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Kartografie:Die Hinweise deuten auf einen Restaurator als Fälscher hin

"Die Anomalien in der Kopie von Christie's wiederholen sich in der von der BSB", sagt Nick Wilding, Historiker an der Georgia State University. "Das bedeutet: Wenn eine Fake ist, ist es die andere auch." Der auf alte Bücher spezialisierte Experte hatte die Karte vor der geplatzten Versteigerung geprüft, dabei fanden sich noch weitere Ungereimtheiten, etwa in der Orientierung des verwendeten Papiers. Der Verdacht bestätigte sich, als die Bayerische Staatsbibliothek die Ergebnisse einer materialwissenschaftlichen Untersuchung vorlegte. Demnach enthält die Druckfarbe als Hauptbestandteile Eisen und Titan. Vom 16. bis Ende des 19. Jahrhunderts wurde jedoch ausschließlich rußhaltige Druckfarbe verwendet. Von Ruß fand sich in der Karte der BSB keine Spur.

"Die Verwendung dieses titanhaltigen Pigments für die Druckfarbe deutet auf die Herstellung der Karte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hin", schreibt die Staatsbibliothek in einer Mitteilung. Damit "liegt eine moderne Kopie vor". In einem kürzlich erschienenen Buch geht der Historiker Wolfgang Jahn der Geschichte der Fälschung nach. Demnach deutet vieles auf den Restaurator Arthur Bruno Drescher hin, der mit der Restaurierung der Liechtensteiner Karte beauftragt war. Ursprünglich wollte der Kunsthändler H. P. Kraus diese Karte kaufen, beschuldigte Drescher jedoch einer fehlerhaften Arbeit, der Handel platzte.

Später kaufte Kraus eine Karte aus anderer Quelle. Nick Wilding vermutet, dass Drescher oder sein Lehrmeister Max Schweidler das Original bei der Restaurierung fotografierte und Fälschungen davon anfertigte, von denen eine auf Umwegen dann Kraus angedreht wurde. "Das Motiv war eine subtile Rache gegen Hans P. Kraus", schreibt Jahn.

Warum benannte der Kartograf die neue Welt nach Vespucci statt nach Kolumbus?

Unverdächtig ist hingegen die Globussegmentkarte in der Münchner Unibibliothek. Sie fiel einer Mitarbeiterin 2012 durch Zufall in die Hand. Als sie routinemäßig eine Angabe im Katalog überprüfte, stieß sie in einem Geometrie-Buch auf die Geburtsurkunde Amerikas. Da das Buch im 19. Jahrhundert als Sammelband gebunden wurde und in der Sammlung der Uni schlummerte, kann eine Fälschung - wie bei der Karte in Minnesota und zwei weiteren bekannten Exemplaren - ausgeschlossen werden.

Allerdings unterscheidet sich die Karte von den anderen echten. Sie trägt als einzige die Angabe "Diameter Globi" zur Größe des Globus, auch die Lagen einzelner Länder wie Madagaskar unterscheiden sich. Zudem weist das Wasserzeichen des Papiers darauf hin, dass sie etwa zehn Jahre später als die anderen gedruckt wurde. Möglicherweise legten Waldseemüller und Ringmann ihr Medienpaket knapp ein Jahrzehnt nach dem ersten erneut auf.

Das deutet auf eine durchschlagende Wirkung der Karte in der damaligen europäischen Gesellschaft hin. Klar ist, dass die Darstellung einer neuen Welt, umgeben von Ozean, erheblich vom akzeptierten Wissen über die Welt abwich, das bis dato auf der Arbeit des griechischen Gelehrten Ptolemäus aus dem zweiten Jahrhundert beruhte. Zugleich zitiert Waldseemüller den antiken Geografen weiterhin, etwa bei der Darstellung des indischen Subkontinents. Historiker betrachten die Karte daher als Wegscheide zwischen dem überlieferten Wissen und den neuen Erkenntnissen, die Seeleute wie Vespucci von ihren Fahrten mitbrachten.

Doch warum trägt der neue Erdteil den Namen Vespuccis und nicht von Christoph Kolumbus, der doch 1492 zuerst in der Karibik landete? Sicher ist, dass sich Ringmann und Waldseemüller bei der Benennung auf einen Reisebericht Vespuccis stützten, in dem dieser von einer "Mundus Novus" berichtete, einer neuen Welt. Kolumbus hatte hingegen bis zu seinem Tod darauf beharrt, einen neuen Seeweg nach Asien gefunden zu haben, keinen neuen Kontinent. Im Begleitband begründen die Gelehrten Ringmann und Waldseemüller ihre Namenswahl auch mit der Geschlechtergerechtigkeit: "Ich wüsste nicht, warum jemand mit Recht etwas dagegen einwenden könnte, diesen Erdteil nach seinem Entdecker Americus, Amerige, nämlich das Land des Americus oder America zu nennen; denn Europa und Asien haben ihren Namen nach Frauen."

© SZ vom 16.03.2020/hmw
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