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Umwelt:Nur die Weichen bleiben

A healthy coral reef with both hard corals and softer - bodied relatives at Chinchorro Reef in the Mexican Caribbean Sea.

Intakte Korallenlandschaften sind immer seltener zu finden.

(Foto: David Paz-Garcia)

Trotz Klimakrise wird es weiter Korallen geben. Allerdings keine mehr, die Riffe bilden. Was bedeutet das für den Menschen?

Von Tina Baier

Es ist nicht das erste Mal, dass eine Veränderung des Klimas das Überleben der Korallen bedroht. Nach neuen Erkenntnissen gibt es die Nesseltiere seit 770 Millionen Jahren. Sie haben also schon öfter starke Veränderungen sowohl des Klimas als auch der chemischen Zusammensetzung der Ozeane mitgemacht. Ein Team um die Meeresbiologin Andrea Quattrini vom National Museum of Natural History in Washington hat jetzt untersucht, wie sich diese Umweltveränderungen in der Vergangenheit auf verschiedene Korallen sowie auf Seeanemonen ausgewirkt haben, die wie Stein- und Oktokorallen zu den Blumentieren (Anthozoa) gehören.

Die Ergebnisse, die im Fachjournal Nature Ecology and Evolution veröffentlicht wurden, lassen nach Ansicht der Studienautoren auch Rückschlüsse darauf zu, was mit den Blumentieren in Zukunft passieren wird, wenn der Klimawandel weiter fortschreitet. Die gute Nachricht ist: Die Klasse der Blumentiere an sich wird wohl nicht aussterben, einzelne Arten aber durchaus. Zudem wird sich stark verändern, welche Spezies häufig vorkommen und welche selten.

Die Wissenschaftler untersuchten Hunderte Arten von Blumentieren aus naturkundlichen Sammlungen, die in den verschiedensten Regionen der Welt gesammelt worden waren. Um die Verwandtschaftsbeziehungen zwischen ihnen zu erkunden, analysierten sie das Erbgut. Ein Abgleich dieser Daten mit Fossilienfunden gab schließlich Aufschluss darüber, wie sich die Blumentiere im Lauf der Jahrmillionen entwickelt hatten.

Am bekanntesten sind wahrscheinlich die Steinkorallen, jene Tiere, die Riffe wie das Great Barrier Reef vor der Nordostküste Australiens bilden. Das harte Skelett der Steinkorallen, von denen es etwa 1300 verschiedene Arten gibt, besteht hauptsächlich aus Aragonit, einer Form von Kalziumkarbonat, das die Tiere aus Mineralstoffen bilden, die sie aus dem Wasser aufnehmen. Das weichere Skelett der Schwarzen Korallen und der Gorgonien besteht dagegen aus Proteinen und Kalzit. Seeanemonen haben gar kein Skelett.

In der Karibik breiten sich bereits weiche Blumentiere aus, die saures Wasser tolerieren

Der Klimawandel bedroht vor allem die Steinkorallen. Nicht nur wegen der steigenden Wassertemperatur, die dazu führt, dass die Tiere ausbleichen. Mindestens genauso bedrohlich ist, dass die Ozeane versauern, weil die Konzentration von Kohlendioxid in der Atmosphäre steigt, sodass sich auch mehr CO₂ im Meerwasser löst. "Aragonit löst sich auf, wenn die Ozeane versauern", sagt Andrea Quattrini. Daher sei es wahrscheinlich, dass sich die Skelette der Steinkorallen auflösen oder zumindest nicht weiterwachsen können.

Auch in der Vergangenheit gab es immer wieder Phasen, in denen das Wasser der Meere sauer war. In diesen Zeiten habe es sogar mehr verschiedene Arten von Blumentieren gegeben, schreiben die Autoren. Allerdings vor allem Seeanemonen und Korallen, deren Skelett aus Proteinen oder Kalzit besteht, das in saurem Wasser stabiler ist als Aragonit. Keine Arten also, die Riffe bilden.

Nach Ansicht der Studienautoren werden sich die Blumentiere auch in der aktuellen Klimakrise in diese Richtung entwickeln. Ökologische Untersuchungen zeigten schon jetzt, dass "weiche" Blumentiere die Skelette abgestorbener Steinkorallen besiedeln und dort gedeihen, sagt Quattrini. In der Karibik beispielsweise wachsen an mehreren Stellen, an denen es früher Steinkorallen gab, jetzt dichte Gorgonien-Wälder.

Die Studie zeigt, dass sich Blumentiere wahrscheinlich an die vom Menschen verursachten Umweltveränderungen anpassen können und den Klimawandel überleben werden. Viele Steinkorallen werden aber wohl aussterben und durch andere Korallenarten ersetzt. "Die Frage ist dann, ob der Mensch es schafft, sich anzupassen, wenn es die Natur, wie wir sie jetzt kennen, nicht mehr gibt", sagt Estefanía Rodriguez vom American Museum of Natural History in New York, die an der Studie beteiligt war.

© SZ
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