Kommunikation Singende Mäuse verteidigen trillernd ihr Territorium

Singende Mäuse gibt es tatsächlich. Und ihre "Lieder" sollen nicht nur Artgenossen anlocken oder abschrecken. Mit ihren "Gesängen" bestimmen die Tiere sogar die Grenze zwischen den Territorien unterschiedlicher Arten.

Von Markus C. Schulte von Drach

Wer in den Nebelwäldern oder Savannen Mittelamerikas ein hohes, kaum hörbares Zwitschern oder Trillern vernimmt, das nicht aus den Bäumen, sondern vom Erdboden kommt, der hört vermutlich eine Maus singen. Und wer das Tier tatsächlich entdeckt, sieht es aufgerichtet, den Kopf in die Höhe gereckt, wie es eine Reihe von für den Menschen hörbaren und unhörbaren Tönen gen Himmel ausstößt.

Es sind zwei Arten der singenden Braunmäuse, die hier vorkommen: die Alston-Braunmaus (Scotinomys teguina) und die etwas größere Chiriqui-Braunmaus (Scotinomys xerampelinus). Und bereits länger ist bekannt, dass die Tiere Konkurrenten und möglichen Partner ihre Präsenz signalisieren.

US-Wissenschaftler berichten nun allerdings, dass die kleinen Nager nicht nur für ihre Artgenossen "singen". Sie nutzen auch das Getriller der jeweils anderen Art als Informationsquelle.

Die Mäusearten wiesen sehr ähnliche Lebensweisen auf: Beide sind tagaktiv und fressen Insekten. Trotzdem sind sie normalerweise nicht im selben Gebiet zu finden. Die Forscher haben nun herausgefunden, wie es den Tieren gelingt, der Konkurrenz aus dem Weg zu gehen, ohne sich prügeln zu müssen.

Die Chiriqui-Braunmaus bevorzugt offenbar etwas gemäßigtere Temperaturen als ihre Verwandtschaft, weshalb sie sich auf die höheren und kühleren Bergregionen beschränkt. Die Alston-Braunmäuse aber haben weder Problem mit der Wärme der tieferen Lagen, noch mit der Kälte in größerer Höhe. Sie interessieren sich durchaus für den Lebensraum der größeren Chiriqui-Mäuse.

Wie Steven Phelps von der University of Texas in Austin und seine Kollegen im Fachjournal American Naturalist schreiben, reagieren die Chiriqui-Braunmäuse nun nicht nur auf Konkurrenten ihrer eigenen Art mit Gesang. Sie halten sich damit auch die Alston-Braunmäuse vom Hals.

Hört eine Alston-Braunmaus den Gesang ihres größeren Verwandten, so flieht sie still und leise aus dessen Revier. Ist ein Gebiet jedoch frei von Chiriqui-Braunmäusen - etwa weil neugierige Wissenschaftler sie alle gefangen haben -, so wandern die Alston-Braunmäuse ein und übernehmen es. Die größeren Mäuse signalisieren den kleineren also die nicht zu übertretenden Grenzen zum verbotenen Chiriqui-Territorium.

"Die meisten Leute sind verwundert, wenn sie von singenden Mäusen hören, aber tatsächlich erzeugen viele Nagetiere wie Mäuse, Ratten oder sogar Hamster komplexe Lautäußerungen'", sagt Co-Autor Bret Pasch von der University of Texas. "Häufig sind sie so hoch, dass sie außerhalb der menschlichen Wahrnehmungsfähigkeit liegen." Deshalb nehmen manche Biologen wie etwa Matina Kalcounis-Rueppell von der University of North Carolina in Greensboro die "Ultraschall-Gesänge" von Mäuse auf und spielen sie so langsam ab, dass sie zu hören sind.

Aber dass zwischen zwei Arten eine Kommunikation stattfindet, über die die Grenze zwischen den Lebensräumen bestimmt wird, war bislang unbekannt.