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Plastikmüll:Wie man Kontaktlinsen richtig entsorgt

Was tun mit alten Kontaktlinsen?

(Foto: Christian Endt/Christian Endt, Fotografie & Lic)

Kontaktlinsen in den Ausguss zu spülen, ist keine gute Idee. Mit dem Klärschlamm landen sie als Plastikmüll auf den Feldern. 

Von Andrea Hoferichter

Wer Tages-Kontaktlinsen trägt, kennt die Situation im Badezimmer vermutlich. Sind die Sehhilfen erst einmal aus den Augen gefriemelt, möchte man sie am liebsten in die Kanalisation befördern. In den USA jedenfalls spült jeder Fünfte Wegwerflinsen über das Waschbecken oder die Toilette ins Abwasser - und trägt damit zur Plastikflut in die Umwelt bei.

Kläranlagen halten die Kunststoffe nur zum Teil zurück. Mit dem Klärschlamm landet der Linsenmüll auf dem Acker. Das berichtet ein Team der Arizona State University im Fachblatt Environmental Science and Technology.

"Chemisch haben die Kontaktlinsen alle Prozesse nahezu unverändert überstanden"

Die Forscher hatten 416 Kontaktlinsenträger in einer repräsentativen Online-Erhebung unter anderem dazu befragt, welche Linsentypen sie bevorzugen und wie sie diese entsorgen. Außerdem untersuchten sie in einer Kläranlage, was mit weggespülten Kontaktlinsen, die meisten aus sogenannten Silikon-Hydrogelen, passiert. Dazu steckten sie die Sehhilfen mehrerer Hersteller in Nylonnetze, hängten diese in verschiedene Klärbecken und prüften die chemische Zusammensetzung.

"Chemisch haben die Kontaktlinsen alle Prozesse nahezu unverändert überstanden", sagt Projektleiter Charles Rolsky. Weder Bakterien, die mit Sauerstoff Abbauhöchstleitungen vollbringen, noch solche, die anaerob am effektivsten arbeiten, konnten den Haftschalen etwas anhaben.

Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass die Linsen in den Klärbecken zu Boden sinken und im Klärschlamm landen. Sie fanden Linsenfragmente im Schlamm und konnten mit Labortests zeigen, dass die Kunststoffe auch gängigen Klärschlammbehandlungen mit Kalk trotzen. Da ein Teil des Schlamms als Dünger auf Feldern verteilt wird, gelangt der Linsen-Plastikmüll schließlich in die Umwelt.

In den USA sind es der Studie zufolge etwa 24 Tonnen im Jahr. Noch unklar ist, ob zusätzlich kleinere Linsenfetzen in den Klärbecken durch anhaftende Gasblasen Auftrieb bekommen und mit dem geklärten Wasser in Bäche und Flüsse eingeleitet werden.

"Einweg-Kontaktlinsen sind eine unterschätzte Quelle für Makro- und Mikroplastik, nicht nur in den USA, sondern weltweit", sagt Rolskys Kollege Rolf Halden. Dass die Menge angesichts der Millionen Tonnen Plastikabfälle, die sich Jahr für Jahr in Böden und Gewässern anreichern, kaum ins Gewicht fällt, bestreitet der Forscher nicht: "Der Beitrag ist klein, aber komplett vermeidbar".

Schließlich müssten die Linsen lediglich im Hausmüll entsorgt werden oder, falls vorhanden, in einem Recyclingsystem. Doch bisher fehlten in der Regel entsprechende Hinweise auf Verpackungen oder Beipackzetteln.

In Deutschland gibt es keine vergleichbaren Studien. Peter Frankenstein vom Deutschen Industrieverband für Optik, Photonik, Analysen- und Medizintechnik Spectaris glaubt nicht, dass sich die Ergebnisse aus den USA übertragen lassen. "Wir haben leider keine Erhebungen dafür, aber für die Konsumenten ist es zum ganz großen Teil sicherlich gelerntes Wissen, wie Kontaktlinsen zu entsorgen sind", sagt er.

Entsprechende Hinweise hält er dennoch für sinnvoll. Abfallentsorgern zufolge gehören Kontaktlinsen in den Restmüll und nicht etwa in die Wertstofftonne. Sie würden sonst andere Kunststoffströme verunreinigen und, weil sie so klein sind, ohnehin wieder im Restmüll landen.

Ob bioabbaubare Kontaktlinsen aus nachwachsenden Rohstoffen, etwa aus Soja, das Problem in absehbarer Zeit entschärfen können, ist ungewiss. "Das ist bisher reine Spekulation", sagt etwa Neil Pence von der Indiana University School of Optometry.

Für Klaus Kümmerer von der Leuphana-Universität Lüneburg wären solche Linsen ohnehin nicht die beste Option, da sie die Einweg- und Wegwerfmentalität unterstützen würden. Ihm schwebt eher ein Sammelsystem ähnlich wie für Batterien vor. "Das hätte Signalwirkung für die Verbraucher und für künftiges Produktdesign", sagt er.

"Wir würden uns aber deutlich mehr Aufklärung und Recycling in der ganzen Kontaktlinsenindustrie wünschen"

In den USA, Kanada, Australien, den Niederlanden und in Großbritannien gibt es solche Rücknahmesysteme schon. Initiiert wurden sie von zwei Kontaktlinsenherstellern und dem US-amerikanischen Recyclingunternehmen Terracycle.

Linsenträger können alte Linsen samt Verpackungen bei teilnehmenden Optikern abgeben oder in plastikfreien Mehrwegverpackungen einschicken. Aus den Altlinsen entstehen bisher allerdings keine neuen Linsen, sondern, wie aus vielen anderen Kunststoffen auch, zum Beispiel Parkbänke oder Spielplatzrutschen.

Das Forscherteam aus Arizona begrüßt solche Programme. "Wir würden uns aber deutlich mehr Aufklärung und Recycling in der ganzen Kontaktlinsenindustrie wünschen und auch, dass stärker darauf geschaut wird, die Kunststoffe aus nachwachsenden Rohstoffen herzustellen", sagt Halden.

Korrekt entsorgte Tageslinsen schneiden bei der Vermeidung von Kunststoffmüll übrigens nicht unbedingt schlechter ab als länger haltbare Linsentypen. Schließlich müssen für Monats- oder Jahreslinsen regelmäßig Aufbewahrungs- und Reinigungsflüssigkeiten in recht dickwandigen Kunststoffflaschen angeschafft werden. Wer mehr Plastik einsparen will, sollte auf eine Brille mit echten Gläsern und einem Gestell aus recyceltem Kunststoff oder Metall umsteigen.

© SZ
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