an der Gesteinskörnung des Altbetons noch Reste von altem Zement, dann kann das dazu führen, dass der Beton mehr Wasser zieht", sagt Beton-Experte Björn Siebert. "Von Beton-Charge zu Beton-Charge können die Eigenschaften mehr oder weniger stark schwanken. Das kann problematisch sein, wenn man große Teile betoniert, die eine gleichmäßige Qualität aufweisen sollen."

Doch solche Probleme kann man in den Griff kriegen, entgegnet Julia Scheidt, die im Team von Wolfgang Breit an der TU Kaiserslautern das Projekt "R-Beton" leitet. Angeregt durch die guten Erfahrungen aus den Niederlanden und der Schweiz hat die Ingenieurin mit ihrem Team und Industriepartnern untersucht, wie gut R-Beton tatsächlich ist. "Wenn man bei den Recyclingunternehmen Altbeton aus verschiedenen Hausabbrüchen auf großen Halden mischt, kann man durchaus eine gleichmäßige Qualität erreichen", sagt sie. Die Kooperationspartner haben viele Betonmischungen getestet. Das Ergebnis: R-Beton ist besser als viele geglaubt hatten. Scheidt: "Wenn man es richtig macht, kann er denselben Belastungen standhalten wie herkömmliche Betone."

Um zu zeigen, was ihr R-Beton kann, haben die Experten aus Kaiserslautern auf dem TU-Campus Fakten geschaffen: Sie haben mit dem Small-Haus III das erste Gebäude in Deutschland gebaut, das ganz aus R-Beton besteht. Das Gebäude ist zwar unscheinbar, aber es hat Strahlkraft, weil es zeigt wie "öko" Beton sein kann, wenn man nur will.

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